Pornografiesucht: wenn Menschen vor Nähe flüchten

Ottos Sucht begann, als das Internet unbegrenzten Zugang zu pornografischen Inhalten ermöglichte. Otto ist heute um die 50 Jahre alt und fand Hilfe durch andere Süchtige.

Füße hoch, Filmchen an. Für Pornosüchtige ist das oft die Alternative zum gemütlichen Fernsehabend zu zweit. © Patrik Naumann / photocase.de

Es fing mit Videokassetten an. Otto* war im Jugendalter, als er die erotischen Filme seines Bruders entdeckte. Und wie es nun mal in diesem Alter ist, schaute er sich das Material aus Neugier an. Wenn die Eltern außer Haus waren, wickelte er die Bänder der Kassette sorgsam auf und spielte sie ab. Er schmunzelt leise, wenn er sich an die damalige Zeit erinnert. Damals, als es noch auffällig war, Pornografie zu beschaffen und fremde Blicke ihm in die Videothek folgten. Damals, als es das Internet noch nicht gab.

Jetzt ist alles anders. Seine Sucht begann, als der Computer den unbegrenzten Zugang zu pornografischen Inhalten ermöglichte. Otto ist heute in seinen Fünfzigern, seinen echten Namen und sein genaues Alter möchte er nicht verraten. Zu einem Telefoninterview hat er sich dennoch bereit erklärt. Er ist Mitglied des Vereins für anonyme Sex- und Liebessüchtige (SLAA) in Deutschland. Und er kämpft gegen eine Abhängigkeit, von der immer mehr Menschen betroffen sind: Pornografiesucht.

Aus Pornografie und Masturbation wird ein Fluchtmittel

„Ich hatte nie sonderlich viel Kontakt zu Mädchen oder Frauen gehabt“, erklärt Otto. Seit seiner Jugend sei er übergewichtig und schüchtern gewesen, er habe sich nicht getraut, Frauen anzusprechen. „Zwar habe ich mich nach Nähe gesehnt, aber sie hat mir auch Angst macht. Deswegen habe ich mich in etwas anderes geflüchtet.“ Otto beginnt Fotos von Frauen zu sammeln, Filme und pornografische Inhalte, um seinen fehlenden Kontakt in der realen Welt auszugleichen. Irgendwann wird aus Pornografie und Masturbation ein Fluchtmittel, das er gegen all seine Probleme einsetzt. Immer öfter muss er sich befriedigen. „Es gab eine Zeit, da ging es so weit, dass ich mich am Arbeitsplatz befriedigt habe. Oder während des Autofahrens – das ist lebensgefährlich! Da habe ich realisiert, dass ich unter einem Zwang litt, der mir sehr schadet.“

Einer Statistik der Onlineforscher von Similarweb zufolge bestünden 12,5 Prozent aller Websiteaufrufe in Deutschland aus Zugriffen auf pornografische Internetseiten. Immer früher und häufiger würden Internetnutzer*innen mit Pornografie konfrontiert. Wer abhängig wird, verspürt auch außerhalb des Internets den zwanghaften Druck zu Pornografie zu masturbieren. So würden Betroffene ihre anderen Bedürfnisse zurückstellen und Pflichten nicht mehr erfüllen können, sagt Annette Zschaler. Die 55-jährige Sexualtherapeutin berichtet, dass einige ihrer betroffenen Klient*innen bis zu zehn Mal am Tag masturbieren. „Die Reizdosierung und die Frequenz muss stets erhöht werden. Das ist bei jeder Sucht so. Viele Männer entwickeln beispielsweise harte Techniken, um möglichst schnell und effizient zu kommen. Oft hat dies nichts mehr mit Genuss zu tun, sondern kann gar Schmerzen verursachen.“

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Nicht selten verlernten Betroffene auch normalen Sex. Zschaler benennt die Überstimulation durch pornografische Erregungsquellen als zentrales Problem. Das Gehirn speichere die Reize ab und passe sich an die Stimulanz durch Pornografie an, wodurch die Abhängigkeit entsteht. Werden die entsprechenden Reize nicht stimuliert, kann dies zu Erektionsstörungen, Trockenheit oder frühzeitigem Kommen führen. „Manchmal frage ich meine jungen Klienten: Was ist mit eurem Kopfkino? Die sind oft tatsächlich nicht mehr in der Lage, ohne Pornografie zu kommen“, erzählt Zschaler und schüttelt den Kopf. Sich mit seinen eigenen Fantasien zu erregen und zu lieben – das müssten Pornografiesüchtige erst wieder lernen.

