Platonische Beziehung – geht das überhaupt?

Die platonische Liebe klingt nach jahrtausendealter Beziehungsform – dabei ist das, was wir heute darunter verstehen, ziemlich neu. Und es gibt immer wieder Stimmen die behaupten, Männer und Frauen könnten gar nicht nur befreundet sein. Was ist da dran?

Ist das schon Liebe oder noch Freundschaft? Foto: Pexels | CC0 Lizenz

Mit der platonischen Beziehung ist das so eine Sache. Wenn man sich dem Begriff nähert, ist es, als würde man in einem großen Paket mit vielen Styroporkugeln nach dem eigentlichen Inhalt suchen. Man wühlt und wühlt, aber findet erstmal nur Füllmaterial. Bis dann, ganz klein, der Inhalt zum Vorschein kommt. Und kaum freut man sich darüber, wird er einem schon wieder aus der Hand geschlagen. Denn eine platonische Liebe, so die Lehrmeinung der Romantiker, die kann es gar nicht geben. Aber fangen wir mal mit dem Füllmaterial an.

Platonische Liebe als Mogelpackung?

Die platonische Liebe hat zunächst herzlich wenig mit den von ihrem Namensgeber Platon vor knapp 2.500 Jahren entworfenen Liebestheorien zu tun. So richtig platonisch ist sie also schonmal nicht. Und antik, beziehungsweise alt, ist sie auch nicht. Im Gegenteil, sie ist ein ziemlich junges Phänomen.

Der Begriff selbst stammt auch gar nicht aus der Antike, sondern wurde während der Renaissance das erste Mal erwähnt – über die Jahrhunderte hinweg bürgerte er sich dann ein und bedeutet heute schlicht: eine Liebe oder enge Freundschaft zwischen Menschen. Aber ohne Sex.

Und das ist in der Breite eben ziemlich neu. Was für uns mittlerweile selbstverständlich ist – nämlich mit dem anderen Geschlecht zusammenzuarbeiten, die Freizeit zu verbringen und zwar ohne miteinander verwandt zu sein – das wäre für unsere Urgroßeltern noch außergewöhnlich gewesen. Die Zeiten haben sich geändert, platonische Liebe ist kein sittenwidriger Aufreger mehr.

Aber, und da kommen wir wieder zum Inhalt des Pakets, kann das überhaupt gut gehen?

„Tausendmal berührt…“

Glaubt man Hollywood, lautet die Antwort: Nein. Schuld ist das „Harry und Sally-Syndrom“. Der Begriff bezieht sich auf den gleichnamigen Film, in dem Harry gegenüber Sally die These aufstellt: „Männer und Frauen können nie nur Freunde sein, der Sex steht immer zwischen ihnen.“ Sally widerspricht. Und am Ende sind die beiden zusammen.

Wie in „Er steht einfach nicht auf dich“, „Eine Hochzeit zum Verlieben“, „Ist sie nicht wunderbar“, “Clueless” und wie bei Rachel und Ross in „Friends“. Um nur ein paar zu nennen. Diese Plots schließen platonische Liebe aus – Sex, so wird gezeigt, kommt halt irgendwann dazwischen. Und Sex ist in diesen Plots der Freundschaftsverhinderer per se. Wer mit dem anderen Geschlecht Sex hat, will mehr. Und zwar eine romantische Beziehung. Das Frau/Mann-Schicksal als binomische Formel. Entweder/oder; Freundschaft ausgeschlossen.

Aber dass sich in diese Formel Freundschaften unter gleichgeschlechtlich Liebenden oder Freundschaften zwischen Hetero- und Homosexuellen nicht übertragen lassen, sollte einen schon mal skeptisch machen.

Was einen außerdem skeptisch machen sollte, ist die Sichtweise auf Sex, die dabei festgeschrieben wird. Nur weil man es vielleicht ganz reizvoll fände, mit einer Person zu schlafen, kann man nicht mir ihr befreundet sein? Und nur weil man mit jemandem vielleicht mal gern abstürzen würde, wird sich sofort Liebeskummer einstellen, wenn es nicht dazu kommt? Ist Sex wirklich so gefährlich?

Wissenschaft und Freundschaft

Beschäftigt man sich mit Studien zu dem Thema wird man feststellen, dass sexuelle Anziehung tatsächlich bei vielen sogenannten „cross-sex friendships“ eine Rolle spielt. In einigen Umfragen konnte gezeigt werden, dass sexuelle Anziehung dabei in der Tat oftmals vorhanden ist. Zumindest bei einem von beiden und häufiger beim Mann.

Problematisch sehen es die Beteiligten dann, wenn es um Fragen nach Eifersucht geht, nach gegenseitiger Anziehung und um die Frage, ob Sex automatisch die Freundschaft zerstöre. Die Befürchtung ist nachzuvollziehen, sie wird uns schließlich vorgebetet.

Doch in einer Studie unter 318 College-Studierenden zeigte sich, dass sich diese Befürchtung nicht zwangsläufig bewahrheiten muss. Im Rahmen der Studie gaben 51 Prozent der Befragten an, schon einmal Sex mit einem*r platonischen Freund*in gehabt zu haben – ohne die Person auch daten zu wollen. Davon gaben wiederum 67 Prozent an, dass sich die Freundschaft dadurch sogar verbessert habe. Ja, verbessert.

Vielleicht ist die Frage also nicht: „Steht der Sex dazwischen?“, sondern „Und was soll daran so schlimm sein“?

Das habe ich meine gute Freundin M. auch gefragt. M. hat nämlich einen besten heterosexuellen Kumpel. Und ist, wie sie mir mal erzählte, vor Jahren auch schon mal mit ihm im Bett gelandet. Beiden war danach klar, und das lag nicht an der Qualität des Stelldicheins, dass sie das nicht wiederholen möchten. Sie hatten, so meint M., einfach mal ausgetestet, ob das nicht aus Versehen „mehr“ sein könnte zwischen ihnen. Die Antwort fiel eindeutig aus. So konnten sie es abhaken und sind seitdem gut befreundet.

„Cross-sex friendships“, so schreiben es auch die Autoren*innen der Studie, werden also nicht notwendigerweise durch Sex gefährdet. Es ist eben immer das Gleiche: Entscheidend ist die Kommunikation über den Sex. Geht es dabei offen und ehrlich zu, kann der Sex, der angeblich dazwischensteht, eine freundschaftliche Beziehung sogar stärken. Wird der Sex als negativ empfunden und die Kommunikation darüber ebenso, kann es der Freundschaft hingegen schaden.

Diese „cross-sex friendships“ sind eben noch eine ziemlich junge Sorte Freundschaft. Eine Freundschaft, bei der wir daher auch mal Grenzen austesten können. Dabei lässt sich herausfinden, ob wir mehr wollen, oder nur Freundschaft. Sex kann dazwischenstehen. Aber er muss eine Freundschaft nicht gefährden. Vielleicht ist diese Erkenntnis ja auch schon der ganze Inhalt des Pakets.

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