Orte, an die Männer vor Gewalt fliehen

Zehn Jahre lang haben die Gründer*innen der ersten Männerschutzhäuser für den Start ihrer Einrichtigungen gekämpft. Nun gibt es drei davon in Sachsen. Was wird dort geschehen? Ein Koordinator berichtet von seiner Arbeit.

In Leipzig gibt es einen Rückzugsort für Männer, die vor häuslicher Gewalt entkommen wollen. © Robert Michalk/Photocase

13 Uhr in der Innenstadt von Leipzig. Jörn wartet in schwarzem Mantel und mit wehendem weißen Schal auf mich. Er erzählt, dass er mich gegoogelt hat, ich hingegen weiß nichts über ihn. Jörn achtet darauf, im Netz nahezu unsichtbar zu sein. Sein Name ist auch nicht Jörn, das Pseudonym bekommt er zu seinem eigenen Schutz und zu dem seiner Klienten. Jörn ist der Koordinator des ersten Männerschutzhauses in Leipzig. Er hilft Männern, die häusliche Gewalt erlebt haben, und diese Hilfe anzubieten, ist nicht selten gefährlich.

Der Bedarf an Männerhäusern scheint zunächst nicht groß zu sein. Der Verein Frauen für Frauen führt zum Beispiel pro Jahr circa 570 Beratungsgespräche mit Menschen, die häusliche Gewalt erlebt haben. Lediglich 27 davon sind im Schnitt mit Männern. „Das ist ein sehr kleiner Anteil“, stellt auch Jörn fest, „aber auch diese Männer brauchen Unterstützung und Beratung und im Endeffekt auch eine Zuflucht, wenn es zu häuslicher Gewalt kommt.”

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Diese Meinung teilt man auch beim Lemann e.V. Das Netzwerk für Jungen- und Männerarbeit ist hauptverantwortlich für das neue Männerhaus in Leipzig. Der Verein hat mit anderen Organisationen für die Männerhäuser in Dresden, Chemnitz und Leipzig gekämpft. Alles unter der Verantwortung von Petra Köpping (SPD), die Integrationsministerin und Mitarbeiterin des Sozialministeriums ist die Schirmherrin der Kampagne. Jetzt soll das Leipziger Männerschutzhaus bald seinen Betrieb aufnehmen.

Alles muss anonym sein

Jörn führt mich hin. Die Zuflucht verbirgt sich in einem typisch ostdeutschen Plattenbau. Der Eingang befindet sich auf der Rückseite und auch die Hausnummer entdeckt nur, wer bewusst danach sucht. Die genaue Anschrift erhalten auf Anfrage nur die, die sie bekommen müssen. Bereits per Mail hat Jörn mir das Versprechen abgenommen, weder die Adresse noch zu auffällige Eckdaten und vor allem keine Namen von Personen, über die wir sprechen, zu verwenden. Bevor wir das Familienwohnhaus betreten, muss ich meinen Schwur wiederholen. Diskretion geht den Organisator*innen über alles. Aus gutem Grund.

Jörn erinnert sich an seinen ersten Fall, das war kurz nach seiner Einstellung Anfang November 2016. „Ein 19-jähriger Mann aus der Hauptstadt rief mich an.” Seine Familie stamme aus Osteuropa, sie lebten aber schon seit mindestens 20 Jahren in Deutschland. Dieser junge Mann sei schwul. Das wolle seine Familie nicht wahrhaben und ihn zwangsverheiraten. Er brach aus, doch die Familie machte ihn ausfindig und verprügelte ihn. Damals konnte Jörn ihn im Männerhaus noch nicht aufnehmen, doch sie hatten regelmäßig Kontakt.

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„In dem Moment wurde mir bewusst, dass wir ein besonderes Sicherheitskonzept auffahren müssen“, sagt Jörn. „Er hat mir erzählt, dass sein Vater sogar schon in unserem Vereinsbüro war, um nach ihm zu suchen.” Jetzt muss alles anonym sein, von der Anschrift des Hauses bis zu den Namen der Mitarbeiter*innen. „Wenn mein Name greifbar ist, … natürlich wird man mich finden“, sagt Jörn. „Und wenn man mich beobachtet oder beschattet, wird man auch wissen, wo das Männerhaus ist.”

