Nachts begleitet mich die Angst – oder warum mein Schlüssel zur Waffe wird

Es gibt wohl keine Frau, die auf dem Weg nach Hause nicht schon einmal blöd angemacht wurde. Viele können damit umgehen, es ignorieren und haben Glück: Es passiert nichts. Doch diese nächtlichen Begegnungen bringen kleine Panikattacken und großes Unwohlsein mit sich. Daher haben wohl viele ihre Tricks, sich zu bewaffnen.

Die Nachtluft könnte so erfrischend sein – wäre da nicht die Angst. Foto: Pexels | CC0 Lizenz

Früher fühlte ich mich in der kühlen Nachtluft unnahbar, frei und sorglos

Ich bin von Natur aus ein ängstlicher Mensch. Auch deswegen habe ich mir das Wort „Courage“ auf den Oberarm tätowiert. Vor einer Sache hatte ich allerdings nie Angst: alleine sein. Vor Einsamkeit schon, logisch. Aber freiwillig alleine zu sein, das finde ich toll. Ich bin schon mitten in der Nacht 50 Blocks auf der East Side Manhattans alleine nach Hause gelaufen. Im Sommer habe ich häufig mit dem Fahrrad zehn Kilometer Feldweg hinter mich gelegt, ohne auch nur den Anflug von Furcht zu spüren.

Ich liebe die kühle Nachtluft und dass mich zu nächtlichen Uhrzeiten niemand mit Anrufen, SMS oder Facebook-Updates nervt. Die nächtliche Ruhe erfüllte mich mit dem Gefühl von Freiheit, Zufriedenheit und Glück. Wahrscheinlich war ich deswegen vor einiger Zeit so überrascht, fast belustigt, als meine Großeltern meinen Schwestern und mir Pfefferspray schenkten.

Ich war vielleicht 19 Jahre alt, meine jüngste Schwester 18 – also tatsächlich genau das Alter, in dem man sehr viel unterwegs ist, häufig alleine und nachts. Trotzdem verdrehte ich damals die Augen. Als ob ich ein Pfefferspray brauche.

Ich wurde bis dato noch nie dumm angemacht und wenn, dann habe ich es als Kompliment gesehen. Außerdem glaube ich an gute Energie, an Karma und daran, dass man mit seinen Gedanken viel steuern kann. Meine Überlegung: Wenn ich eine solche Waffe also tatsächlich dabei habe, dann passiert mir auch was. Weil ich ausstrahle, dass ich Angst habe. Dass ich erwarte, dass mir etwas passiert. Und letztlich kann ich mir bis heute nicht so richtig vorstellen, dass ich wirklich schnell genug zum Spray greifen könnte, falls etwas passiert.

Trotzdem wünsche ich mir inzwischen immer öfter, es dabei zu haben. Warum? Weil alleine nach Hause gehen als Frau echt uncool ist.

Nicht nach Hause gehen, wann man will, sondern wenn alle gehen: damit man nicht alleine ist

Als Teenager habe ich das genossen: Wenn meine Eltern wollten, dass ich um halb zwölf zu Hause bin, konnte ich sagen, dass meine Freunde aber erst um eins gehen. Dann durfte ich genauso lange bleiben.

Der Gedanke, dass ihre erstgeborene Tochter sich trotz des zarten Alters die Nächte um die Ohren schlägt, war ihnen lieber als der, dass ich alleine unterwegs sein könnte. Und tatsächlich brachten meine Freunde mich bis vor die Haustür. Heute bin ich 21 Jahre alt und es juckt niemanden mehr, wann ich nach Hause komme.

Trotzdem kann ich oft nicht gehen, wann ich will. Denn das hieße, dass ich alleine gehen müsste, weil ich meinen Freunden nicht die Party verderben will. Was früher nach Freiheit und Abenteuer schmeckte, hat heute den bitteren Geschmack von Furcht. Wenn ich doch alleine bin – etwa weil ich im Moment in Berlin lebe, wo ich nur wenige Leute kenne –, dann bleibe ich auf Hauptstraßen, in der Nähe von Menschen und Lichtern. Wenn das nicht geht, bewaffne ich mich.

[Außerdem bei ze.tt: Kurzfilm zeigt die Angst von Frauen auf dem nächtlichen Heimweg]

Ich nehme mein Handy in die Hand und überlege, wen ich anrufen kann. Aber wer will schon um vier Uhr morgens meine paranoide Stimme hören und smalltalken bis ich sicher zu Hause bin? Inzwischen gibt es eine Leitstelle, die man über eine App anrufen kann. Hier wird der Standort zu jedem Zeitpunkt übermittelt und gleichzeitig kann man mit einer Person am anderen Ende telefonieren. Auf Knopfdruck kann man hier auch einen Notruf absetzen.

