Warum wir unsere Post-Festival-Depression zulassen sollten

Während des Festivals befinden wir uns in einem regelrechten Glücksrausch. Danach fühlen wir uns oft emotional ausgelaugt, fast schon depressiv. Ein Hirnforscher erklärt, warum das so ist – und warum Gefühlstiefs so wichtig für uns sind.

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Festival vorbei, zurück in den Alltag: Oft fühlen wir uns dann ent-emotionalisiert und ausgelaugt. Gettyimages

Gerade habe ich noch getanzt, als gäbe es nie wieder einen Morgen. Glücklich, ausgelassen, frei. Jetzt liege ich da, verkatert, melancholisch, hangle mich von Erinnerung zu Erinnerung. Und ich will zurück: dahin, wo für kurze Zeit alles möglich schien.

Festival, das ist viel mehr als nur Mengen an Alkohol, schlechtes Essen oder die fehlende Morgendusche. Festival, das ist Sehen, Wahrnehmen, Fühlen – wenn wir uns fallen lassen. Festival, das ist einmal quer durch eine Parallelwelt wandeln, in der es egal ist, ob der Smartphone-Akku voll oder leer ist, welche Kleidung wir tragen, wie spät es ist. Alles was zählt, sind die guten Gefühle, die positiven Vibes.

Auf Hoch folgt Tief

Nach dem Festival, wenn wir wieder in unserem gewohnten Umfeld angekommen sind, verfliegt das Glück ganz schnell. Schlimmer noch: Oft fühlen wir uns ent-emotionalisiert, fast schon traurig. Ähnliches passiert auch nach einem wunderschönen Urlaub in der Ferne – der harte Aufprall im Alltag ist anfangs schwer zu verarbeiten. Oder, wenn wir nach dem EM-Finale plötzlich nichts mehr mit uns anzufangen wissen, weil die Wochen der Euphorie vorbei sind.

„Post-Festival-Depression“ nennt das Urban Dictionary dieses Gefühl nach dem Festival. „Das Runterkommen nach einem Musik-Festival ist so schlimm wie ein Heroinentzug“, schreibt das Lexikon scherzhaft.

Me this morning! 😵💀 #PostFestivalDepression #RaveLife

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Das Netz kennt Wege, wie der „Entzug“ vom Festival aussehen könnte: Viel Schlaf, viel Trinken und viel Gemüse.

So weit, so gut. Der Körper muss auf das anstrengende Wochenende klarkommen. Aber was passiert denn da eigentlich in unserem Gehirn?

Das Mittelhirn läuft auf Spar-Modus, …

Eine Erklärung, warum unsere Emotionen nach dem Festival auf Talfahrt gehen, gibt der Neurowissenschaftler, Biochemiker und Autor Henning Beck: „Die ausgelaugte Stimmung kommt durch eine verminderte Neuronen-Aktivität im ventralen Tegmentum (Anm.: eine Zellgruppe im Mittelhirn) zustande.“ Diese Region des Gehirns sendet den Botenstoff Dopamin aus, der im Volksmund auch als „Glückshormon“ bekannt ist. Nur: Nach dem Festival wird weniger davon ausgeschüttet. Die Folge: weniger gute Laune.

Die chemische Formel für Dopamin. © Wikimedia Commons
Die chemische Formel für Dopamin. © Wikimedia Commons

Warum ist das so? „Bei stimmungsvollen und geselligen Veranstaltungen erhalten wir in dieser Belohnungsregion des Gehirns ständig Dopamin-Aktivität durch die Nervenzellen im Mittelhirn“, erklärt Beck. Wenn das über einige Zeit (wenige Stunden) passiere, erleben wir einen positiven Gefühlsrausch.

Unser Hirn wird während der Zeit auf dem Festival also regelrecht mit Glück überflutet. „Glück ist jedoch nur dann schön, wenn es wieder vergeht. Deswegen passt sich das Gehirn an und reguliert diesen Glücksschaltkreis wieder etwas runter.“

Wenn das Ereignis vorbei ist, fehle also die Dopamin-Stimulation in der betroffenen Zellgruppe. „Man erlebt diesen kurzzeitigen Dopamin-Unterschuss als ‚ausgelaugt‘ oder ‚leicht depressiv“, sagt Beck. Das lasse sich mit der Stimmung vergleichen, wenn die Gäste einer Geburtstagsfeier nach Hause gehen und wir wieder alleine sind.

Nach einigen Stunden werde die normale Aktivität dieses „Glücksschaltkreises“ aber wieder aufgebaut und man komme wieder auf sein normales Stimmungsniveau.

… weil wir so lernen, Momente zu schätzen

Das Beste, was wir laut Beck daher tun könnten: warten. „Das reicht völlig, nach einiger Zeit hat sich das übliche Neurotransmitter-Gleichgewicht wieder eingestellt.“

Das Schlechteste was wir tun könnten: Drogen nehmen, die die kurzzeitige Dopamin-Unterversorgung bekämpfen, etwa Dopamin-Analoga oder Stimulanzien wie Kokain. Gerade in der Leere nach einem tollen Ereignis seien wir anfällig dafür, blockieren aber durch die Einnahme von Drogen den Lerneffekt des Gehirns.

Denn: Nur wenn es wieder unglücklich wird, lerne unser Gehirn, den kostbaren Moment vorher umso mehr zu schätzen, sagt der Hirnforscher. Wer sein Dopamin-System immer hochdreht und die anschließende Leere nicht zulässt, sorge dafür, dass das Gehirn irgendwann nicht mehr zwischen angenehm und unangenehm unterscheiden kann. 

Und das wäre ziemlich schade. Spätestens dann wären ja die Festivals, auf denen wir unsere kleinen und großen Glücksräusche erleben, irgendwann nicht mehr so schön für uns, wie sie es einmal waren.


Wann  habt ihr zuletzt einen solchen „Glücksrausch“ empfunden? Schreibt mir unter till.eckert@ze.tt.