Nur fiese Menschen rufen an! Warum wir so ungern telefonieren

Ich hasse telefonieren, unangekündigte Anrufe von einer unbekannten Nummer sind das Schlimmste. So wie mir geht es anscheinend der gesamten Generation der sogenannten Millennials. Ein Abgesang auf den Anruf.

Telefonieren nervt! Unsplash/CC0

Mist, mich ruft jemand an …

„Why Millennials Don’t Like to Make Phone Calls ” – als ich neulich diese Überschrift über einem Artikel las, war mir klar: Ich bin also nicht allein, nein, es ist ein Problem meiner Generation, wir hassen telefonieren. Das belegen jetzt sogar Zahlen: Laut einer Umfrage des Forschungsinstituts Reality Mine unter 3.000 Handynutzern in den USA im Jahr 2015 zum Beispiel, haben Frauen zwischen 18 und 34 Jahren knapp 35 Prozent ihrer Telefonzeit für SMS und nur neun Prozent für Anrufe genutzt. Daten, die sich auf jeden Fall mit meinem Verhalten decken könnten.

Den Hass aufs Telefonieren bestätigt auch die Erkenntnis, die Jenna Lowenstein, Digital Direktorin des Wahlkampfes von Hillary Clinton im vergangenen Jahr, auf einer Veranstaltung in Berlin beschrieb: Während des Wahlkampfes musste ihr Team schnell feststellen, dass sie die jungen Wähler nicht über Anrufe gewinnen konnten. Die Resonanz über klassisches Anruf-Marketing war erschreckend gering im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten. Sie entwickelten daraufhin eine SMS-Strategie, in der sie eins-zu-eins-Gesprächssituationen zwischen den Kampagnen-Mitarbeitern und den potenziellen Wählern per Textnachricht möglich machten und waren schnell viel erfolgreicher bei der jungen Zielgruppe.

Das Handy, mein ständiger Begleiter

Eigentlich paradox, denn ich führe eine sehr innige Beziehung zu meinem Telefon. Es ist das letzte, das ich abends aus der Hand lege und das erste, das ich morgens wieder in die Hand nehme. Es liegt die komplette Nacht griffbereit neben mir – nur für den Fall, dass mich jemand anruft, weil etwas Schlimmes passiert ist. Es kommt selten vor, dass ich einen ganzen Kinobesuch überstehe, ohne auf mein Handy zu schauen. Und wenn dann ein Anruf in Abwesenheit aufleuchtet, bricht Panik in mir aus. Bestimmt ist es total wichtig, sonst würde derjenige doch eine Nachricht schreiben. Am Allerschlimmsten ist es, wenn der Anruf dann auch noch von einer unbekannten oder unterdrückten Nummer kommt – wer zur Hölle hat heutzutage denn überhaupt noch eine unterdrückte Nummer? Doch eigentlich nur Stalker und Serienmörder, oder?

Früher waren Anrufe positiv aufregend

Als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, hat eine meiner besten Freundinnen das coolste Spiel der Welt von ihrer großen Schwester geerbt: Traumtelefon. Das Spiel bestand hautsächlich aus einem großen pinkfarbenen Telefon, über das man Hinweise auf seinen Traumtypen sammeln konnte: „Er sieht cool aus, egal was er trägt”. Damals war Telefonieren noch positiv aufregend für mich. Abgesehen davon, dass ich mir heute über die verheerende Botschaft, die dieses Spiel eigentlich vermittelt, bewusst bin, würde das Spiel mich auch aufgrund des simulierten Telefongesprächs nicht mehr begeistern können.

Die ersten Telefonate mit einem Jungen aus meiner Klasse und stundenlange Gespräche mit den besten Freundinnen, obwohl man sich schon in der Schule den ganzen Tag gesehen hatte, waren früher aber unglaublich spannend. Darüber hinaus hatte Telefonieren damals auch etwas Rebellisches: Wir Millennials sind wohl die letzte Generation gewesen, die noch Ärger wegen einer zu hohen Telefonrechnung bekommen hat. Damals, als es noch keine Flatrates gab. Für ein Telefonat würde ich heute wohl kaum mehr so viel Ärger riskieren.

Ach du Schreck, ein Anruf!

Aber, warum ist das so? Warum stresst uns Telefonieren so – zumindest, wenn es nicht mit den engsten Freunden, vielleicht der Familie ist? In dem oben erwähnten Artikel bei Inc. findet der Autor eine sehr sympathische Erklärung: Wir denken schneller als alle jenseits der 34, wir verarbeiten Informationen schneller, wir wollen punktgenaue Lösungen. Deshalb haben wir keine Zeit für veraltete Technologie wie das Telefonieren. Ein Anruf ist einfach nicht so effizient. Man hält sich viel zu viel mit dem Drumherum auf und zwingt den anderen sich von einer Sekunde auf die andere auf ein Thema zu fokussieren, auch wenn dieser vielleicht gerade mit etwas ganz anderem beschäftigt ist.

Das erscheint mir logisch. Ein Anruf kommt mir oft vor wie ein Überfall aus dem Hinterhalt. Man weiß nie, wobei man den anderen gerade stört. Eine E-Mail oder eine Nachricht geben dem Kontaktierten die Möglichkeit, über seine Antwort nachzudenken und sinnvoll und prägnant zu antworten. Außerdem verhindert man mit Nachrichten unangenehme Stille, man muss keine Angst vor Versprechern haben und in einer E-Mail hört niemand, wie nervös man eigentlich ist. Man kann Fakten und Namen noch einmal prüfen, bevor man sie abschickt.

Die Freiheit, zu reagieren, wenn man bereit ist

Ja, es gibt Angelegenheiten, bei denen es Sinn macht, anzurufen, aber für alles andere kann man wirklich eine Nachricht schreiben. Gerade im Umgang mit uns unter 34-Jährigen ist die Chance auf eine Rückmeldung damit auch deutlich höher. Wir sind mit WhatsApp und Facebook-Messenger ins Berufsleben eingestiegen. Ein unangekündigter Anruf fühlt sich für uns sogar unhöflich an. Ich zum Beispiel entwickle latente Aggressionen gegen den Anrufenden, wenn der Anruf gerade einfach überhaupt nicht in meinen Plan passt. Dann gehe ich nicht ran und wenn der andere nicht auf gibt, rufe ich irgendwann aus Trotz nicht zurück. Du entscheidest nicht, wann ich mit dir zu sprechen habe! Vielleicht schreibe ich bald mal einen Text mit dem Titel: Was wir von starken Frauen über das Ignorieren von Anrufen lernen können.

Das alles trifft natürlich nicht auf Anrufe und Telefonate mit Menschen zu, die wir sehr gerne mögen. Meine Familie und meine besten Freunde dürfen jederzeit anrufen. Aber wenn du nicht zu meinem Telefonzirkel gehörst: sorry …

Unsere Angst vor Anrufen ist also real, findet euch damit ab! Nachrichten passen einfach viel besser zu unserem Lebensstil. Ihr erwartet, dass wir immer erreichbar sind, auf E-Mails auch an Wochenenden reagieren und unsere Likes permanent auf Social Media verteilen – also gönnt uns doch bitte wenigstens die Freiheit zu entscheiden, wann wir wie auf eure Frage antworten. Dann bekommt ihr eine viel produktivere Antwort, versprochen.


Von Helen Hahne auf EDITION F.

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