Nur die Hälfte deiner Freunde mag dich wirklich

Wahrnehmung und Realität klaffen ziemlich weit auseinander, wenn es darum geht, Freundschaften zu bewerten. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Nur weil du denkst, jemand wär ein Freund oder eine Freundin, heißt es noch lange nicht, dass der oder die andere das auch so sieht.

Nur weil du denkst, jemand wär ein Freund oder eine Freundin, heißt es noch lange nicht, dass der oder die andere das auch so sieht. bit.it / photocase.de

Freundschaften sind zentral für unser Wohlbefinden. Eine kanadische Studie aus dem Jahr 2012 mit mehr als 25.000 Teilnehmer*innen fand zum Beispiel heraus, dass Menschen mit Freunden in der Regel gesünder und weniger gestresst sind als Menschen ohne.

Offenbar sind wir allerdings ziemlich schlecht darin, zu erkennen, wer wirklich eine Freundin oder ein Freund ist.

In vielen Fällen beruht die Einschätzung nämlich nicht auf Gegenseitigkeit. Jemand, von dem wir denken, er wäre unser*e Freund*in, sieht in uns womöglich keine*n Freund*in. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung, die in PLOS One veröffentlicht wurde und über welche die New York Times jetzt berichtete.

Die Wissenschaftler*innen befragten 84 Teilnehmer*innen einer Management-Klasse im Alter zwischen 23 und 38 Jahren. Sie sollten ihre Klassenkamerad*innen auf einer Skala von 0 bis 5 bewerten. 0 bedeutete „Ich kenn diese Person nicht“, 3 stand für „Freund*in“ und 5 für „beste Freund*innen“.

94 Prozent der Teilnehmer*innen gingen davon aus, dass ihre Freundschaft erwidert würde, tatsächlich waren es aber nur 53 Prozent. Die Stichprobengröße der Studie ist zwar sehr klein, aber die Ergebnisse stimmen mit früheren Untersuchungen überein, in denen mehr Menschen befragt wurden. Je nach Studie beruhten nur zwischen 34 und 53 Prozent der Freundschaften auf Gegenseitigkeit.

Was ist überhaupt Freundschaft?

Doch woher kommt diese Fehleinschätzung? Der Sozialwissenschaftler Alex Pentland, Co-Autor der Studie, hat eine Vermutung: „Niemand hört gerne, dass die Leute, von denen wir denken, sie wären unsere Freunde, uns nicht als ihre Freunde sehen.“ Wer vor dieser Tatsache die Augen verschließt, bewahre ein positives Selbstbild und schütze sich so, glaubt Pentland.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir gar nicht genau wissen, was Freundschaft ist.

Alexander Nehamas, Professor für Philosophie an der Universität Princeton und Autor des Buches „Über die Freundschaft“ sagt: „Freundschaft ist schwer zu beschreiben“. Wer nicht genau weiß, was Freundschaft ausmacht, tut sich natürlich auch schwer, seine Mitmenschen in Freunde oder Bekannte zu unterteilen.

„Es ist leichter zu sagen, was Freundschaft nicht ist, und an erster Stelle ist Freundschaft nicht zweckorientiert“,  zitiert die New York Times den Wissenschaftler.

[Außerdem bei ze.tt: Freundschaft und Sex: Passt das auf Dauer zusammen?]

Freundschaft bedeute demnach nicht, Dinge vom Gegenüber zu erwarten oder Partnerschaften nur aus strategischen Zwecken einzugehen. Vielmehr gehe es darum, was aus zwei Menschen wird und wie sie sich fühlen, wenn sie Zeit miteinander verbringen, sagte der Literaturwissenschaftler Ronald Sharp der New York Times. Er lehrt auch über Freundschaft in der Literatur.

Und es geht darum, zu Schwächen stehen zu können und keine Angst davor zu haben, sich in seiner eigenen Unvollkommenheit zu zeigen – die meistens der Selbstdarstellung auf Facebook und Instagram widerspricht.

Umgekehrt bedeutet es auch, dass wir uns Zeit nehmen, die Probleme unserer Freund*innen anzuhören und verstehen zu wollen.

Der Soziologe Janosch Schobin, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel und spezialisiert auf zwischenmenschliche Beziehungen, deutet das Studienergebnis anders: „Das ist nichts Neues. Freundschaftsnetzwerke sind wie Lebewesen, sie ändern sich ständig und erneuern sich ständig“, sagt er zu ze.tt. Daher rühre die Einseitigkeit. Die Fehleinschätzung sei vor allem bei frischen Freundschaften häufig.

„Irgendwann wird die Freundschaft erwidert oder sie geht ein“, sagt Schobin. Was wiederum bedeutet: Bei guten und längjährigen Freund*innen ist der Irrtum weitaus seltener.

Mit wie vielen Menschen können wir befreundet sein?

Vielleicht überschätzen wir auch unsere Fähigkeit, Freundschaften aufrecht erhalten zu können. Der britische Evolutionspsychologe Robin Dunbar beschreibt Freundschaft in mehreren Schichten. Bekannt wurde er durch die Dunbar-Zahl. Sie besagt, dass wir nicht mehr als 150 stabile soziale Kontakte aufrecht erhalten können.

Dunbar zufolge ist es aus zeitlichen und emotionalen Gründen gar nicht möglich, mehr als fünf gute Freunde zu haben. Seiner Schichttheorie zufolge sind in der obersten Schicht höchstens ein oder zwei Personen, meistens die*der Partner*in und die*der beste Freund*in. Mit ihnen haben wir die intimste Bindung und täglich Kontakt.

In der zweiten Schicht sind dann höchstens vier weitere Menschen, mit denen wir viele Gemeinsamkeiten haben und mit denen wir mindestens einmal in der Woche in Kontakt stehen. In Freundschaften außerhalb dieser beiden Schichten investieren wir weniger Zeit; bricht der Kontakt für längere Zeit ab, wird aus der Freundschaft meist eine Bekanntschaft.