Notschlafstellen für Studierende: „Ich könnte plötzlich obdachlos werden“

Wer in Köln studieren will und keine Wohnung bekommt, schläft vielleicht vorerst in einer Notschlafstelle. Unsere Autorin hat mit Bewohner*innen gesprochen.

In der Bib schlafen ist auch keine Lösung CC0 Lizenz

Köln platzt aus allen Nähten. Fast 95 000 Studierende sind an den Hochschulen eingeschrieben. Noch nie waren die WG’s, Wohnheime und Appartements so heiß umkämpft. Laut dem Moses-Mendelssohn-Institut ist Köln die drittteuerste Unistadt Deutschlands, was das Mietniveau angeht – durchschnittlich rund 400 Euro zahlen Studierende monatlich für eine Bleibe.

Wer mit der Wohnungssuche zu spät dran ist oder einfach Pech hatte, für den gibt es am Anfang noch eine Alternative: die Notschlafstelle. Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Uni Köln organisiert das zweiwöchige Angebot bereits zum vierten Mal. In einem großen Raum im Untergeschoss einer gemeinnützigen Einrichtung liegen momentan 13 Luftmatratzen, auf denen bisher obdachlos gebliebene Studierende schlafen können.

© Julia Kleene
© Julia Kleene

Baki Tatar ist einer von ihnen. Der Philosophie- und Linguistikstudent vom Bodensee kommt seit einer Woche in der Notschlafstelle unter. „Mir war nicht bewusst, dass die Wohnungssituation in Köln so krass ist“, sagt er. Unzählige Mails, Nachrichten und Telefonate hat er geführt, doch nichts verhalf ihm zu der erhofften WG. Eine Woche hat er sich ein Zimmer über Airbnb gemietet, doch das wäre auf Dauer zu teuer gewesen. Für die Notschlafstelle muss er nichts bezahlen.

„Es ist wie eine große Übernachtungsparty“, sagt Baki über seine Notschlafstelle. Um 24 Uhr heißt es jedoch: Schlafenszeit. „An einem Tag bin ich eine Dreiviertelstunde zu spät nach Hause gekommen und habe eine Verwarnung gekriegt“. Morgens um 8 Uhr müssen die Studierenden den Schlafraum verlassen. Tagsüber steht ihnen ein Gemeinschaftsraum zur Verfügung. Erst um 20 Uhr wird der Schlafraum wieder aufgeschlossen. Duschmöglichkeiten gibt es 500 Meter entfernt in der alten Mensa. Um 9 Uhr morgens treffen sich die Studierenden im Flur, um sich auf den Weg dorthin zu machen.

Die Zeiten stressen Baki, doch er ist dankbar, überhaupt eine Schlafmöglichkeit zu haben. „Ich könnte plötzlich obdachlos werden – 600 Kilometer von meinem Zuhause entfernt. Das belastet mich psychisch“, sagt er und fühlt sich vom Staat im Stich gelassen. „In einem Land, wo es so viel Wohlstand gibt, sollte so etwas nicht passieren.“ In der Notschlafstelle hat er mittlerweile einige Freunde gefunden. „Wir haben alle das gleiche Problem – das schafft ein Gemeinschaftsgefühl.“ Einige haben sich zusammengetan, um selbst eine WG zu gründen. 

Die lettische Erasmus-Studentin Irena hat Glück. Sie hat schon einen Platz im Wohnheim bekommen und muss nur noch die Zeit bis dahin überbrücken. Auf dem privaten Wohnungsmarkt war die Lage jedoch aussichtslos. “Ich habe mindestens 50 WG’s angeschrieben, aber niemand wollte jemanden für nur ein Semester.” Anfangs habe sie noch nach günstigen Angeboten gesucht – irgendwann war es ihr dann komplett egal.

“Alles nehmen, was zu kriegen ist”, lautet mittlerweile auch das Motto von Lukas. Er studiert im ersten Semester Sozialwissenschaften und ist seit drei Monaten auf Wohnungssuche. “Woran es bisher gescheitert ist? – Keine Ahnung.” Einen Tag lang war er in einer Studentenverbindung, jedoch hat ihn das morgendliche Fechten abgeschreckt. ”In letzter Konsequenz hätte ich das Studium abbrechen müssen, um mir etwas in der Nähe meiner Eltern zu suchen”, sagte er.  

© Julia Kleene
© Julia Kleene

„Die Studierenden, die wir beherbergen, werden von Jahr zu Jahr mehr“, sagte Jana Thomas, die Sozialreferentin des AStA. Sowohl die Stadt, als auch das Land hätten das Thema Wohnraum nicht auf dem Schirm. Zwischenzeitlich gab es für die Notschlafstelle sogar eine Warteliste. „Wenn eine Nacht jemand zu viel wäre, wäre das auch egal – dann quetschen wir halt“, sagte Thomas. Jede Nacht kümmern sich insgesamt vier Vertreter der AStA in zwei Schichten um die „Notis“, wie Thomas die Studierenden nennt. „Wir versuchen alles, aber irgendwo stoßen auch wir an unsere Grenzen“, sagt sie.

Am Samstag schließt die Notschlafstelle wieder. Die Personen, die bis dahin noch nichts gefunden haben, werden trotzdem nicht auf der Straße landen. Es gibt Angebote von Privatpersonen, die für zwei bis vier Wochen Wohnraum zur Verfügung stellen. „Das ist zwar keine optimale Lösung, aber gibt Zeit für die Wohnungssuche“, sagte Thomas.