Nemi El Hassan: „Ich war Heizungsableserin in Berlin“ – Teil 4

Nemi El-Hassan ist 22 Jahre alt, wohnt in Berlin und studiert im neunten Semester Medizin. Um sich Geld dazu zu verdienen, jobbte sie bis vor Kurzem als Heizungsableserin. Für ze.tt schreibt sie in einer fünfteiligen Serie, was sie als Muslima in ihrem Nebenjob erlebte. Das ist Teil 4.

© Ulrike Delfs

Nemi El-Hassan berichtet für ze.tt über ihre Erlebnisse als Heizungsableserin. © Ulrike Delfs

Als ich mich dazu entschloss, den Job als Heizungsableserin anzunehmen, hatte ich keine Ahnung, wie viel soziale Kompetenz ich für diese Arbeit brauchen würde. Alleine deshalb, weil ich Tag für Tag verschiedensten Menschen wie im Zeitraffer begegne, für einen kurzen Augenblick ihre privatesten Räume betrete.

[Außerdem bei ze.tt: Nemi El Hassan: „Ich war Heizungsableserin in Berlin“ – Teil 1]

Eines fällt mir immer wieder auf: Viele Alte leben alleine. Bei einigen wenigen scheint das gut zu klappen. Die Meisten aber sind einsam. Ich merke das an der Art, wie die alten Frauen und Männer mir begegnen.

Kalte Fliesen und Essen vom Menüservice

Ich klingele bei einem Mann, der auffällig lange braucht, bis er die Wohnungstür öffnet. Als ich mich auf dem Türabsatz stehend vorstelle, lehnt er mit seinem Oberkörper über einem Krückstock. Trotz dessen, dass er sichtlich Mühe hat, auf beiden Beinen zu stehen, ignoriert er meinen Vorschlag, sich so lange ich da bin ins Wohnzimmer zu setzen. Ich habe das Gefühl, er will mit mir sprechen. Also kommen wir ins Reden, über seine Familie im Speziellen und das Leben im Allgemeinen, während wir im Schneckentempo von einem Zimmer ins nächste laufen.

Die ganze Wohnung wirkt kalt und leer: Kaum Deko, größtenteils kahle, weiße Wände, statt kuscheliger Fußmatten im Bad nur kalte Fliesen. Er erzählt, dass er einen Oberschenkelhalsbruch erlitten habe. Wie lange das her ist, weiß er nicht mehr. Sein Essen, sagt er, liefere jeden Tag ein Menüservice. Es schmeckt nicht.

[Außerdem bei ze.tt: Nemi El Hassan: „Ich war Heizungsableserin in Berlin“ – Teil 2]

Im Wohnzimmer muss ich die Couch beiseite schieben, um an die Anzeige der Heizung zu kommen. Als er das bemerkt, zieht er sich langsam von seinem Sessel hoch, setzt einen Fuß mühsam vor den anderen und will mir tatsächlich schieben helfen.

Weil ich Sorge habe, dass er jeden Moment ausrutscht und sich den zweiten Oberschenkel bricht, nehme ich meine ganze Kraft zusammen und stemme mich gegen die wuchtige, braune Couch. Es gelingt mir. Als ich irgendwann keinen Grund mehr finden kann, der rechtfertigen würde, dass ich noch länger bleibe, verabschiede ich mich. Der alte Mann besteht darauf, mich hinaus zu begleiten. Ich ziehe die Tür hinter mir zu, nehme meine Zahlenwerte und ein flaues Gefühl im Magen mit.

Handwerkerbiotop

Danach brauche ich erst einmal eine Pause. Also gehe ich in eine nahegelegene Bäckerei, die ich an meinem ersten Tag als Heizungsableserin entdeckt hatte. Der Laden ist ein Handwerker-Treffpunkt, voll von Menschen, deren Zollstöcke und Kugelschreiber aus kleinen Taschen am Hosenbein herausragen. Den obligatorischen Becher Kaffee in der Hand, streichen sie entweder müde über ihre Smartphones, oder unterhalten sich über das gestrige Fernsehprogramm: „Ick weeß och nich, wat dit sollte, mit die beeden, jetten se um die halbe Welt und hauen sich die Köppe ein. Ick gloobe der eene heisst Klaus oder wat?“.

[Außerdem bei ze.tt: Nemi El Hassan: „Ich war Heizungsableserin in Berlin“ – Teil 3]

Es ist das natürliche Biotop der Spezies Handwerker und ich bin mittendrin auf Feldforschung. Die auf türkisch telefonierende, fluchende Verkäuferin und ich sind die einzigen Frauen. Einerseits fühle ich mich fremd, andererseits kommt auch ein klein bisschen Zusammengehörigkeitsgefühl auf, das ungleich stärker ausfiele, würden die Männer mich nicht ständig mit kritischen Blicken mustern. Ja, auch ich gehöre jetzt zu euch, ihr Handwerker und Hauswarte!

Hunde, Katzen und Tourette

Nach einer halben Stunde Kaffeepause klopfe ich an die nächste Altbau-Tür im aufgeräumten Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Noch während ich mich bemerkbar mache, höre ich ein schrilles Aufheulen. Es klingt so, als wäre ein Hund auf mein Klingeln angesprungen, oder, als sei man einer Katze auf den Schwanz getreten. Im nächsten Moment öffnet sich die Tür und vor mir steht ein Mann mittleren Alters: in Bademantel, Shorts und Hausschuhen.

Ich erkläre ihm, dass ich die Heizungen seiner Wohnung ablesen will und er begegnet mir auffallend freundlich und höflich. Während ich von Zimmer zu Zimmer gehe, höre ich immer wieder das heulende Geräusch. Ich blicke mich um, sehe aber außer dem Mann niemanden.

Das, was ich zuordnen kann, ist das gedämpfte Geräusch eines laufenden Fernsehers. Irgendwann laufe ich ins Wohnzimmer. Da sitzt ein zweiter Mann, ebenfalls in Bademantel und Schlappen gekleidet, auf dem Sofa. Er schaut mich nicht an. Stattdessen starrt er apathisch auf den Fernseher vor ihm. Schon wieder: Heulen. Dieses Mal aber kann ich ganz genau beobachten, was die Quelle des Geräuschs ist. Es ist der Mann, der mir zu Beginn die Tür öffnete.

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Er steht jetzt ebenfalls vor dem Fernseher und während er das Geräusch von sich gibt, zuckt er mit dem Kopf und blickt zur Seite. Als ich das sehe, bin ich erleichtert und mir fällt ein kleiner Stein vom Herzen. Gott sei Dank, nur Tourette und kein mit den Zähnen fletschender Hund, der hinter der nächsten Tür lauert und mich anspringt. Dank meines Medizinstudiums weiß ich, wie ich auf den jauchzenden Mann reagieren muss. Wenns nur das ist, easy!

Ich fülle meine Liste aus und verabschiede mich von den beiden Männern. Nur einer antwortet. Kaum ziehe ich die Tür hinter mir zu, höre ich einen weiteren kleinen Schrei und kurz darauf: „Ja, ja. Heizungen ablesen. Ja, ja, ja“. Die kühle Luft des Prenzlauer Bergs wieder im Gesicht, lasse ich das auch als Schlusswort meines Tages gelten und gehe beschwingt in den Feierabend.