NRA schreibt Märchen um: Rotkäppchen trägt jetzt Shotgun

Die Originalmärchen waren zu gewalttätig. Hänsel, Gretel und Rotkäppchen verteidigen sich vor etwaigen Gefahren besser, wenn sie mit Schusswaffen ausgerüstet sind. Geht es nach der NRA, ist das genau die richtige Botschaft für Kinder.

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Braucht keinen Jäger. Das Kind weiß sich selbst zu schützen. © Hulton Archive/Getty Images

Amerikas Waffen-Lobby, die National Rifle Association (NRA), ist eine der mächtigsten Interessenvertretungen des Landes. Regelmäßig scheitern Gesetzesinitiativen zum Verbot oder zur vermehrten Kontrolle von Schusswaffen am Widerstand der NRA, die sich durch den 2. Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung geschützt sieht: Der Artikel verbietet als Teil der Bill of Rights, das Recht auf Besitz und Tragen von Waffen einzuschränken.

Dass die NRA politische Wahlen finanziell beeinflusst, wissen wir. Dass sie beim Thema Kindererziehung auch ihre Finger im Spiel hat, wissen wir vielleicht auch, ist aber umso gestörter. Auf der eigens eingerichteten Familien-Website NRA Family propagiert die Lobby den sinnvollen Waffeneinsatz innerhalb der Familie. Ihr neuester Clou: Grimm-Märchen umschreiben und die Protagonisten mit Waffen ausstatten. So kriegen sowohl Rotkäppchen als auch Hänsel und Gretel Gewehre in die Hand gedrückt, um sich vor den Gefahren im Wald zu schützen. Das soll den Märchen den Grusel nehmen und den Kindern Schutzgefühl bieten.

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Dafür kooperiert die Lobby mit der Autorin Amelia Hamilton. In ihren Neuversionen der klassischen Märchen wissen die Kinder mit Schusswaffen umzugehen und setzen diese auch ein. Das erhöhe ja schließlich ihre Sicherheit. Oder so. Kommenden Mai möchte Hamilton „Die drei kleinen Schweinchen“ einem Waffen-Make-Over unterziehen.

Rotkäppchen (hat eine Waffe)

Das Märchen beginnt so, wie wir es in Erinnerung haben: Ein junges Mädchen lebt mit ihren Eltern am Waldrand und erfährt, dass es der Oma nicht gut geht. Um ihr zu helfen, möchte sie ihr einen Korb voller Essen vorbeibringen. Dafür muss sie allerdings durch den großen, dunklen Wald, in dem ein großer, böser Wolf wohnt, dessen Lieblingsgericht junge Mädchen sind.

Zum Glück hatte Rotkäppchen aber zum Geburtstag ihr eigenes Gewehr samt Schießunterricht bekommen. Zu ihrer eigenen Sicherheit, eh klar. Mit dem Proviant, einem Abschieds-Bussi ihrer Mama und der geschulterten Waffe macht sich das Mädchen also auf den Weg Richtung Oma. Schon während ihres Ausflugs lauert ihr der böse Wolf auf, den sie aber dank ihres Gewehrs vertreiben kann. Die Waffe trägt Rotkäppchen mittlerweile nicht mehr auf der Schulter, sonder in ihren Händen – natürlich geladen.

Da das Kind bewaffnet ist, muss der hungrige Wolf umdisponieren. Er rennt voran zu Omas Hütte und kommt in ein Face-Off mit Oma. Kurz bevor er sie verschlingen kann, hört er ein Klickgeräusch und merkt, dass die werte Frau Oma mit den superharten Hollywood-Worten „Ich glaube nicht, dass ich heute gefressen werde“ eine entsicherte Schrotflinte auf ihn richtet. Der Wolf erstarrt vor Angst. „Oh, wie er es hasste, wenn sich Familien selbst schützen können“, steht da ganz ernsthaft. Einige Augenblicke später erreicht schließlich Rotkäppchen die Hütte.

Die beiden fesseln den bösen Wolf, als ein Jäger auftaucht. Er war den Spuren des Wolfs gefolgt, in der Annahme, dass Oma und Enkelin gerettet werden müssten. „Er sah an Rotkäppchen vorbei in die Hütte und merkte, dass sie sich bereits selbst gerettet hatten.“ Der Jäger bringt den Wolf weg, Oma und Enkelin umarmen sich vor Freude. So saßen sie nun in der Hütte, tranken Tee und löffelten Hühnerbrühe. Da sie wussten, dass sie sich eigenständig verteidigen konnten, wogen sie sich in Sicherheit.

Hänsel und Gretel (haben Waffen)

Wir kennen den Anfang alle. Neu ist, dass dem Leser gleich zu Beginn klargemacht wird, dass das Geschwisterpaar „glücklicherweise“ bereits im Umgang mit Schusswaffen geübt ist. Die beiden gehen regelmäßig mit ihren Eltern auf die Jagd und wissen, wie sie sich vor Gefahren schützen können.

So auch eines frühen Morgens. Hänsel und Gretel schleichen sich aus dem Haus, um Essen für ihre Familie zu sammeln. Weil sie es können, erschießen sie ein paar Eichhörnchen und Hasen. Das reicht ihnen allerdings nicht. Sie wollen mehr, sie wollen ein Tier erledigen, das genug Fleisch an den Knochen hat, um die ganze Familie durch den langen Winter zu bringen.

Tief im Wald entdecken sie einen riesigen Hirsch, perfekt. Gretel entsichert ihr Gewehr und drückt ab. „Ihr Training hat sich ausgezahlt, denn sie erledigt den Hirsch sogleich mit einem einzelnen Schuss“, steht da geschrieben

Mittlerweile ist es dunkel geworden, die beiden verirren sich im Wald. Bei der Suche nach dem Heimweg stoßen sie auf ein Lebkuchenhaus, das sie allerdings nicht betreten. Sie wissen, dass es ihnen nicht erlaubt ist, mit Fremden zu sprechen. So gut erzogen sind sie. So gehen sie hungrig weiter als plötzlich jemand „Helft uns!“ flüstert.

Hänsel und Gretel entdecken zwei junge Brüder, die im Inneren des Hauses in einem Käfig gefangen sind. Eine Hexe mästete sie, um sie später zu essen. Hal und Grit möchten natürlich helfen. Zum Glück schläft die böse Hexe gerade laut schnarchend. Da Gretel die bessere Schützin ist, hält sie mit der Schusswaffe in den Händen Wache, während Hänsel die beiden Brüder aus dem Käfig befreit.

Erleichtert rennen die vier Kinder zurück nach Hause, fallen ihren Eltern um den Hals, sind glücklich, etc. Doch die Geschichte endet nicht an dieser Stelle, denn eine letzte Jagd steht noch aus. Die Dorfbewohner sammeln sich, bewaffnet mit Gewehren und Pistolen laufen sie in den Wald. Allen voran Hänsel und Gretel, die ihnen den Weg zum Lebkuchenhaus zeigen. Dort angekommen, sperrt der Sheriff die böse Hexe in ihren eigenen Käfig. Die restlichen Bewohner verstreuen sich im Wald und killen alles, was ihnen vor die Flinten kommt. Sie feiern ein großes Fest mitten im Wald, mit mehr Wild als je zuvor. So blutig. Ob das trotzdem noch als Happy End gilt?