Noch ein Masterstudium oder arbeiten? Worauf es bei deiner Entscheidung ankommt

Das Studium ist bald vorbei – und nun: Master, Ausland oder arbeiten? In Gedanken ist Studentin Lena Lammers die verschiedenen Optionen durchgegangen.

© christophe papke/ photocase.de

Was fühlt sich richtig an? © christophe papke/ photocase.de

Stuttgart – meine Hassliebe

Seit September 2013 lebe und studiere ich in Stuttgart. Abgesehen von meinem innersten Drang nach Neuem, war es vor allem mein Studienplatz, der mich dorthin verschlug.

Eine Entscheidung, die ich nicht besser hätte treffen können. Auch wenn ich zwischenzeitlich Hochs und Tiefs hatte, mein Studium nicht immer so praxisnah und mein Alltag nicht immer so abwechslungsreich war, wie ich es mir erträumt hätte, gab es nicht einen einzigen Tag, an dem ich diese Wahl bereut habe.

Stuttgart als Stadt ist sauber, ordentlich, gesetzt – all das, was man als junge Studentin eigentlich gar nicht gebrauchen kann. Da wären die Clubs, die schon um 5 Uhr morgens das Licht anmachen oder Nachbarn, die die Polizei rufen, wenn wir nur mit ein paar Leuten in unserer WG-Küche sitzen und gemeinsam essen. Und nicht zu vergessen: Der chronische Mangel an Bäckereien, die sonntags auch noch nach 10 Uhr geöffnet haben – einfach fatal.

Doch, so ist dies vermutlich das beste Beispiel, sind es nicht die Sehenswürdigkeiten, die Straßen oder das Wetter, die eine Stadt ausmachen – sondern die Menschen. Einige Bekannte, die man immer wieder in den gleichen Clubs trifft – ich sage ja, die Auswahl in Stuttgart ist begrenzt – Freunde von Freunden, mit denen man hin und wieder Kontakt hat und eine kleine Handvoll Menschen, die ich in mein Herz geschlossen habe und nicht mehr loslassen will.

Es sind diejenigen Menschen, die für mich Stuttgart zu einem Zuhause machen und mich dieses vermissen lassen. Um es auf den Punkt zu bringen: Stuttgart und ich führen eine gewisse Hassliebe.

Nach vorne schauen

Diese dreijährige Bindung zu Stuttgart war toll, aber ist vermutlich auch bald wieder vorbei. Bevor ich mich jetzt frage, wo die Zeit geblieben ist und nostalgisch werde – spricht schließlich nur dafür, dass ich mich in Stuttgart rundum wohl gefühlt habe – gucke ich lieber nach vorne: Das letzte Semester bricht an, meine Seminare habe ich mir schon ausgesucht. Nur noch diese letzten Ects, nur noch eine Klausur, nur noch wenige Abgaben – und dann die Bachelorarbeit. Das Gefühl, was sich dabei in mir auftut, kommt mir bekannt vor aus meiner Zeit nach dem Abitur. Nur, dass nicht Mama gleich nebenan ist und mir mit Rat und Tat zur Seite steht, sondern ich dieses Mal komplett auf mich alleine gestellt bin. Und meine Entscheidung zusätzlich nicht nur für mich, sondern auch für eine zweite Person von Bedeutung sein könnte.

Wo bewerbe ich mich, will ich weiter studieren, wie will ich dort wohnen? Wo setze ich meine Prioritäten? Chronologisch spiele ich die möglichen Szenarien im Kopf durch.

Will ich überhaupt einen Master machen?

Nachdem ich durch das Schreiben nebenbei und insbesondere durch mein Praxissemester mehr gelernt habe als in meinen gesamten drei Studienjahren zusammen, an dieser Stelle viel Liebe an Edition F, rückt diese Möglichkeit für mich erst mal in den Hintergrund. Das Studium hat mir insofern geholfen, dass mir bewusst geworden ist: Ich bin ein Einfach-Machen-Mensch, oder anders gesagt, probieren geht über studieren. Wenn mir eine Idee in den Kopf schießt, will ich diese umsetzen, anstatt erst mal theoretische Analysen aufzustellen oder zwischen richtig und falsch abzuwägen. Der Plan geht zwar nicht immer auf, und manchmal holt mich die Vernunft doch noch ein, aber besser hinfallen und aufstehen, als immer nur auf der Stelle zu treten. Daher, Master und das verschulte Hochschul-System noch einmal für zwei Jahre? Erst mal nicht.