„Unsere Gesellschaft leidet doch an einer Persönlichkeitsstörung!“

Auch Otto hatte ein Beziehungsproblem mit sich selbst. „Am Anfang habe ich gedacht, dass alle meine Probleme auf meiner Pornografiesucht fußten. In Wahrheit ging es aber um mich: Ich mochte mich nicht, konnte mich nicht annehmen und habe mich gehasst.“ Aufgewachsen in einem Elternhaus, das mit Zuneigung und Wärme sparte und die Erziehung vor allem durch Strenge und Dominanz prägte, litt er unter einem mangelnden Selbstwertgefühl. Seinem großen Bruder wurde die meiste Aufmerksamkeit der Eltern zuteil. Im Gegensatz zu Otto war der Mann beruflich erfolgreich und bei den Frauen begehrt. Ein Vorzeigesohn. „Ständig habe ich mich gefragt, wieso ich so bin wie ich bin. Ich habe mich wie das ärmste Schwein der Welt gefühlt“, murmelt Otto in das Telefon. „Dieser Frust hat meinen Fluchtzwang nur verstärkt.“

Zschaler beobachtet dieses Problem ebenso bei ihren Klient*innen. Für die Sexualberaterin begünstigt mangelndes Selbstbewusstsein die Tendenz zur Pornografiesucht. So fördere die Angst vor Nähe, Verletzlichkeit und Ablehnung die Flucht in die Scheinwelt der Pornografie und Darstellung. Es sei einfacher, sich vor dem Computer einzurichten und im Gewohnten zu bleiben, als sich der Realität zu stellen. „Dabei ist Internetpornografie nichts, was innerlich nährt oder wirklich zufriedenstellt“, findet Zschaler. „Ein sexueller Höhepunkt mit einem echten Menschen oder im Bewusstsein mit sich selbst ist ein anderer als der, den man sich vor dem starren Bildschirm schnell runterrubbelt. Das ist nichts. Das ist Junk Food.“

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Wer in der Pornowelt gefangen ist, isoliert sich zunehmend und vereinsamt. Scham, innere Leere und Depressionen zerfressen die Persönlichkeit, der Frust treibt Betroffene immer tiefer in die Sucht. Als Otto klar wird, dass der Zwang seinen eigenen Willen übermannt, beschließt er, sich einer anonymen Selbsthilfegruppe anzuschließen. Das Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit nennt er einen notwendigen Schritt für die Genesung. „Alleine schaffst du das nicht. Man braucht die Gemeinschaft und die geistige Unterstützung.“

Viele Anläufe hat er gebraucht, bis er sich anderen öffnen konnte. Der urteilsfreie Austausch mit den Gleichgesinnten tat ihm gut, ebenso wie der Glaube an Gott. „Ich hatte mein Vertrauen an mich selbst verloren und in Gott wieder gefunden.“ Mittlerweile versucht Otto, Spannungen und Probleme nicht mehr umzuleiten, sondern anders zu lösen. Auch hat er Frieden mit sich selbst geschlossen. „Unsere Gesellschaft leidet doch an einer Persönlichkeitsstörung! Ständig müssen wir uns vergleichen und kritisieren. Aber wer kann und will schon perfekt sein. Negatives gehört eben auch zu der Fülle des Lebens.“

Auf die große Liebe will Otto nicht warten. Er sei schon zu alt, sagt er, und außerdem mit sich selbst zufrieden. Doch Zschaler ist überzeugt, dass es für jeden Topf einen Deckel gibt. „Der Schlüssel ist das innere Selbstbewusstsein. Das hat mit äußerlichen Attributen rein gar nichts zu tun, weil die Ausstrahlung aus dem Inneren zählt.“ Intimität beginne schließlich nicht im Internet oder beim Gegenüber, sondern bei einem selbst. Man müsse sich bloß wieder lieben lernen.

*Name geändert


Weitere Informationen zu Pornografiesucht, Selbsthilfegruppen und Unterstützung findet ihr beim SLAA Verein für anonyme Sex- und Liebessüchtige.

www.slaa.de

info@slaa.de

0700/7522 7522

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