Oma erzählt vom Krieg: „Wir haben Papa erst später für tot erklären lassen“

Einen Weltkrieg darf es nie wieder geben. In unserer Podcast-Reihe berichten fünf Frauen aus eigenem Erleben. Folge 3: Thea erzählt, wie sie im Krieg ein paar Mal Glück hatte – und danach ihren Vater für immer verlor.

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"Oma erzählt vom Krieg" – ein Zeitzeuginnen-Podcast von ze.tt © Gettyimages

„Mein Vater war nicht in der NSDAP. Mein Vater war sogar aus dem Polizeidienst eine Zeit lang entlassen wegen politischer Unzuverlässigkeit“, erzählt mir Thea, 83, in ihrem Wohnzimmer. Ihr Vater wäre sogar fast Kommunist geworden – keine gute Voraussetzung für eine Nazi-Karriere. „Er wurde dann aber, als der Krieg anfing und die Leute knapp wurden, wieder eingestellt.“ Theas Papa war bei der Wirtschaftspolizei und ging gegen Wucherpreise vor. Bis zu dem Moment, als alles anders wurde. „Mein Vater war auch nach 1945 bei der Polizei angestellt – und ist urplötzlich verschwunden. Ja. Der war weg. Weg“, sagt Thea und schlägt sich mehrmals mit den Handflächen auf die Oberschenkel. „Der ist abends nicht nach Hause gekommen. Er war und blieb verschwunden und ist auch nie wieder nach Hause gekommen. Und ganz später haben wir ihn für tot erklären lassen.“

Bis heute weiß niemand, was aus ihm geworden ist.

Überall in Europa, aber auch international, blüht der Nationalismus. Dazu kommt Hass auf Geflüchtete, der in zunehmenden rechten Gewalttaten mündet. Aber die, die heute geflüchtete Menschen fürchten oder ablehnen und sich auf ihre nationale Identität berufen, haben oder hatten ziemlich wahrscheinlich selbst Großmütter, die aufgrund genau dieses Nationalismus am eigenen Leib Krieg, Tod, Elend und Flucht erleben mussten. Und trotzdem fehlt es ihnen an Empathie.

„Oma erzählt vom Krieg“ ist eine beinahe joviale Floskel dafür, wenn jemand mal wieder die alten Erinnerungen auspackt. Aber wir brauchen diese Erinnerungen heute mehr denn je. Meine Omi hat mir oft Geschichten vom Krieg erzählt. Davon, wie grauenhaft, gnadenlos und entsetzlich er ist. Wie es sich anfühlt, plötzlich sein Zuhause für immer verlassen zu müssen – zu Fuß, verlaust und dreckig, hungernd und frierend. Ohne zu wissen, wo es hingeht und was werden soll. Davon, wie es ist, als Kind Tote sehen zu müssen. Als geflüchteter Mensch beschimpft und verjagt zu werden. Inmitten von Zerstörung aufzuwachsen. „Berlin sah damals aus wie Aleppo heute“, berichtet mir eine weitere Zeitzeugin.

Meine Omi lebt nicht mehr, aber ich habe fünf anderen Frauen zugehört. Sie waren noch Kinder, als sie Krieg, Tod und Vertreibung erlebten. Ihre Geschichten bewegen und erschüttern. Diese persönlichen Schicksale schmälern die deutsche Schuld am und im Zweiten Weltkrieg nicht – oder wie es der Historiker Moritz Hoffmann bei Spiegel Online  formuliert: „Warum sollte man sich in der Rolle ‚die Deutschen‘ als Opfer verstehen, wenn man historisch betrachtet zu dieser Zeit klar zuvorderst Täter war?“ Aber Millionen unschuldiger Kinder wuchsen im Krieg auf und haben seelische Wunden davongetragen.

Für Oma erzählt vom Krieg, ein Podcast-Format bei ze.tt in fünf Teilen, frage ich die Protagonistinnen nicht nur nach ihren Erlebnissen, sondern auch nach Erkenntnissen für die heutige Zeit. Um Krieg zu verhindern, so höre ich in den Gesprächen, brauchen wir Bündnisse, Mitgefühl, Zivilcourage und Toleranz. Und das Bewusstsein dafür, warum genau das alles essenziell für unsere Gesellschaft und den Fortbestand unserer Welt ist.

„Schlimm ist, dass auf der Welt noch viele Kriege geführt werden“, sagt auch Thea. Der zunehmende Nationalismus macht ihr Sorgen. Aber sie hat einen Lösungsansatz: „Man muss den Jugendlichen andere erstrebenswerte Ideale geben, um von diesem schlimmen Rechtsdrall abzulenken.“ Und sie sagt: „Dass die Menschen aufeinander zugehen, dass sie hilfsbereiter sind – das vermisse ich ein bisschen.“

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