Politisieren vs. Studieren – wie das Studium heute im Vergleich zu den 80ern ist

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Noras Vater tippte seine Abschlussarbeit noch auf der Schreibmaschine. Sie hat es da leichter.© ze.tt-Collage (m.edi/photocase.de///nekousa/photocase.de )

Flugblätter, Sitzstreiks, Demos – Studieren in den 80ern war politisch. Heute wird den Studenten vorgeworfen, angepasst und unreflektiert zu sein. Unsere Autorin studiert Germanistik an der Freien Universität Berlin – wie ihr Vater vor 36 Jahren. Ein Gespräch zwischen Vater und Tochter über den Wandel der Zeit und eine Zukunft als Taxifahrerin.

Die Freie Universität Berlin vor 36 Jahren: Es ist das Jahr 1980, mein Vater hat lange Haare und einen Vollbart, die Tische in der Mensa sind bedeckt mit Flugblättern. Darauf stehen Aufrufe zu Protesten, Demonstrationen, Streiks: Gegen Einsparungen im Bildungsbereich! Für mehr studentische Mitbestimmung!

Mein Vater studiert Germanistik und Anglistik, überlegt, Lehrer zu werden, will aber eigentlich lieber redaktionell in einem Verlag arbeiten – wie ich, jetzt, 2016, 36 Jahre später. Ich studiere auch Germanistik an der FU; mein Vater arbeitet seit 1984 bei Cornelsen, einem Schulbuch-Verlag, als Englisch-Redakteur.

Hartmut Tschepe und Nora Tschepe-Wiesinger © Nora Tschepe-Wiesinger

Auf den Tischen in der Mensa liegen heute keine Flugblätter mehr, stattdessen hängt ein großes Schild an der Wand: „Wir bitten aus hygienischen Gründen auf Flugblattverteilung im Bereich der Mensa zu verzichten.“ Sind wir Studenten angepasster geworden, weniger politisch, dafür karrieregeiler? Geht es uns nur noch um gute Noten und weniger um Selbstverwirklichung und Mitbestimmung?

Ich treffe mich mit meinem Vater in der Mensa der FU, in der er schon vor 36 Jahren saß. Damals war er 22 Jahre alt – so alt bin ich jetzt. „Seltsam, wieder hier zu sein“, sagt er und lässt seinen Blick über die voll besetzten Tische schweifen.

Papa, erzähl doch mal. Wie war das früher, als West-Berlin noch eine Insel war und es in der Mensa nur drei verschiedene Gerichte zur Auswahl gab? War das Essen früher besser?
Die Auswahl war definitiv nicht so groß wie heute und selbst bedienen konnte man sich auch nicht. Ich war schon immer Vegetarier, oft gab es für mich deswegen gar kein Angebot, dann konnte ich bloß Salat essen. Vegan kannte man noch nicht mal als Wort. In der Mensa war alles voll mit Flugblättern – auf jedem Tisch lagen die und selbst auf dem Boden. Leere Tische hätte es damals nicht gegeben.

Die Medienpolitikdozentin und Journalistin Christiane Florin beklagt in ihrem Buch „Warum unsere Studenten so angepasst sind“, dass die Studenten heute nicht mehr diskutieren und kritisch nachfragen, sondern alles unreflektiert einfach hinnehmen. War das zu deiner Zeit an der FU anders?
Das kam sehr aufs Fach drauf an. Schon zwischen meinen beiden Fächern Germanistik und Anglistik gab es deutliche Unterschiede. Die Germanisten haben fast alles hinterfragt; die Anglisten waren angepasster. Am Anfang von Germanistik-Seminaren wurde oft diskutiert, ob die zu behandelnden Themen überhaupt sinnvoll und angemessen seien. Die Literaturliste mit der zu lesenden Lektüre wurde manchmal komplett auseinandergenommen und Titel auf Wunsch der Studenten gestrichen oder neu hinzugefügt.

Außerdem gab es ständig Aufrufe zu Demonstrationen und politischen Protestaktionen. Dabei ging es vor allem um die Einsparung im Bildungsbereich, aber auch um studentische Mitbestimmung in den universitären Gremien und natürlich auch um die Verbesserung der Studien- und Prüfungsordnung. Einige eher linke Dozenten haben das richtig unterstützt und uns in den Seminaren dazu aufgefordert, an den Demos teilzunehmen. Viele Dozenten, gerade die jüngeren, haben wir übrigens geduzt und sie uns.

