Natürlich geht Tanzen im Rollstuhl

Sie zuckt oft unwillkürlich, kann nur schlecht reden und nicht laufen. Aber sie kann tanzen.

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Olesia Kornienko während eines Auftritts © privat

Olesia Kornienko stammt aus einer kleinen Stadt in Sibirien und lebt heute mit ihrer Mutter in Vancouver, Kanada. Seit ihrer Kindheit hat sie zerebrale Kinderlähmung. Das ist eine Schädigung des Gehirns während der Geburt. Symptome sind spastische Lähmungen, Störungen in der Sprachentwicklung und Krampfanfälle.

Solch eine Krankheit ist ohnehin ein schweres Schicksal. Schlimmer noch, wenn man in den 80er und 90er Jahren in Russland aufwächst. Solange sie klein war, wurde Olesia von ihrer Mutter, Großmutter und Tante getragen. Als sie zu schwer wurde, saß sie oft auf der Bank vor ihrem Haus, ohne Rollstuhl, ohne Freunde. Stattdessen spielte sie mit Hunden und Katzen.


Als Jugendliche zog Olesia mit ihrer Mutter durch Europa, es war ein Leben zwischen Kliniken und Gästezimmern. Immer auf der Suche nach einem Ort und einer Gesellschaft, in der Olesia mit ihrer Krankheit angenommen und gut behandelt wird.

Dann kam die Wende: In einem Rehabilitationszentrum in Polen wurde Olesia zur ihrer ersten Tanzstunde geschoben. „Danach wollte ich gleich wieder aufgeben“, schreibt sie mir auf Englisch. „Die anderen Rollstuhlfahrer hatten gesunde Hände. Ich dagegen kann meine rechte Hand kaum benutzen.“ Doch die Trainerin ließ sie nicht gehen. „Du fühlst die Musik, das reicht“, sagte sie. Und Olesia tanzte weiter.

„Eigentlich wollte ich schon seit meiner Kindheit tanzen“, schreibt Olesia, „aber das ging damals in Russland nicht. Und heute haben sie die besten Rollstuhltänzer der Welt!“ 1999 gewinnt Olesia ihre erste Medaille, in den Jahren darauf gewinnt sie sechs weitere, davon vier Medaillen in Kanada.

Trotzdem glauben gesunde Menschen oft nicht, was Olesia alles kann. „Kann sie lesen?“ fragt dann einer. Und ihre Mutter holt ein Buch mit Gedichten heraus, das Olesia veröffentlicht hat, ihr Name steht über dem Titel „Dancing with the Stars“. In ihrem Leben ist sie schon oft Menschen begegnet, die sie für dumm hielten, für wertlos oder sich sogar vor ihr ekelten. „Ich wünsche mir, dass nur ein gesunder Mensch versteht, was es bedeutet, nicht richtig sprechen zu können. Wenn die Gedanken, die ich aussprechen will, in meinem Kopf explodieren“, schreibt sie. Mit ihren Gedichten, auf ihrem Facebook-Account und natürlich auf der Tanzfläche kämpft sie dafür, ernst genommen zu werden.

Die nächste Wende kam, als sie 2011 mit ihrer Mutter nach Vancouver zog. Zwei von rund 250.000 Menschen, die jedes Jahr nach Kanada einwandern. Der Grund war einfach: „Wir wollten ein besseres Leben.“ Und das bedeutete für Olesia: Tanzen. Drei Jahre dauerte die Suche, dann fand sie in Andy Wong einen Tanzlehrer, der sie nicht ablehnte.

Standardtanz sei für andere Menschen leichter zu erlernen, schreibt Olesia, für Menschen etwa, die gelähmt sind, ihre Hände aber voll bewegen können. Trotzdem macht sie weiter. Heute tanzt Olesia nicht nur Standard, sondern auch Samba, Rumba und Cha Cha Cha.

Durch das Tanzen hat das unwillkürliche Zucken abgenommen, ihr Körper ist kräftiger, Olesia ist selbstsicherer geworden. Weil das Tanzen ihr so gut hilft, will sie auch andere Rollstuhlfahrer zum Tanzen bringen. Dafür hat Olesia eine Tanzschule für körperbehinderte und gesunde Menschen gegründet. Sie selbst nimmt an Turnieren für gesunde Tänzer teil, weil es in Kanada noch keine Wettkämpfe für Rollstuhl-Tänzer gibt. Ihr Traum: Eines Tages ein Team zu den Paralympischen Spielen zu führen.

Vor genau einem Jahr hat Olesia die permanente Aufenthaltserlaubnis für Kanada bekommen. „Tanzen hat mich vor der Abschiebung bewahrt“, ist sie überzeugt.

Ach ja, Olesia hat zwei weitere Bücher geschrieben, geht Bergsteigen, hat einen Doku über ihr Leben gedreht und studiert jetzt Englisch in Kanada. Wenn sie jemanden motivieren will, sagt sie: Wenn ich das kann, kannst du das auch.