Will ich ins Ausland?

Nachdem ich schon nicht im Studium ins Ausland gegangen bin, müsste ich lügen, wenn ich sagen würde, dass ein paar Monate im Ausland für mich außer Frage stehen. Ich will unbedingt mehr reisen, am allerliebsten ein paar Monate in England verbringen, dort rumreisen oder vielleicht auch arbeiten. Aber wie sollte ich das überhaupt finanzieren? Und was würde ich dort genau machen? Ist es besser, in eine Stadt zu gehen, in der man wirklich niemanden kennt, oder ist geteiltes Glück gleich doppeltes Glück?

Will ich eine Pause machen?

Pause hört sich immer erst mal gut an – lange ausschlafen, wieder regelmäßig Sport machen, Dinge tun, die in den vergangenen Jahren auf der Strecke geblieben sind, einfach mal nichts machen. Da ich weiß, dass „nichts machen“, für mich sowieso darin endet, ganz viel zu machen, und ich meinen Tag mit allen möglichen Aktivitäten, kreativem Austoben oder Nebenjobs verplane, ist das mit der Pause so eine Sache. Ein ausgiebiger Urlaub wäre toll, vielleicht drei Monate, die ich wirklich mal für mich nutze. Um mein Leben zu sortieren, meinem Kopf wieder ein paar kreative Denkanstöße zu geben, meine ganzen Freunde zu besuchen, Freiraum zu schaffen und vielleicht auch die Fragen, die ich hier gerade zu beantworten versuche, nochmals zu überdenken.

Will ich arbeiten?

Berücksichtigt man meine Antworten auf die vorigen Fragen und zählt eins und eins zusammen, ist diese Frage einfach zu beantworten: Ja, arbeiten ist definitiv eine Option. Und zwar nicht, weil es von mir verlangt wird, weil meine Eltern es befürworten, oder ich Angst vor dem „nichts tun“ habe, sondern ganz einfach, weil ich Lust darauf habe. Ich habe so unglaublich viel Lust, endlich das zu tun, was mir Freude bereitet. Endlich keine Promotion-Jobs mehr in Rock und Bluse auf irgendwelchen Messen, von denen ich sowieso keine Ahnung habe, oder Babysitter-Abende, die zwar Spaß machen, ich aber lieber mit Feiern verbringen würde, sondern von dem leben können, was mir Spaß macht. Und nein, ich bin weder arrogant noch habe ich zu viel Selbstvertrauen. Natürlich beschäftigt mich die Frage, ob ich gut genug bin und, ob ich mit 20 Jahren überhaupt eine Chance habe. Doch, warum darüber Gedanken machen, anstatt es einfach auszuprobieren – Da kommt mir meine einfach-machen-Mentalität doch noch zu Gute.

Die Frage, die mich wohl am meisten beschäftigt, ist die nach meinen Prioritäten: Suche ich erst nach einem Job oder wähle ich die Stadt, die mir am besten gefällt? Setze ich meine Bedürfnisse an oberster Stelle oder schaue ich gleichzeitig nach rechts und links?

Weil es sich richtig anfühlt

Der eine oder andere mag das vielleicht hinterfragen und meinen, mit 20 ins Arbeitsleben zu starten, sei einfach nur verrückt und naiv. Schließlich – jaaa, auch den Satz habe ich schon tausend Mal gehört – liegen dann noch fast 50 Jahre vor mir. Aber mal ganz ehrlich, wenn ich es doch will? Wenn ich dieses Gefühl nicht hätte und den Start ins Berufsleben immer nur vor mir herschieben würde, wäre in Sachen Studium, Schreiben und Journalismus definitiv etwas falsch gelaufen.

Wer weiß schon, was letztendlich passiert, was auf mich zukommt, welche Möglichkeiten sich ergeben? Vielleicht bereise ich demnächst ein Land, in dem ich mich ab dem ersten Moment wohl fühle, vielleicht finde ich DIE perfekte Wohnung, die mir die Wahl meines neuen Wohnortes von alleine abnimmt. Vielleicht passiert es so, vielleicht aber auch anders.

Eines, was vielleicht nach kitschigem „Blabla“ klingen mag, ich nach den vergangenen drei Jahren aber nicht aus den Augen verlieren will: Es ist nicht nur der ausgefeilte Plan, der Ort oder die Arbeit, die das Leben zum „Leben“ machen, sondern vor allem die Menschen, die es mit dir teilen.

 

Von Lena Lammers auf EDITION F.

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