In den 80er-Jahren, als du an der FU studiert hast, besetzten Studenten Lehrräume und verhinderten Lehrveranstaltungen, um gegen die staatliche Kürzung von Geldern zu protestieren.
Ja, manchmal war der Raum, in dem ein Seminar stattfinden sollte, einfach besetzt. Entweder fiel das Seminar dann ganz aus oder man hat sich spontan in einer kleinen Gruppe irgendwo anders auf dem Unigelände getroffen. Allerdings wollten die meisten Studenten keine Streikbrecher sein, deswegen wurde der Stoff oft später nachgeholt. Das war vor allem für diejenigen ungünstig, die kurz vor einer Prüfung standen. Manchmal gab es dann hitzige Diskussionen, wie angemessen und verhältnismäßig der Streik oder die Besetzung sei.

Die Erwartungen an uns Studenten heute sind ziemlich hoch: Wir sollen gute Noten schreiben, mehrere Sprachen sprechen, Praktika- und Auslandserfahrungen haben und unser Studium möglichst schnell in Regelstudienzeit beenden. War der (zeitliche) Druck damals auch schon so groß?
Das kam wieder sehr aufs Fach drauf an. Ich kann mich aber erinnern, dass sehr viele den Studiengang im Laufe ihres Studiums gewechselt haben, manche sogar mehrfach. Ich selbst übrigens auch, ich habe zwei Semester lang Informations- und Dokumentationswissenschaften studiert, ehe ich mich für das Lehramtsstudium und die Fächer Germanistik und Anglistik entschieden habe.

Bei dem Wechsel hat niemand was gesagt, das war ganz normal. Ich habe allerdings während meines gesamten Studiums zu Hause gewohnt, dadurch hatten meine Eltern und ich keinen großen finanziellen Druck. Zusätzlich habe ich Nachhilfe gegeben und mir selbst was dazu verdient.

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Viele meiner Kommilitonen haben halbtags gearbeitet, da war die Zeit fürs Studium von vornherein begrenzt. Mein Eindruck ist schon, dass das Studium früher noch mehr als Zeit vor dem Ernst des Berufslebens gesehen wurde, in der man sich selber finden konnte. Gerade in Germanistik ist man schnell mal auf Leute gestoßen, die schon im 12. Semester waren. (lacht)

Allerdings hat man, soweit ich mich erinnere, in der Regel direkt nach der Schule mit dem Studium oder der Ausbildung angefangen. Ich kenne nur ganz wenige West-Berliner, die sich damals so ein Gap Year zwischen Abitur und Studium genommen haben, was heute ja fast jeder macht. Wir haben vielleicht mehr „rumstudiert“, aber dafür auch direkt nach der Schule damit angefangen.

Ich melde mich für meine Kurse online an, mein Stundenplan wird dann automatisch erstellt und meine Hausarbeiten schicke ich den Dozenten per Mail. Wie war das früher zu deiner Zeit?
Das war natürlich alles ganz anders vor der Digitalisierung. Die kommentierten Vorlesungsverzeichnisse für die einzelnen Fachbereiche und das Gesamtvorlesungsverzeichnis mit der Übersicht über alle Fächer, das an der FU so dick wie ein Telefonbuch war, mussten wir uns kaufen.

Unsere Kurse haben wir gewählt, indem wir uns in Listen eingetragen haben, die im Sekretariat des Fachbereichs auslagen bzw. an den schwarzen Brettern aushingen. Der elektronische Fortschritt und die heutige Textverarbeitung sind gerade fürs Schreiben und Korrigieren von Hausarbeiten eine große Erleichterung.

endlich wieder Mensa 🍝🍔🍕

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Der Höhepunkt der technischen Errungenschaft war damals eine elektronische Schreibmaschine mit Kugelkopf, mit der man einzelne Wörter überschreiben konnte. Bei meiner Abschlussarbeit habe ich noch ganz viel kopiert, ausgeschnitten und geklebt, um einzelne Wörter und Sätze zu korrigieren. Einfach so löschen ging ja nicht. Meine Abschlussarbeit habe ich sogar von jemand anderem tippen lassen. Überall an der Uni gab es damals Angebote von Kommilitonen oder Sekretärinnen, die Abschlussarbeit für einen zu tippen – natürlich gegen Geld.

Du hast Anglistik und Germanistik studiert, Fächer, die nicht gerade den besten Ruf haben, was die späteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt betrifft. Gab es die „Und du wirst dann später Taxifahrer“-Sprüche damals auch schon?
Ja, die gab es. Ich hatte ein ziemlich gutes Abitur und musste mich ständig dafür rechtfertigen, dass ich Germanistik und nicht etwa Medizin, das auch damals schon den höchsten NC hatte, studierte. Der Bedarf an Germanisten auf dem Arbeitsmarkt war auch damals schon sehr überschaubar, Taxifahrer-Sprüche waren an der Tagesordnung.

