Nach der Bromance: Die Entdeckung der „bromosexual friendship“

Immer mehr Medien stilisieren die Freundschaft zwischen einem Homo- und einem Hetero-Mann zum nächsten, großen Thema. Aber sind „bromosexual relationship“ wirklich etwas Besonderes?

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Ich bin schwul. Ich habe einen besten Freund, der hetero ist. Easy.

Wie in „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf. Tschick ist auch schwul. Er ist der beste Freund von Mike. Vor seinem Coming-Out, nach seinem Coming-Out. Daran ändert sich genau: gar nichts. Eine intime Freundschaft der beiden ist unkompliziert möglich. Sie ist nichts Besonderes, weil sie sich in nichts zu einer Männerfreundschaft unter Hetero-Männern unterscheidet.

Dennoch ist diese Art von Freundschaft – die zwischen Homo- und Hetero-Mann – der New York Times einen Artikel mit dem Titel „The Rise of the ‘Bromosexual’ Friendship“ wert. Nach der Bromance (zwei Hetero-Männer sind intime Freunde, aber nicht schwul, eher wie Brüder) erlebt die – Achtung, schlimmes Label! – „bromosexual friendship“ also gerade einen Aufstieg.

Ich bin mir unsicher. Was stimmt denn jetzt? Lohnt es sich, die „bromosexual relationship“ genauer anzuschauen? Braucht es wirklich ein eigenes Label?

Ein Mann muss für die Freundschaft sterben

Andreas Kraß ist Professor für Literatur am Literaturwissenschaftlichen Institut der Humboldt-Universität in Berlin. Er schrieb das Buch „Ein Herz und eine Seele – Geschichte der Männerfreundschaft“. Darin untersuchte er, wie Männer-Freundschaften in der Literatur dargestellt sind. Immer wieder taucht dieselbe Frage auf: Warum muss immer ein Mann sterben, damit der andere auf passionierte Weise über die Freundschaft sprechen kann?

Im Interview sagt er mir: „Seit der Antike müssen für Freundschaften zwischen Männern, die affektiv aufgeladen sind, gewisse Vorkehrungen getroffen werden: Einer muss sterben. Der Tod ist quasi die Lizenz, um passioniert über die Freundschaft reden zu können.“ Sonst käme nämlich noch der literarische Verdacht auf, die betreffenden Männer wären schwul.

Und bei Tschick, das inzwischen im Deutschunterricht gelesen wird und in seiner Bedeutung vielleicht Goethes Werther abgelöst hat, ist das anders, sagt Andreas Kraß. Die beiden Helden des Buches würden zwar in Lebensgefahr geraten, aber es müsse niemand mehr sterben. Weil der Verdacht, dass diese beiden Männer etwas miteinander haben könnten, heute kein Problem mehr ist. Ihre Freundschaft – in der ganz nebenbei einer der beiden schwul sein darf – ist dadurch etwas Neues in der Literatur.

Keine leichten Voraussetzungen

Konnten Homo-Mann und Hetero-Mann früher etwa nicht befreundet sein? Erst 1994 fiel in Deutschland der Paragraf 175, der schwulen Sex unter Strafe stellte. Es ist nicht so lang her, dass es für ganze Generationen schwuler Männer schlicht gefährlich war, sich Hetero-Männern zu öffnen. Das ist heute kaum mehr vorstellbar.

Freundschaften dieser Art habe es aber schon immer gegeben, sagt Janosch Schobin. Er ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel. Allerdings: „Über Jahrhunderte wurden nur [Hetero-, Anmerkung der Redaktion] Männerfreundschaften thematisiert, dann folgte die Beschäftigung mit der Freundschaft zwischen Frauen. Homo-Freundschaften waren lange ein großes Tabu.

„Ende der 90er Jahre bekamen Schwule mehr Aufmerksamkeit durch die mittlerweile fast zum Klischee verkommenen Freundschaft zwischen dem schwulen Mann und seiner besten Freundin. „Die Beschäftigung mit ‚bromosexual friendship‘ ist nun die nächste Entwicklung“, sagt Schobin.

„Wird es etwas verändern, wenn er erfährt, dass ich schwul bin?“

Ich erinnere mich an nachgehustete „Du Homo!“-Beleidigungen auf dem Schulhof und den dadurch entstandenen inneren Konflikt, der noch immer kurz in mir aufkommt, wenn ich jemanden kennenlerne: „Wird es etwas verändern, wenn er erfährt, dass ich schwul bin?“

Meinem heutigen besten Freund war das – soweit ich das einschätzen kann – völlig egal, als wir uns kennenlernten. „Unsere Themen sind sehr ähnlich“, sagt er, „weil wir beide Männer sind.“ Unsere Sexualität spiele dabei keine Rolle: „Irgendwie erscheinen mir unsere sexuellen Unterschiede gar nicht so groß und überwiegend. Unsere Freundschaft funktioniert ganz unabhängig von Hetero- und Homosexualität.“

Eine Freundschaft, die aus zwei Welten erzählt

Ich bin sehr froh über unsere Freundschaft. Sie macht hinterhergehustete Beleidigungen wieder gut. Arnd Bächler ist psychologischer Psychotherapeut der Schwulenberatung Berlin und bestätigte mir, dass die Freundschaft zu einem Hetero helfen kann, alte Wunden und Traumata zu heilen.

Es gibt also einen ziemlich konkreten Nutzen in unserer Freundschaft für mich. Kann sie denn auch einen Nutzen für meinen besten Freund haben? Arnd Bächler sagt: „Für Heteros kann es entspannter mit Schwulen sein, weil sie nicht den Macho spielen müssen. Sie können sie selber sein, über Schwächen und Probleme reden und nicht zwangsläufig den Macher spielen, der immer stark ist und für alles eine Lösung hat.“

Aber da ist auch viel Neugier. Denn wir leben in unterschiedlichen Welten und sie führen zu gegenseitiger Faszination. Mein bester Freund wird jetzt Vater. Das kann ich nicht so einfach erleben – wie es ist, eine Familie zu gründen, eine Vaterrolle einzugehen, erlebe ich jetzt durch ihn.

Auf der anderen Seite fragt er mich nach der Schwulenszene. „Schwule Männer werden viel freier wahrgenommen, sie führen öfter mal eine offene Beziehung stehen vielleicht schneller zu ihren Bedürfnissen und handeln diese klarer aus“, sagt Arnd Bächler. In schwulen Beziehungen lassen sich Sex und Liebe schneller trennen – vielleicht weil kein Kind die Beziehungspartner aneinander bindet. Außerdem ist diese Freizügigkeit für schwule Männer oft viel leichter integrierbar– sie sind oft mit ehemaligen Geliebten weiterhin befreundet.

Ewige Treue ist eine heteronormative, eheliche Narration, die Homos nicht befolgen müssen. Oder, wie Janosch Schobin sagt: „Sexualität unterlegt schwule Bindungen nicht und zerstört sie nicht. Sie muss auch nicht durch Institutionen wie die Ehe gesichert werden.“ Das kann durchaus faszinierend wirken. Mal abgesehen davon, dass offene Beziehungen für jedes Paar unterschiedlich gut funktionieren und es harte Arbeit ist, seine Bedürfnisse zu reflektieren und zu kommunizieren – egal ob homo, hetero, Mann*Frau.

„Bromosexual friendships“ ist so ein Label, das erstmal ziemlich plump wirkt. Aber: Diese Art der Freundschaft hat ihre Eigenheiten, denn sie ist – wie ihre literarische Abbildung – noch gar nicht so lang selbstverständlich.

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