Ein Zuhause-Gefühl ist wichtig

Im Haus ist noch alles neu, der penetrante Geruch von frischen Möbeln strömt uns entgegen. Jörn ist bisher der einzige, der seit gut zwei Monaten fast jeden Tag herkommt. Er plant die Einrichtung, bestellt die Möbel und baut sie zusammen, kauft Handtücher und besorgt Elektronikgeräte, zuletzt eine Waschmaschine. Bisher arbeitet Jörn im Männerhaus hauptsächlich dafür, dass ein Gefühl von Zuhause entsteht. „Meine jetzige Arbeit hat noch nicht viel damit zu tun, was der Kernarbeitsbereich als Koordinator des Männerschutzhauses eigentlich umfasst”, berichtet Jörn.

Sobald Männer eingezogen sind, wird der angehende Psychologe ihre erste Anlaufstelle sein. Mit Jörn erstellen sie Pläne, führen Gespräche und versuchen, wieder auf die Füße zu kommen. Welche Schritte müssen sie für ein gesundes Maß an Selbstständigkeit gehen? – Das wird die Kernfrage sein.

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Wir laufen die Zimmer ab. Zwei Zimmer sind bereits komplett ausgestattet – mit einem Tisch, einem Stuhl und einem Bett. Das lässt sich ausklappen, falls der Mann Kinder mitbringt. Doch ob sie tatsächlich gebraucht werden, ist fraglich. Die Kinder kann ein Richter nur in äußersten Fällen der Mutter wegnehmen und ohne sie wollen die Männer häufig nicht gehen. „Wenn Männer einfach gehen, ist der Vorwurf der Sorgerechtsverletzung viel größer“, stellt Jörn fest. „Und wenn es dann um Sorgerechtsstreitereien geht, kann das negativ den Männern ausgelegt werden. Die Beschuldigung: Die sind eh schon entfremdet.” Aus diesem Grund hat ein Mann, der ins Männerhaus einziehen wollte, diesen Plan wieder verworfen.

„Druckmittel sind häufig die Kinder“

Jörn setzt sich mit mir in ein großes Wohnzimmer. Das soll künftig nicht nur als Wohlfühlbereich dienen, sondern hier werden auch die Beratungsgespräche stattfinden. Die sogenannten Clearing-Gespräche sind ein erster Schritt, um auszuloten, ob wirklich häusliche Gewalt vorliegt. „Wenn wir von häuslicher Gewalt reden, sprechen wir nicht nur von körperlicher Gewalt, sondern auch von psychischer Gewalt mit Erpressung, emotionaler Gewalt, auch sexueller Gewalt und sozialer Gewalt“, sagt Jörn. „Das heißt Bekanntenkreise aufhetzen gegen den Mann oder ökonomische Gewalt, wie Konten verwalten, also Geld nicht rausrücken oder nur in geringen Mengen zuteilen.” Frauen würden nicht dazu neigen körperliche Gewalt anzuwenden. Vielmehr würden sie mit psychischer und emotionaler Gewalt arbeiten. Druckmittel sind dann häufig auch die Kinder.

Bevor es zu einem Gespräch im Wohnzimmer des Männerschutzhauses kommt, muss Jörn viel Empathie aufbringen. Männer nehmen anders und seltener Hilfe in Anspruch. Viele halten zu Jörn erst einmal nur Mailkontakt. Dass sie schnell zu ihm Vertrauen gewinnen, wirkt auf mich realistisch. Und dass er ihnen helfen kann, ebenso. Jörn ist sympathisch, er erzählt von den Geschichten der Männer, als seien sie seine eigenen Erinnerungen. Vor allem eine Geschichte beschäftige ihn noch immer: Ende Dezember erhielt Jörn einen Anruf von einer Anwältin, die einen Mann mit einem eineinhalb Jahre alten Sohn sofort im Schutzhaus unterbringen wollte. „Zu dem Zeitpunkt hat das Gericht gerade beschlossen, dass der Vater das alleinige Sorgerecht fürs Kind bekommt. Das alles weil die Mutter sehr starke psychische Probleme hat und gewalttätig ist.”

Es bestand Verdacht auf Entführung des Kindes bis hin zu erweitertem Suizid. Jörn half mit, eine Unterkunft zu suchen. „Am nächsten Tag habe ich dann erfahren, dass die Frau das Kind entführt hat. Das sind schon Fälle, die einem unter die Haut gehen.” Der ausgebildete Traumafachberater hat schon viele verzweifelte Seelen gesehen, aber jede neue Geschichte, die ihn bewegt, treibt ihn auch an. „Als ich die Stellenanzeige gelesen habe, war ich gleich Feuer und Flamme.”

Momentan ist das Projekt Männerhaus auf zwei Jahre angelegt. In dieser Zeit erhoffen sich alle Beteiligten Zuspruch, damit es bleiben kann und am besten noch ausgeweitet werden kann. Damit aus einem anonymen Ort eine wirkliche Zuflucht werden kann.

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