Warum hast du dich trotzdem für die Fächer entschieden?
Weil es mich wirklich interessierte! Gerade Linguistik, also Sprachwissenschaft, hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Und heute habe ich das Glück, dass ich das Wissen aus meinem Studium für meine Arbeit bei Cornelsen beim Redigieren von Englischlehrbüchern immer noch anwenden kann.

Ich habe mich allerdings auch schon früh für die Verlags- und wissenschaftliche Arbeit interessiert und durch entsprechende Praktika und einen guten Studienabschluss darauf hingearbeitet, nach dem Studium im Verlagsbereich oder an der Uni arbeiten zu können. Hätte ich die Stelle bei Cornelsen nicht bekommen, hätte ich wahrscheinlich promoviert.

Worüber hast du deine Abschlussarbeit geschrieben?
Über den Vergleich des englischen „it“ mit dem deutschen „es“, also ein linguistisches Thema. Klingt trivial, aber ich könnte darüber heute noch einen einstündigen Vortrag halten. Für mich stand außer Frage, dass ich die Arbeit in Linguistik und nicht in Literaturwissenschaften schreibe.

Hartmut Tschepe, hat 11 Semester von 1977 – 1985 an der FU studiert. Mit 19 hat er angefangen und mit 27 sein Staatsexamen in den Fächern Anglistik (Erstfach), Germanistik (Zweitfach) und einem kleinen Teil Erziehungswissenschaft und Philosophie gemacht. © Nora Tschepe-Wiesinger

Ich habe mich immer dafür interessiert, ob man aus den Erkenntnissen der Linguistik nicht auch was für den praktischen Fremdsprachen-Erwerb, fürs Sprachenlernen ableiten kann. In meiner Arbeit ging es daher um Fragen der kontrastiven Linguistik, also um den direkten Vergleich zwischen dem Englischen und dem Deutschen. Ich habe die Arbeit auf Deutsch geschrieben, obwohl sie für mein Hauptfach Anglistik war. Das war damals so üblich; ich habe alle Anglistik-Hausarbeiten auf Deutsch geschrieben.

Was machen deine ehemaligen Kommilitonen heute? Taxifahren?
Ich habe leider nur noch zu wenigen Kontakt, aber viele sind Lehrer geworden. Einige sind auch an der Uni geblieben, haben promoviert und wissenschaftliche Karrieren gemacht.

Heute wollen alle nach Berlin; der NC für Anglistik im Hauptfach liegt an der FU derzeit bei 1,7. War Berlin früher auch schon so hip?
Zu meiner Zeit waren Germanistik und ich glaube auch Anglistik NC-frei, da konnte man sich einfach für einschreiben. Berlin war zu meiner Studienzeit ja West-Berlin, also ich konnte mich entscheiden zwischen der Freien Universität, der Technischen Universität und der Hochschule der Künste. Die Humboldt-Universität in Ost-Berlin stand für Westdeutsche wie mich nicht zur Auswahl.

Ich glaube, die FU war vor allem durch ihre Größe für viele reizvoll. Viele Männer sind aber auch gekommen, um sich der Wehrpflicht zu entziehen, die es ja bis 2009 in Deutschland gab. Die Alliierten hatten Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg als entmilitarisierte Zone festgelegt, deswegen gab es hier auch keine Kasernen der Bundeswehr. Alle in West-Berlin geborenen Männer und alle, die hierher zogen, waren dadurch vom Wehrdienst ausgenommen.  Außerdem war Berlin billig und West-Berlin hatte auch in den 80er-Jahren schon einen hippen links-alternativen Ruf.

Woran erinnerst du dich aus deinem ersten Semester an der FU?
Ich fand den Kontrast zur Schule extrem groß, in den Seminaren und Vorlesungen waren so viele Menschen, alles war so offen und die Verunsicherung groß, was man alles wählen und wo man mitmachen konnte. Auf einmal traf ich auf viel erfahrenere Studenten, die mir unglaublich viel zu wissen schienen. Ich war sehr beeindruckt, aber auch ein wenig überfordert von den vielen Möglichkeiten und der Fülle an Angeboten.

Deine Abschlussprüfung an der FU ist jetzt fast 31 Jahre her. Was fehlt dir am meisten aus deiner Studienzeit
Die große Flexibilität und Freiheit, die man als Student hat. Das ist ein ziemlicher Luxus auch im Vergleich zu Gleichaltrigen, die eine Ausbildung machen. Außerdem fand ich es toll, dass ich mich immer wieder mit neuen Inhalten beschäftigen konnte, die mich wirklich interessierten. Und  nirgendwo sonst habe ich Leute kennengelernt, die sich so sehr für dasselbe Thema begeistert haben. Auch auf meiner Arbeit bei Cornelsen gibt es kaum jemanden, mit dem ich mich intensiv über den Unterschied zwischen „it“ und „es“ unterhalten könnte (lacht).