Ohne ihr Ja-Wort kriegt er kein Visum

Sophie und Anil* sind seit sechs Monaten ein Paar, als Anil zurück nach Bangladesch soll. Über eine Liebe im Zeitraffer.

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Am Tag ihrer Hochzeit essen sie bei Burger King. Es gibt keine Reden, keinen ersten und keinen letzten Tanz, aber zwei Trauzeugen.

Zu viert fuhren sie mit der Fähre nach Dänemark, auf die Insel Fanø. 750 Euro haben sie für zwei Übernachtungen und eine Trauung gezahlt. „Die Standesbeamtin hat einen kleinen Spruch vorgelesen. Dass man lieber lieben statt hassen soll. Sie hat unsere Daten erfragt, dann haben wir die Ringe getauscht, einen Kuss dazu, nochmal angestoßen und zack waren wir verheiratet.“ So beschreibt Sophie den Moment, als sie die Ehe mit Anil aus Bangladesch eingeht. Das Jahr 2017 hatte gerade erst begonnen.

Eine geheime Sommerliebe

Im Sommer 2016 lernen sich Sophie, 21, und Anil, 26, kennen. Beide studieren in Berlin, er an einer privaten Hochschule, sie an der Uni. Sie geht gern in das Café, in dem er arbeitet, weil sie den Platz schön findet, an dem es sich befindet. Sie finden einen Draht zueinander, reden viel, tauschen Nummern aus und werden Freunde. „Er war zufällig immer mein Kellner und ich wurde sein Stammgast“, sagt sie. Irgendwann geht sie wegen ihm dorthin und bald werden sie ein Paar.

Sie liebt ihre Unterschiede: Er ruhig und zart, sie eine Beschützerin. Auch ihre Eltern mögen Anil. Damit das junge Paar zusammenleben kann, darf er sogar ins Elternhaus mit einziehen. Sie feiern zusammen Weihnachten, gehen gemeinsam essen und Sport machen. Sophies Vater stellt Anil viele Fragen über seine Heimat. Eine umkomplizierte Liebe, bis Anils Vater einen Herzinfarkt in Bangladesch erleidet. Anil beginnt, sein ganzes Geld in die Heimat zu schicken, um seine Familie zu unterstützen. Doch das geht nicht lange gut: Irgendwann kann er die Hochschule nicht mehr bezahlen, die exmatrikuliert ihn, meldet es den Behörden, die streichen sein Visum. Plötzlich soll er weg, ohne Studienplatz darf er nicht in Deutschland bleiben.

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„Zuerst fühlte es sich an wie ein Scherz. Dann bekam ich Panik“, erzählt Sophie. Also beginnt sie zu recherchieren, ob er mit einem anderen Visum bleiben könnte. Auch Anil macht sich Sorgen, er fühlt sich ihr gegenüber schuldig. Zusammen gehen sie zu einem Dutzend Anwält*innen, die ihnen von ihrer einzigen Chance erzählen: einer Ehe. Das Prozedere dauert zwei Monate. In Deutschland bekommen sie keinen Termin zur standesamtlichen Trauung. Auch die nötigen Unterlagen – wie das Ehefähigkeitszeugnis aus Bangladesch, welches beweisen soll, dass Anil noch ledig ist – fehlen ihnen. Sie hören von der Trauung in Dänemark, wo sie kaum mehr als die Geburtsurkunde, Ausweise und Visa brauchen. Sie bekommen kurzfristig einen Termin. Sie wollen aber niemandem davon erzählen. Also brennen sie durch.

Auf der Fähre versuchen Sophie und Anil fröhlich zu sein, auch wenn ab und zu Traurigkeit durchkommt. Die Freunde machen Witze, bringen die beiden zum Lachen. „Ich glaube, wir haben da einfach nicht realisiert, was passiert, sondern es als eine Art Urlaub angesehen.“

Liebe ohne Segen

Seine Eltern wissen nichts von all dem. Genauso wenig wie von seiner Rettung: eine Deutsche, die ihn heiraten wird, damit er bleiben kann. „Sie denken, er studiert hier brav und hat nichts mit einer deutschen Frau“, sagt Sophie. Einer Ehe mit einer Nicht-Muslimin und sogar Atheistin würde seine streng muslimische Familie erst recht nicht zustimmen. „Wenn das rauskommt, ist er, auf gut Deutsch gesagt, am Arsch“, sagt Sophie. „Er ist traurig und ängstlich, aber er liebt seine Familie trotz allem.“ Also verschweigt er die Existenz seiner Frau. Bei Facebook achtet er darauf, nicht mit ihr auf einem Bild verlinkt zu werden. Er will weder seine Beziehung zu Sophie noch die zu seinen Eltern gefährden. 

