One-Night-Stands und Casual Sex: Wir sprechen zu wenig über Verhütung

Wir halten uns für sexuell aufgeklärt, aber nach einer neuen Studie verzichtet rund ein Drittel der jungen Leute auf Verhütung bei One-Night-Stands. Höchste Zeit, nochmal über Verhütung zu reden.

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Wir müssen mehr über Verhütung sprechen. © Pixabay/CC0

Wie sie da so sitzt und panisch googelt, muss man unweigerlich ein wenig über sie grinsen: “Krankheiten von einer Sekunde ohne Kondom” und “Zeug, das an der Seite aus Kondomen raus kann”. Hannah, eine der Protagonistinnen der US-Serie “Girls” ist in ihren 20ern und weiß nicht, wie Sex mit oder auch ohne Kondom funktioniert?!

Doch wer sich bei dieser Szene in punkto Aufklärung weit überlegen fühlt, der sollte nochmal über das eigene Verhütungs-Verhalten nachdenken: Sicher, dass alles sicher ist?

Verhütung: Sicher oder wirklich sicher?

Die Wahrscheinlichkeit, dass es mit der eigenen Sicherheit nicht ganz so weit her ist, ist gar nicht so gering. Das legen zumindest die Zahlen einer neuen Studie nahe.

Für die Jugendstudie Sexualität vom Verein “Jugend gegen Aids” und der Dating-App Lovoo wurden 2.500 junge Menschen zwischen 16 und 21 Jahren zu ihrem Sexualverhalten befragt. Von den Befragten gaben insgesamt zwar gut 72 Prozent an, beim Sex vor einer Schwangerschaft zu verhüten. Aber in Bezug auf sexuell übertragbare Krankheiten schützen sich nur gut 66 Prozent der Befragten. Der Rest scheint wohl davon auszugehen, dass die Gefahr einer Ansteckung sehr gering ist.

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Doch das ist leider naiv bis fahrlässig. Denn die Zahl der Infektionen mit sexuell übertragbaren Krankheiten wie Tripper, Chlamydien, Hepatitis und HPV steigt seit einigen Jahren wieder. Trotz aller Präventionskampagnen scheint das Wissen über Ansteckungswege, ähnlich wie bei „Girls“-Protagonistin Hannah, auch hierzulande nicht groß genug zu sein.

Wissen reicht nicht, man muss auch wollen

Fehlendes Wissen ist dabei natürlich nur ein Faktor. Denn Wissen nützt wenig, wenn es nicht auch angewendet wird. Und genau dabei scheint es ebenso zu hapern: Wenn es um “casual sex” geht, also um Sex mit einer flüchtigen Bekanntschaft, wird Verhütung vernachlässigt, wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in einer Studie konstatiert. Beim „casual sex“ schnellen die Zahlen des ungeschützten Verkehrs nach oben – auf 22 Prozent bei den männlichen und 15 Prozent bei den weiblichen Befragten zwischen 14 und 25 Jahren. Dabei wäre gerade beim Sex mit einem*r Partner*in, die man kaum kennt, der Schutz vor möglichen Infektionen besonders wichtig.

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In der Studie von “Jugend gegen Aids” und Lovoo gaben 43 Prozent der befragten Jugendlichen an, dass der Austausch über Verhütung beim „casual sex“ oft auf der Strecke bliebe. “Unsere Studie zeigt, dass auch heute im Zeitalter der Digitalisierung das Thema sexuelle Aufklärung wichtiger ist, denn je. Kontakte können überall und unmittelbar geschlossen werden. Diese digitale Freiheit funktioniert jedoch nur, wenn Jugendliche ein Bewusstsein für Risiken in ihrem Sexleben entwickeln”, erklärt Florian Braunschweig, einer der Co-Gründer von Lovoo, in einem Statement.

Wisst ihr, was ein Lecktuch ist?

Zu diesem Bewusstsein gehört nicht nur die Kenntnis über Kondombenutzung, sondern auch das Wissen darüber, dass Kondome nicht bei allen Sexualpraktiken Schutz bieten. Wie man sich beispielsweise bei Oralsex schützt, das wissen, lege ich eine breit angelegte Befragung meines Bekanntenkreises zugrunde, erbärmlich wenige. Oder habt ihr schon mal von einem Lecktuch gehört? Bei oralem Kontakt mit Vulva oder dem Anal-Bereich schützt ein Lecktuch vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Der Name ist zugegebenermaßen nicht sonderlich sexy und viele Jugendliche empfinden die Benutzung auch als lustverhindernd, wie Luise Ihrig von der Berliner Aids-Hilfe, berichtet. Aber wie sexy klingt dagegen “Genitalwarze” oder “Herpes”? Eben.

Doch so unangenehm Genitalwarzen und Co. sind, für eine erstaunlich große Zahl scheint das Kommunizieren über Verhütung im Rahmen von “casual sex” leider noch unangenehmer, berichtet Luise Ihrig. Sie gibt regelmäßig Aufklärungs-Workshops und stellt fest: „Gerade wenn jemand viele wechselnde Partner hat, lässt sich der Wunsch nach Verhütung manchmal nicht so gut kommunizieren, weil man lässig und cool wirken will.“

Lässig und cool statt sicher?!

Lieber lässig wirken, als streberhaft auf ein Kondom zu bestehen also? In dieser Denke scheint das Kondom wie der Fahrradhelm im Straßenverkehr. Jeder weiß, dass es eigentlich viel sicherer wäre, aber cool geht halt anders. Hinzu kommt, dass bei “casual sex” auch oftmals Alkohol im Spiel ist. In Kombination mit akuter Geilheit scheint dann Verhütung auf einmal nur nachrangig wichtig. Und wenn dann noch der*die Partner*in Verhütung überflüssig findet, wird’s halt “ohne” gemacht.

Zugegeben, inmitten von Lust und Leidenschaft auf Verhütung zu bestehen, ist auch nicht einfach. Die Geilheit ist dabei, das Denken zu übernehmen und die Rest-Gedanken kreisen oft schlicht um ganz andere Dinge. Von “wann kommt mein Mitbewohner nach Hause” bis zu “wie lange kann ich wohl meinen Bauch einziehen/ich möchte nach der Nummer fragen”.

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Aber der Griff zu Kondom und Lecktuch sollte trotzdem immer noch drin sein. Denn so abtörnend es sich in dem Moment auch anfühlen mag, oder so abtörnend der*die Partner*in es auch zunächst finden mag, Verhütung zeigt Respekt gegenüber eurer Sicherheit. Gegenüber euch. Für alles andere solltet ihr keine Kompromisse eingehen. Denn dafür seid ihr zu viel zu schade.