Oma erzählt vom Krieg: „Alle waren ziemlich verzweifelt im Keller“

Einen Weltkrieg darf es nie wieder geben. In unserer Podcast-Reihe berichten fünf Frauen aus eigenem Erleben, warum. Folge 5: Dorit erzählt, wie sie den ersten Großangriff auf Berlin überlebt und warum sie eine Kopfhörer-Phobie davongetragen hat. 

Podcast

"Oma erzählt vom Krieg" – ein Zeitzeuginnen-Podcast von ze.tt © Gettyimages

„Als wir im Hausflur standen und ich gerade die Wohnungstür abschloss, fiel vor das Haus eine Bombe […] Die Haustür wurde aus den Angeln gerissen und fiel uns zu Füßen, fünf Stufen die Treppe rauf. Es war ein Höllenlärm und wir sind ganz schnell in den Keller runtergerannt und haben nur geguckt – die Decke hielt aber. Alle waren ziemlich verzweifelt in dem Keller. Ich hab gezittert, mir war schlecht und ein Herr bot mir ein Bonbon an. Den habe ich heimlich hinterher ins Taschentuch gespuckt, weil mir so übel war“, erzählt mir Dorit, 87, mit gefasster Stimme an ihrem Esstisch. Sie hat wenig vergessen aus ihrer Kindheit im Krieg.

Bis heute kann Dorit keine Kopfhörer ertragen, weil sie als Schülerin die Reden Hitlers hören und Aufsätze darüber schreiben musste. „Wir hatten kein Radio. Und meine Eltern hätten sich lieber die Zunge abgebissen als einen Nachbarn zu fragen: ‚Kann mein Kind bei Ihnen die Hitlerrede hören?‘ Also musste ich das mit Kopfhörern hören und einem Detektor […] Die Kopfhörer drückten furchtbar und dazu diese schreiende Stimme von Hitler. Ich hatte immer Kopfschmerzen hinterher. Und seitdem eigentlich eine Kopfhörer-Phobie.“

Überall in Europa, aber auch international, blüht der Nationalismus. Dazu kommt Hass auf Geflüchtete, der in zunehmenden rechten Gewalttaten mündet. Doch die, die heute geflüchtete Menschen fürchten oder ablehnen und sich auf ihre nationale Identität berufen, haben oder hatten wahrscheinlich selbst Großeltern, die aufgrund genau dieses Nationalismus am eigenen Leib Krieg, Tod, Elend und Flucht erleben mussten. Trotzdem fehlt es ihnen an Empathie.

„Oma erzählt vom Krieg“ ist eine beinahe joviale Floskel dafür, wenn jemand mal wieder die alten Erinnerungen auspackt. Aber wir brauchen diese Erinnerungen heute mehr denn je. Meine Omi hat mir oft Geschichten vom Krieg erzählt. Davon, wie grauenhaft, gnadenlos und entsetzlich er ist. Wie es sich anfühlt, plötzlich sein Zuhause für immer verlassen zu müssen – zu Fuß, verlaust und dreckig, hungernd und frierend. Ohne zu wissen, wo es hingeht und was werden soll. Davon, wie es ist, als Kind Tote sehen zu müssen. Als geflüchteter Mensch beschimpft und verjagt zu werden. Inmitten von Zerstörung aufzuwachsen.

Meine Omi lebt nicht mehr, aber ich habe fünf anderen Frauen zugehört. Sie waren noch Kinder, als sie Krieg, Tod und Vertreibung erlebten. Ihre Geschichten bewegen und erschüttern. Diese persönlichen Schicksale schmälern die deutsche Schuld am und im Zweiten Weltkrieg nicht – oder wie es der Historiker Moritz Hoffmann bei Spiegel Online formuliert: „Warum sollte man sich in der Rolle ‚die Deutschen‘ als Opfer verstehen, wenn man historisch betrachtet zu dieser Zeit klar zuvorderst Täter war?“ Aber Millionen unschuldiger Kinder wuchsen in diesem Krieg auf und haben seelische Wunden davongetragen.

Für Oma erzählt vom Krieg, ein Podcast-Format bei ze.tt in fünf Teilen, habe ich die Protagonistinnen auch nach Erkenntnissen für die heutige Zeit gefragt. Um Krieg zu verhindern, so habe ich in den Gesprächen gehört, brauchen wir Bündnisse, Mitgefühl, Zivilcourage und Toleranz. Und das Bewusstsein dafür, warum genau das essenziell für unsere Gesellschaft ist.

Das bestätigt auch Dorit: „Meine Mutter sagte immer: ‚Unsere Klasse in Ostpreußen war ein Drittel katholisch, ein Drittel evangelisch und ein Drittel jüdisch. Wir haben alle Feiertage gehabt und uns alle verstanden. Wenn wir Religionsunterricht hatten, dann gingen der Kaplan, der Pfarrer und der Rabbi in der Pause gemeinsam auf den Schulhof und unterhielten sich – und danach ging jeder in seine Klasse.‘ Man kann nur versuchen, der jungen Generation eine Vorstellung zu geben von den Verbrechen der Nazis. Von dem, was Krieg bedeutet […] Wer lernt denn aus der Geschichte?“

Wir. Hoffentlich.

Ihr könnt Oma erzählt vom Krieg auch hier auf Spotify in der mobilen App hören.

Außerdem natürlich hier bei iTunes.

Und für Podcatcher-Hörer*innen: Hier ist der RSS-Feed.

Das war die vorerst letzte Folge. Schreibt mir, wie euch die Reihe gefallen hat, was ihr euch anders gewünscht hättet. Oder falls ihr selbst eine Zeitzeugin kennt oder eine Omi habt, die ihre Geschichte mitteilen sollte. Ich freue mich über euer Feedback: jessica.wagener@ze.tt


[Hört auch Oma erzählt vom Krieg Folge 4: Anita rannte beinahe täglich um ihr Leben]

[Hört auch Oma erzählt vom Krieg Folge 3: Theas Papa verschwand nach dem Krieg für immer]

[Hört auch Oma erzählt vom Krieg Folge 2: Margarete sucht in den Trümmern nach ihrer Mama]

[Hört auch Oma erzählt vom Krieg Folge 1: Karin erinnert sich an Feuer, Bomben, Angst und Tod]