Doch auch Sophies Vater stellt sich dem jungen Paar entgegen. Um Erlaubnis fragt die Studentin nicht, als sie sich für die Ehe entscheidet. Auf dem Weg nach Dänemark ruft sie ihre Mutter aber doch an und erzählt davon. Diese ist traurig. Sophie verspricht, dass sich nichts ändern wird. Sie erzählt ihrer Mutter, dass die beiden einen Ehevertrag aufgesetzt haben. Im Falle einer Scheidung zahlt Anil. Er bekommt weder ein Erbe noch Unterhalt von Sophie. Umgekehrt gilt dasselbe.

Sophies Vater wird wütend, als er von der Sache erfährt. Er hält seine Tochter für naiv und Anil für einen Betrüger. Sophie ist enttäuscht, aber sie gönnt ihm seine Wut, sagt sie. „Er mochte meinen Mann. Ich glaub, er mag ihn eigentlich immer noch.“ Doch die Ehe zugunsten eines Visums – das lässt rassistische Vorurteile ihn ihm hochkochen, von denen Sophie vorher nichts wusste. Jetzt, im Nachhinein, erinnert sie sich aber doch an einen Kommentar ihres Vaters, dass Anils Hautfarbe ziemlich dunkel sei. Obwohl ihre Familie früher auch in muslimischen Ländern Urlaub gemacht hat, jammert der Vater nun, einen Moslem in seiner Familie zu haben. Er will, dass Anil auszieht und ihn nie wiedersehen. „Ich kann noch nicht abschätzen, ob das jetzt nur Drama ist oder er es ernst meint“, sagt seine Tochter.

„Ich wollte niemals heiraten“

Eine Hochzeit hatte sich Sophie nie erträumt. Unabhängigkeit sei den Frauen in ihrer Familie immer das höchste Gut gewesen. „Extremfeministinnen“ seien sie. Obwohl ihre Mutter selbst in Ehe lebt, riet sie ihrer Tochter immer: „Sei nicht so dumm und heirate.“ Ihre Oma stimmte zu. Sophie sagt von sich, sie sei nie der romantische Typ gewesen. Das habe sie in der Schule auch immer rumposaunt. Dass sie jetzt die Erste ist, die verheiratet ist, findet sie „schon lustig“.

Vielleicht konnte die Hochzeit auch nur so ablaufen, weil sie sich nie im weißen Kleid in der Kirche hat stehen sehen. „Ich glaube, weil ich mir nie eine Hochzeit ausgemalt habe, bin ich so zufrieden. Weil es für mich keine große Bedeutung hat. Es war perfekt so wie es war.“

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Für ihre gemeinsame Zukunft wünscht sich die Studentin „einfach nur Frieden“. Sie hofft, dass sie ihre Beziehung wie bisher weiterleben können. Ohne Sorgen, Druck und ohne Anfeindungen von irgendwelchen Familienmitgliedern. Zumindest Sophies Mutter unterstützt das Paar. Als sie zurück in Deutschland ankommen, ist sie den Tränen nah und umarmt die beiden. Dass seine Familie nichts von ihr wissen darf, macht sie wütend. „Ich kann es als Atheistin nicht verstehen, dass man die Religion über die Liebe eines junges Paares stellt.“ Irgendwann wollen sie es seinen Eltern aber sagen. In ein paar Jahren vielleicht.

Ihr Ehemann bekommt nun ein neues Visum. Er darf bleiben und Vollzeit arbeiten. Sophie und er suchen jetzt gemeinsam eine Wohnung. „Unter anderen Umständen hätten wir nicht geheiratet, aber ich fühl mich jetzt gut“, sagt sie. Trotz aller Belastungen sei sie erleichtert und glücklich, es durchgezogen zu haben. „Ich war mir am Anfang schon unsicher und eine ganz kleine Mini-Sorge, dass Anil mich doch nur verarscht, bleibt. Aber das Verhalten meines Vaters hat mich meinem Mann gegenüber näher gebracht. Wenn ich ihn angucke, weiß ich, dass es klappen wird.“

* Namen geändert