Warum? Weil über 60 Prozent der Frauen schon sexuelle Belästigung erlebt haben. Genutzt habe ich dieses Angebot aber noch nie: Wenn ich nachts das letzte dunkle Stück alleine gehen muss, dann hilft mir nur zu rennen. Denn was habe ich davon, wenn man am nächsten Tag weiß, wo man am besten nach meiner Leiche gucken muss?

Schlüssel, Schmuck, Sprühdeo: Vorkehrungen, die zum Alltag gehören

Nicht nur in Nächten, in denen schattige Gestalten und unheimliche Gedanken meinen Körper mit einem kalten Schaudern erwischen, habe ich eine weitere Routine: Mein Schlüssel bleibt in meiner Hand. Und zwar nicht irgendwie in der Faust versteckt, sondern mit den Schlüsselspitzen nach außen. Nicht, dass ich glaube, dass ich tatsächlich jemanden verletzen könnte. Aber sicher ist sicher.

Trotzdem fühle ich mich ein bisschen blöd, wenn ich das mache. Was erwarte ich denn?

Nach wenigen Klicks der Recherche für diesen Text merke ich: Ich bin überhaupt nicht blöd. Und erst recht nicht alleine mit meiner Angst. Die Journalistin Bridget Minamore hat vor einiger Zeit bei The Pool einen Text geschrieben, in dem sie erklärt, dass sie ihren ganzen Schmuck nicht ausschließlich trägt, weil sie ihn so schön findet, sondern auch weil er ihr das Gefühl gebe, gewissermaßen bewaffnet zu sein. Als gute Alternative zu Pfefferspray nennt sie Sprühdeo. Auf Twitter hat sie eine Umfrage gestartet, wie viele Frauen ihre Schlüssel wie ich auf dem Heimweg zur Selbstverteidigung aufrüsten. Von 3.293 Frauen gaben 80 Prozent eine positive Rückmeldung. Das sind 2.634 Frauen, die meine Angst regelmäßig mit mir teilen.

Mir ist zum Glück noch nichts passiert, was mein Verhalten wirklich rechtfertigen würde. Trotzdem wächst der Gedanke, einen Selbstverteidigungskurs zu machen, seit meine Freundin das vorgeschlagen hat. Woran das liegt? Vielleicht daran, dass mein Verständnis dafür, wie unsere Gesellschaft in mancher Hinsicht tickt, immer größer wird.

Daran, dass ich nachts angequatscht und angemacht werde, auch wenn ich Kopfhörer in den Ohren habe und telefoniere. Daran, dass viele Dinge nicht mehr nur in der Zeitung, sondern plötzlich auch im eigenen Umfeld passieren. Und daran, dass ich realisiert habe, wie schnell ein Vorfall auch „meine Schuld“ sein kann. Denn sogar einige Menschen, die mir nahe stehen, haben schon Sätze verlauten lassen, wie „Na, der Rock war ja auch zu kurz“, „Um die Uhrzeit sollte man ja auch als Mädchen nicht alleine unterwegs sein“ oder „Dann darf eine Frau sich eben nicht betrinken“.

Lerne: Wenn du als Frau in der heutigen Zeit trägst, was dir gefällt, und das eben nicht Baggyjeans und Rollkragenpullis sind, alleine unterwegs bist oder dich von bewusstseinserweiternden Substanzen beeinflussen lässt, bist du schnell selbst daran schuld, wenn du nicht sicher zu Hause ankommst. Und genau daher kommt auch unser Verhalten: Schlüssel, Schmuck, der Wunsch nach Pfefferspray und einem Selbstverteidigungskurs.

Denn in unserer Gesellschaft existiert die Idee, dass Frauen verantwortlich sind, ihre eigene Sicherheit zu gewährleisten und die sexuelle Aufmerksamkeit und Aggression der Männer zu managen. Weil Männer sich angeblich von ihren Trieben steuern lassen und sich häufig nicht unter Kontrolle hätten. Wo bleibt da die Verantwortung für ihr handeln?

„Nicht von fremden Männern ansprechen lassen!“ ist ein Spruch, den Eltern und Freunde gerne mit auf den Weg geben, wenn man alleine unterwegs ist. „Keine fremden Frauen ansprechen!“ habe ich hingegen noch nie gehört.


Von Victoria Kempter auf EDITION F.

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