Nicht mal Jan Böhmermanns Humor kann das öde „Wetten, dass..?“-Konzept retten

Deutschlands progressivster Moderator hat Deutschlands ödeste Show neu interpretiert. Besonders witzig war das nicht. Trotzdem heißt es jetzt Daumen drücken, dass es bald noch mehr solcher TV-Cover gibt.

Screenshot: Neo Magazin Royale/Youtube

Böhmermann legt "Wetten, dass..?" neu auf. Screenshot: Neo Magazin Royale/Youtube

Cover sind fester Bestandteil der Musik. Manche Songs werden sogar erst durch ihre Neu-Interpretation populär. Wir erinnern uns an „Nothing Compares 2 U“, das eher Sinéad O’Connor anstatt dem eigentlichen Schöpfer Prince zugeschrieben wird. Ganze Musiker*innen-Karrieren basieren auf Neufassungen, etwa im Fall von Birdy, die mit Bon Ivers „Skinny Love“ bekannt wurde.

Auch das deutsche Fernsehen covert häufig. Viele Show-Formate sind Adaptionen ausländischer Sendungen. Sich selbst interpretiert das deutsche TV allerdings selten neu. Auftritt Jan Böhmermann. Wie aus dem Nichts hat der Polizistensohn eine Neu-Interpretation des Show-Ungetüms „Wetten, dass..?“ abgeliefert. Am Donnerstagabend ging Böhmermanns „Wetten, dass..?“ zunächst ins Netz, wenig später lief es auf ZDF neo.

Schüchterne Kandidat*innen, belangloser Smalltalk und verwirrte US-Stars: „Wetten, dass..?“ erlaubte sich voller Hingabe alles, was peinlich war.

Früher kam die Samstagabendshow als Großevent daher. Drehort waren riesige Mehrzweckhallen, für alberne Außenwetten wurde die leicht begeisterungsfähige Bevölkerung kleiner Käffer zusammengetrommelt.

Es gab schüchterne Kandidat*innen, belanglosen Smalltalk und verwirrte US-Stars als Gäste, die im Nachgang lästerten, bei ihnen wären die Verantwortlichen einer solchen Sendung gefeuert worden (Tom Hanks). „Wetten, dass..?“ erlaubte sich voller Hingabe alles, was peinlich war. 34 Jahre lang, bis das ZDF die zum Trash verkommene Sendung 2014 mit dem viel zu braven Markus Lanz als letztem Moderator zu Grabe trug.

Erleichtertes Aufstöhnen im ganzen Land: Endlich wurden keine Rundfunkgebühren mehr für quälende Stunden des Fremdschämens verpulvert.

Nicht mal Ironie kann „Wetten, dass..?“ retten

Und doch: Mit dem Untergang von „Wetten, dass..?“ verschwand auch ein wichtiger Teil hiesiger TV-Kultur aus dem Programm. Selbst manches Mitglied der ach so hippen Generation Y erinnert sich womöglich wehmütig an beinah besinnliche Samstagabende, an denen die Familie zum gemeinsamen Fernseh-Klön bei „Wetten, dass..?“ zusammenkam. Es wurde gelacht, getrunken und gelästert – irgendwie waren das auch gute Zeiten.

Gedankt sei’s also dem riesigen Ego des Jan Böhmermann, das den Moderator des Nischensenders ZDF neo dazu trieb, auch mal die größte Show des großen Zweiten Deutschen Fernsehens zu moderieren. Böhmermann hat uns mit seinem „Wetten, dass..?“ knapp 50 Minuten in alte TV-Zeiten zurückversetzt. Seine Coverversion war jedoch ebenso öde wie das Original. Böhmermann hat das Konzept endgültig gekillt, jetzt steht fest: Nicht mal Ironie kann „Wetten, dass..?“ retten.

Dabei hatte sich das „Neo Magazin Royale“-Team solche Mühe gegeben. Böhmermann trat Gottschalk-like in wie Discokugeln glitzernden Schuhen auf die Bühne. Im Hintergrund hing ein gerahmtes Bild von „Wetten, dass..?“-Erfinder Frank Elstner. Statt in einer Mehrzweckhalle fand das „Wetten, dass..?“-Cover schlicht und ergreifend im „Neo Magazin Royale“-Studio statt, das Böhmermann als „Stierkampfarena in Köln-Ehrenfeld“ bezeichnete. Stargäste aus Übersee? Nö, stattdessen saßen Rapper Eko Fresh, CDU-Politiker Jens Spahn, Eva Padberg und DJ Bobo auf der von der Resterampe geretteten „Wetten, dass..?“-Couch.

Hoffentlich gibt’s in Zukunft mehr solcher Show-Cover. Wie wäre es mit einer „Wer wird Millionär“-Neufassung, in der Charlotte Roche den Kandidat*innen intime Fragen über ihre Ex-Freund*innen stellt?

Statt ernst gemeinter Bullshit-Wetten gab es ganz klar als Bullshit erkennbare Bullshit-Wetten: Bruno wollte seine Frau Susanne mit einem Bagger zum Orgasmus bringen, demolierte allerdings bloß die umstehenden Autos. Bei der Kinderwette behauptete die zwölfjährige Tanja, sie könne mit ihren Füßen die Parteizugehörigkeit von Politiker*innen ertasten. Wie sie auf die Idee gekommen sei? „Ich bin im Schwimmbad vom Dreier gesprungen, und dann schwamm da Peter Altmeier, und ich wusste sofort, zu welcher Partei er gehört.“

Aufgrund mangelnder Sendezeit brach die Show urplötzlich ab, statt wie das Original ewig zu überziehen. Witzig, aber nicht witzig genug. Das alles hätte ruhig noch abstruser, noch alberner sein dürfen.

Einen Wunsch hat Böhmermann jedoch geweckt: Hoffentlich gibt’s in Zukunft mehr solcher Show-Cover. Wie wäre es mit einer „Wer wird Millionär“-Neufassung, in der Charlotte Roche den Kandidat*innen intime Fragen über ihre Ex-Freund*innen stellt? Telefonjoker könnten deren Mütter und Freund*innen sein. Oder wie wäre es mit einem „Deutschland sucht das Supertalent“, in dem nicht Dieter Bohlen, sondern Sibylle Berg das Urteil fällt? Wie wäre es mit „Hart, aber fair“ mit Dagi Bee statt Frank Plasberg? Mit „Circus Halligalli“ moderiert von Andrea Nahles und Horst Seehofer! Mit dem „Fernsehgarten“ moderiert von Friedrich „Supergeil“ Liechtenstein! Mit einem „Germany’s Next Topmodel“-Finale, in dem Alice Schwarzer das letzte Wort hat!

Was uns in der Musik so viel Spaß macht, könnte auch das Fernsehen bereichern.