Neues Gender-Wiki will auf eigenartige Weise Klischees bekämpfen

Die Heinrich-Böll-Stiftung gibt Hilfestellung, wie man antifeministische Kommentare und Gender-Kritik abwehren kann. Gute Idee, doch das Ganze hat einen merkwürdigen Beigeschmack. Ein Kommentar.

Das Wiki verursacht selbst bei denen, die Antifeminismus und Homophobie bekämpfen wollen, einen merkwürdigen Beigeschmack. © katdoubleve / photocase.de


Die Heinrich-Böll-Stiftung, die politische Stiftung von Bündnis 90/Die Grünen, will Antifeminismus und Gender-Kritik abwehren und das Verständnis für unterschiedliche Lebensmodelle stärken. Deshalb hat sie gemeinsam mit der Linkspartei-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung die Broschüre „Gender raus!“ Zwölf Richtigstellungen zu Antifeminismus und Gender-Kritik veröffentlicht.

In ihr finden sich Argumente gegen antifeministische oder genderkritische Parolen, die so oder so ähnlich in unserer Gesellschaft zu hören sein könnten. Damit bietet die Broschüre eine Art Leitfaden, wie man bei rassistischen, sexistischen oder anti-egalitären Aussagen dagegen halten könnte.

Falsche Behauptungen versus Richtigstellungen

Zu den zwölf unterschiedlichen Behauptungen zählen etwa Sätze wie „Die Gender-Ideologie will die Ehe und die Kernfamilie abschaffen“ oder „Feminismus ist Männerhass. Männer sind die eigentlichen Verlierer der Gleichstellung“.

Auszug aus der Broschüre „Gender raus!“ Zwölf Richtigstellungen zu Antifeminismus und Gender-Kritik.“

Die Broschüre stellt sie richtig, formuliert teilweise Gegenargumente und gibt Anregungen, wie damit umgegangen werden kann. Zudem liefert sie Hintergrundinformationen dazu, welche Personen oder Gruppierungen diese Behauptungen verschärft von sich geben und warum.

[Außerdem bei ze.tt: Ich bin schwarz und schwul – Tariks Genderkrise kämpft gegen Geschlechterklischees]

Außerdem stellte die Heinrich-Böll-Stiftung das Lexikon Agent*In (Information on Anti-Gender-Networks) online, das an die Broschüre anknüpft. Das eigens erstellte Wiki will über die Gruppierungen, Organisationen, Politiker*innen oder anderen öffentlichen Personen informieren, von denen eben solche unpassenden Aussagen zu hören sind, und sie in den größeren Kontext einordnen. So widmet die Böll-Stiftung beispielsweise der AfD und dem katholischen Hilfswerk Kirche in Not einen eigenen Eintrag. Auch Frauke Petry oder Gloria von Thurn und Taxis sind unter anderem in dem Online-Lexikon zu finden.

Der Eintrag zu Frauke Petry im Agent*In-Wiki.

Lexikon oder eher schwarze Liste?

Klickt man auf die Einträge im Wiki, fällt eines sofort ins Auge: Sie sind auf das für die Böll-Stiftung scheinbar Nötigste reduziert. So steht unter Petry neben eines sehr kurzen Abrisses ihrer Tätigkeit nur, und wirklich nur, das: „Wie Andreas Kemper auf seinem Blog berichtete, teilte Frauke Petry während der Leipziger Buchmesse 2014 in einem Interview mit der Jungen Freiheit mit, die AfD sei nicht mehr vorrangig eine Anti-Euro-Partei, sondern eine Familienpartei, und Familienpolitik, so Petry, sei Bevölkerungspolitik“. Da bietet die tatsächliche Wikipedia sicherlich mehr Informationen über die Politikerin.

Das Böll-Stiftungs-Wiki wirft mit solchen Einträgen allerdings mehr Fragen auf, als Antworten zu geben: Wer selektiert die Informationen und wonach werden sie ausgesucht? Die Einträge lesen sich eher wie eine schwarze Liste als ein wirkliches Lexikon. Als kontextualisierende Informationsquelle kann es nicht funktionieren, auch wenn es die Böll-Stiftung anders zu sehen scheint: „Wer mehr über Gruppierungen und Akteur*innen erfahren will, die hinter antifeministischen Angriffen und Parolen stecken und wie diese vernetzt sind, findet umfassende Informationen in dem ebenfalls neu erstellten Online-Lexikon Agent*In“.

Entweder richtig oder falsch

Das Wiki verursacht selbst bei denen, die Antifeminismus und Homophobie bekämpfen wollen, einen merkwürdigen Beigeschmack und wirft die Fragen auf: Brauchen wir so etwas wirklich? Ist diese Art der Berichterstattung schon Hetze? Der Berliner Tagesspiegel betreibt dazu ein berechtigtes Gedankenspiel: „Wie wäre es mit einer steuerfinanzierten Namensliste von rechts außen, auf der Gender-Professorinnen, schwule Blogger und linksfanatische Schmalspur-Terroristen nebeneinander zur Observation freigegeben werden?“

Auch die Broschüre, welche „die Emanzipation der Geschlechter, Gleichberechtigung, Antidiskriminierung und Anerkennung aller sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten“ schützen will, vermittelt den Eindruck, wir würden in einer schwarz-weißen Welt leben. Als gebe es lediglich falsche Sichtweisen und richtige Antworten. So gut es jeder*m täte, sich näher mit den angesprochenen Thematiken zu befassen, so klug sich die Argumente auch lesen, teilen sie die Gesellschaft doch klar in zwei Lager und lassen in Meinungsfragen nur ein Richtig zu.

Fazit: Auch wenn die Broschüre und das Wiki allgemein relevante Themen aufarbeiten wollen, hierbei handelt es sich immer noch um politische Publikationen, die mit Vorsicht zu genießen sind.