Nur weil ihr bei Arket einkauft, wird die Welt nicht besser

In München wird H&M bald seinen ersten Shop mit Slow Fashion eröffnen. Ihr Konzept ist verdammt hip, aber nicht nachhaltig genug, findet unsere Autorin.

Grundsätzlich ist es begrüßenswert, dass H&M in eine nachhaltigere Richtung gehen will. Bisher macht es das aber nur halbherzig. Screenshot: Instagram/iarketofficial

In der Münchner Innenstadt wird Mitte Oktober ein neues Geschäft eröffnen. Das an sich ist noch keine große Sensation. Es handelt sich dabei aber um die erste Filiale der Marke Arket in ganz Deutschland. Sie gehört zum Branchengigant H&M genauso wie COS, & Other Stories, Monki, Weekday und Cheap Monday. Ähnlich und doch ganz anders soll der neue Laden nun sein: ein kleineres Sortiment, in einem hippen Laden, mit teureren Preisen und dafür besserer Qualität.

Auf ihrer Seite erklärt die Firma das so: „Arkets Mission ist es, die Qualität durch weit verbreitete, gut gemachte, langlebige Produkte zu demokratisieren, die für lange Zeit genutzt und geliebt werden können.“

ARKET's first store in Brussels, at 15 Avenue de la Toison d'Or, opens at 12:00 on Friday, 15 September. The first 100 guests will receive a special gift. #ARKET

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Von Arket gibt es bisher erst vier Läden – in London, Kopenhagen und Brüssel. Nach München soll im Frühjahr dann Stockholm folgen. Der Name bedeutet übersetzt übrigens „Blatt Papier“ – laut H&M ein Bild für Optimismus und offene Möglichkeiten.

Wer jetzt denkt, das klingt genauso wie COS, nicht ganz: Neben Klamotten wird der Store auch Vasen, Salatschüsseln, Handtücher, Stifte, Kopfkissen, Seife, Kaffeebohnen und Spielzeug anbieten sowie ein Café mit nordischer Küche „zum Entspannen“. Wie man sich das genau vorstellen kann, bleibt offen.

Doch wie nachhaltig ist Arket wirklich?

Ähnlich wie bei Lebensmitteln soll man mit einer neunstelligen Nummer  – der Arket ID – nachsehen können, wo die Teile gefertigt und welche Materialien dafür benutzt wurden. So versucht die Marke, Transparenz in die Modeindustrie zu bringen. Neben der eigenen Marke werden auch Fremdmarken angeboten wie Kuscheltiere von Steiff, Turnschuhe von Adidas und Nike und Pfeffermühlen von Peugeot. So weit, so Hipster.

Mit kleinen Geschäften, weniger Sortiment und einem Café zum Träumeordnen und Ausspannen versucht H&M der schnellen und schmutzigen Textilindustrie etwas entgegen zu setzen. Denn der Branchengigant weiß natürlich ganz genau, dass das derzeit im Trend liegt.

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Wie nachhaltig ist also Arket? Liest man auf der Seite der Marke nach, erklären sie das in wenigen Sätzen: „Nachhaltigkeit als primäre Überlegung wurde in alle Prozesse integriert, von der Auswahl unserer Lieferanten und Materialien bis hin zur Information der Kunden über die Pflege von Produkten, um ihre Lebensdauer zu verlängern.“

Derartige Beschreibungen klingen nett, sind aber nichtssagend und ähnlich vage wie der Name der Firma. Abgesehen von dieser Beschreibung sind keinerlei konkrete Kriterien für die Nachhaltigkeit von Arket irgendwo zu finden. Auch auf Anfrage von ze.tt meldete sich bisher niemand von der Pressestelle dazu. Genau hier liegt das Problem begraben: Sich nur mit dem Begriff Nachhaltigkeit zu schmücken, weil es gerade irgendwie im Trend ist, ist zu wenig.

Warum H&M jetzt Slow Fashion macht

„Als H&M in den Achtzigern auf den deutschen Markt kam, hatte das Unternehmen einen klaren Vorteil: Es bot modische Bekleidung zu sehr günstigen Preisen, was es bis dahin sonst kaum gab“, erklärt Tina Weber, Professorin für International Fashion Retail an der Hochschule Reutlingen, der ZEIT. Die Firma schaffte es, Mode vom Laufsteg schnell und günstig in die Geschäfte zu bringen, was Fast Fashion genannt wird. Was heute einen bitteren Beigeschmack hat, war damals ziemlich revolutionär.

Heute machen das viele Konkurrent*innen am Markt. „Die Schweden (Anm d. R.: H&M) werden rechts und links überholt von Mitbewerbern. Zara ist schneller und modischer, Primark billiger“, so Weber.

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Darum muss H&M allein aus unternehmerischer Sicht etwas am Kurs ändern. Denn für die Modekette lief es zu Beginn dieses Jahres nicht besonders. Beklagt wurde, dass zu wenig Menschen in die Geschäfte kommen würden. Das ging natürlich Hand in Hand damit, dass die Firma parallel seinen Onlinehandel ausbaute.

Das klassische H&M-Format komme langsam an seine Grenzen, meint auch Joachim Stumpf von der Handelsberatung BBE gegenüber der WirtschaftsWoche. Arket sei „ein neuer Versuch, mit einem hochwertigeren Angebot an den Markt zu gehen“. Dieser Versuch wurde aber nicht gestartet, um in der Welt etwas zu verbessern, sondern um Geld zu machen. Das sollte man bei all der geschickten PR nicht vergessen. Denn die Existenz von Arket bedeutet nicht, dass es den Textil-Billig-Boom irgendwie mildern würde. Der Konzern H&M wird weiter Klamotten zu Dumpingpreisen produzieren. Und wer sich keine nachhaltige Mode leisten kann oder will, wird sich auf Dauer auch nicht von einem hippen Konzept überzeugen lassen.

Grundsätzlich ist es begrüßenswert, dass H&M in eine nachhaltigere Richtung gehen will. Bisher macht es das aber nur halbherzig. Die Menschen sollen ein gutes Gefühl haben, wenn sie mit ihren vollen und schönen Papiertüten aus dem Geschäft gehen, doch was daran wirklich nachhaltig ist, bleibt schleierhaft.

Meiner Meinung nach muss Arket seine Standards für Nachhaltigkeit offenlegen. H&M müsste generell ihre Produktionsbedingungen verändern, um als nachhaltige Firma in der Textilindustrie ernstgenommen zu werden. Wer derweil wirklich nachhaltig einkaufen will, sollte heimische Labels unterstützen, die regional und fair produzieren und nicht einen Branchengigant unterstützen, der sein schlechtes Ökogewissen mit hipper Nachhaltigkeit aufpolieren will.