Oma erzählt vom Krieg: „Das Haus brennt, aber die Mutti lebt“

Einen Weltkrieg wie vor 77 Jahren darf es nie wieder geben. In unserer Podcast-Reihe Oma erzählt vom Krieg berichten fünf Zeitzeuginnen eindrücklich, warum. Folge 2: Margarete erzählt, wie sie und ihre Familie die Bomben auf Dresden überlebten.

Podcast

"Oma erzählt vom Krieg" – ein Zeitzeuginnen-Podcast von ze.tt © Gettyimages

„Wenn man das erste Mal als Kind noch Tote sieht … Ich weiß das unauslöschlich. Als ich da am 14. Februar langging mit meiner Tante, da sah ich über einer Mauer tote Menschen hängen. Das waren Verwundete, die aus dem nahegelegenen Diakonissen-Krankenhaus geflohen waren und noch brennend über der Mauer lagen. Das werde ich nie vergessen“, erzählt mir Margarete aus Berlin in ihrem Wohnzimmer, während ihre Hände an der Tischdecke nesteln, über den Tag, an dem sie ihre Mutter in den Trümmern Dresdens suchte. Ich kann nur zuhören.

Überall in Europa, aber auch international, blüht der Nationalismus. Dazu kommt Hass auf Geflüchtete, der in zunehmenden rechten Gewalttaten mündet. Aber die, die heute geflüchtete Menschen fürchten oder ablehnen und sich auf ihre nationale Identität berufen, haben oder hatten ziemlich wahrscheinlich selbst Großmütter, die aufgrund genau dieses Nationalismus‘ am eigenen Leib Krieg, Tod, Elend und Flucht erleben mussten. Und trotzdem fehlt es ihnen an Empathie.

„Oma erzählt vom Krieg“ ist eine beinahe joviale Floskel dafür, wenn jemand mal wieder die alten Erinnerungen auspackt. Aber wir brauchen diese Erinnerungen heute mehr denn je. Meine Omi hat mir oft Geschichten vom Krieg erzählt. Davon, wie grauenhaft, gnadenlos und entsetzlich er ist. Wie es sich anfühlt, plötzlich sein Zuhause für immer verlassen zu müssen – zu Fuß, verlaust und dreckig, hungernd und frierend. Ohne zu wissen, wo es hingeht und was werden soll. Davon, wie es ist, als Kind Tote sehen zu müssen. Als geflüchteter Mensch beschimpft und verjagt zu werden. Inmitten von Zerstörung aufzuwachsen. „Berlin sah damals aus wie Aleppo heute“, berichtet mir eine weitere Zeitzeugin.

Meine Omi lebt nicht mehr, aber ich habe fünf anderen Frauen zugehört. Sie waren noch Kinder, als sie Krieg, Tod und Vertreibung erlebten. Ihre Geschichten bewegen und erschüttern. Diese persönlichen Schicksale schmälern die gesamtdeutsche Schuld am und im Zweiten Weltkrieg nicht – oder wie es der Historiker Moritz Hoffmann bei Spiegel Online formuliert: „Warum sollte man sich in der Rolle ‚die Deutschen‘ als Opfer verstehen, wenn man historisch betrachtet zu dieser Zeit klar zuvorderst Täter war?“ Aber Millionen unschuldiger Kinder wuchsen im Krieg auf und haben lebenslang schwärende seelische Wunden davongetragen.

Für Oma erzählt vom Krieg, ein Podcast-Format bei ze.tt in fünf Teilen, frage ich die Protagonistinnen nicht nur nach ihren Erlebnissen, sondern auch nach Erkenntnissen für die heutige Zeit. Um Krieg zu verhindern, so höre ich in den Gesprächen, brauchen wir Bündnisse, Mitgefühl, Zivilcourage und Toleranz. Und das Bewusstsein dafür, warum genau das alles essenziell für unsere Gesellschaft und den Fortbestand unserer Welt ist. Die Geschichte darf sich nicht wiederholen.

Genau davor warnt auch Margarete: „Viele denken: ‚Ein starker Mann wird das schon irgendwie richten‘. In Amerika ist er ja schon da. Und so gibt es dann möglicherweise welche, die ihm folgen und alles machen. Das kommt mir alles vertraut vor.“

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[Hört auch Oma erzählt vom Krieg Folge 1: Karin erinnert sich an Feuer, Bomben, Angst und Tod]