Nemi El-Hassan: „Ich war Heizungsableserin in Berlin“ – Teil 2

© Ulrike Delfs

Nemi El-Hassan berichtet für ze.tt über ihre Erlebnisse als Heizungsableserin.© Ulrike Delfs

Nemi El-Hassan ist 22 Jahre alt, wohnt in Berlin und studiert im neunten Semester Medizin. Um sich Geld dazu zu verdienen, jobbte sie bis vor Kurzem als Heizungsableserin. Für ze.tt schreibt sie in einer fünfteiligen Serie, was sie als Muslima in ihrem Nebenjob erlebte. Teil 2.

Das Treppenhaus ist sauber, hell und wirkt frisch saniert, wie der ganze Straßenzug, der mir diesmal zugeteilt worden ist. Nirgends Schmierereien, oder überquellende Mülleimer. Arbeitende Menschen. Gepflegte Hecken, angepflanzte. Prenzlauer Berg in Berlin.

Ich passe eigentlich ganz gut hier rein. Ich trage einen Beutel mit Logoaufdruck der Firma, für die ich arbeite, und an meiner Jacke, auch mit Aufdruck, baumelt ein kleiner, weißer Dienstausweis, der mich seriöser wirken lassen soll. In meiner linken Hand trage ich einen Papierordner und Kuli. Die Ankündigung über meinen Besuch als Heizungableserin im Hausflur haben die Meisten, wenn ich dann vor ihnen stehe, längst vergessen. Viele denken, ich klingele bei ihnen, um etwas zu verkaufen.

Ich sehe an einem Tag die unterschiedlichsten Lebensentwürfe: Da ist die chaotische Wohnung einer jungen Familie, in der ganze Armeen von Legomännchen und Stofftieren den Fußboden bevölkern, die stilsicher eingerichteten Räume eines Modedesigners oder die bis auf den letzten Teppichfussel staubgesaugten Zimmer einer Rentnerwohnung.

[Außerdem bei ze.tt: Nemi El Hassan: „Ich war Heizungsableserin in Berlin“ – Teil 1]

Die wenigen Mieter, die ich nicht überzeugen kann, mich zum Ablesen hineinzulassen, wirken meist ziemlich unsicher: Sie winken den Ehepartner zur Tür, um sich Rückendeckung zu holen und nehmen dann ihren ganzen Mut zusammen, wenn sie „nein“ sagen. Wahrscheinlich ist es das erste Mal, dass sie einen Akt zivilen Ungehorsams vollziehen, oder das, was sie dafür halten. Ich wiederum habe damit kein Problem, denn weniger Wohnungen bedeuten auch weniger Arbeit.

Eine Ladung Hass zum Mitnehmen, bitte!

Einmal allerdings wär ich echt zu gerne hineingelangt in eine Wohnung, in die ich nicht durfte: „Ich will mit sowas wie dir nichts zu tun haben, verpiss dich!“, brüllt mich der riesige Mann, der da im Türrahmen vor mir steht, an. Ich muss meinen Kopf in den Nacken legen, um sein Gesicht zu sehen. Wenn andere ihn beschreiben würden, würden sie wahrscheinlich sagen, er sei gut gebaut. Ich sage er ist fett. Gerade, als ich ansetze, zu erklären, was ich überhaupt will, schreit mich der Mann wieder an, wirft mir einen verachtenden Blick zu und knallt mit der Tür, dass das Treppenhaus bebt.

Der wütende Mann hatte ganz offensichtlich ein Problem mit meinem Kopftuch. Ich glaube, wenn er bei Facebook kommentiert, sieht das etwa so aus: !!!!!!!!1!1!!!!!! Ich wette, er benutzt nach jedem Satz mindestens fünf Ausrufezeichen und eine 1 dazwischen, weil seine Hand vor lauter Türenknallen schon ganz schwer ist und regelmäßig zu lange auf seiner Tastatur verweilt.

Ich stehe nun also schockiert vor seiner (braunen – haha) Tür und verdaue erstmal sein Gebrüll. Ich überlege, ob ich noch einmal klingeln sollte, entscheide dann aber, dass ich keine weitere Konfrontation mit ihm aushalten würde. Ich gehe also weiter. An der Nachbarstür hängt ein Kranz aus weißen und lilafarbenen Kunstblumen. Vor der Tür liegt eine saubere Fußmatte. Kontrastprogramm.

Lebensweisheiten für junge Heizungsableserinnen

Lächelnd und auf einen Krückstock gestützt steht eine etwa achtzigjährige Dame vor mir: „Dann sind wir heute ja zwei Frauen, ach wie schön ist das!“ Sie humpelt zur Seite und lässt mich hinein.

Es gibt unter Handwerkern und Handwerkerinnen, zu denen ich ja jetzt irgendwie gehöre, die sogenannte Links-Gehordnung. Die besagt, dass man sich immer links halten soll: Im Treppenhaus zuerst die linke Wohnung, in der Wohnung zuerst das linke Zimmer. Kein Witz.

Ich gehe also nach links, als erstes in das Schlafzimmer der Frau. Dort steht ein kleiner Tisch, daneben ein Stuhl, darauf sitzt eine Stoffpuppe. Ich finde es irgendwie creepy, dass die Puppe wie frisch genäht, mit Blick aufs Bett ausgerichtet ist, denke aber nicht weiter darüber nach. Links und wieder links und schon stehe ich im Wohnzimmer der Frau. Wir kommen ins Gespräch. Sie erzählt von ihrem verstorbenen Ehemann und davon, dass sie erst vor kurzem einen Herzinfarkt erlitt und den Krückstock braucht, weil ein Oberschenkelhalsbruch nie so richtig verheilt ist.

Plötzlich blättern wir in dem Hochzeitsalbum ihrer Enkeltochter und sie erzählt aus ihrem Leben: „Wissen Sie, als ich so krank war, hat jeden Tag jemand etwas zu essen gebracht und das war so viel, dass ich einen ganzen Lebensmittelladen hätte aufmachen können.“ Ihre Lebensfreude beeindruckt mich. Sie ist Mitglied bei der Linkspartei, hat einen Seniorenclub gegründet und an ihrer Wand hängt ein Bild mit ihr und dem ehemaligen Berliner Bürgermeister Wowereit, der ihr einen Preis überreicht.

Mir fällt die Puppe aus dem Schlafzimmer wieder ein und ich frage sie danach. „Das ist Lissy“, sagt sie. „Die sitzt da schon immer und jedes Mal nach dem Aufstehen sage ich ‚Guten Morgen‘ zu ihr.“ Sie findet das selbst scheinbar so lustig, dass sie anfängt herzhaft zu lachen. Das steckt an und ich lache mit. Als ich mich verabschieden will, nimmt sie meine Hand, steckt mir fünf Euro zu und streicht mir während meines Protests über das Gesicht. Das ist nicht unangenehm, sondern herzlich. Ich glaube, in diesem Moment hat sie mir jegliche Angst vor dem Altern genommen. Und davor, dass es nicht mehr genügend gute Menschen geben könnte.