Rasieren oder wachsen lassen? Die endlose Debatte über Achselhaare

Wieso wir uns unsere Achselhaare abrasieren – und was dagegen spricht.

Die tägliche Rasur. Überflüßig? Foto: Himberry/Photocase

Als ich den ersten Flaum unter meinen Achseln entdeckte, überkam mich ein komisches Gefühl: Eine Mischung aus Freude (Yeah, ich werde erwachsen!), Scham und Angst.

Ich will normal sein!

Was tun damit? Was ist, wenn die anderen mein haariges Geheimnis unter den Achseln sahen und mich dafür verurteilten oder gar auslachten? Zum Glück lagen in der Dusche die Rasierer meiner Schwester. Sofort nahm ich davon Gebrauch.

Heute frage ich mich: Warum kam ich als Teenie ohne Umwege darauf, meine Achselhaare sofort abzurasieren? Warum verspürte ich Ekel vor meiner Natürlichkeit? Keine*r hatte je zu mir gesagt, dass Behaarung schädlich sei oder weh tue. Meine Vermutung: Ich tat das, was meine Schwester vormachte. Ich nahm an, dass die Frauen im Fernsehen und in der Bravo mit ihrem (rasierten) Körper normal seien. Und ich wollte eben auch normal sein.

Wozu Achselhaare?

Wissenschaftlich betrachtet helfen die Haare unter unseren Achseln der Schweißaufnahme. Sie dienen aber auch als „sekundäres Geschlechtsmerkmal“: als optischer Reiz und Entsender von sexuellen Lockstoffen. Das sind diese Gerüche, die wir heute mit parfümierten Deos übertünchen, weil wir sie als eklig und unrein empfinden. Unsere Körperbehaarung hat also eine Funktion wie Wimpern, Ohr oder Fuß. Warum dann abrasieren?

Weil die Kultur, der Glaube und der Trend es so wollten und größtenteils noch immer wollen. Schon der römische Dichter Ovid schrieb: „Und nicht soll der stinkende Bock, der Herr der Ziegenherde, unter den Achseln hausen.“ Auch die Griechen standen der Körperbehaarung kritisch gegenüber: Sie sahen sie als barbarisch an. Und die Ägypter rasierten sich aus ästhetischen Gründen. Im Islam gehörte die Rasur zur Reinheitsvorgabe und Hygiene.

Von religiösem Brauch zur Geldmache

Anfang des 20. Jahrhunderts wird die Enthaarung in den USA zum Zeichen der weiblichen Ästhetik. Schließlich schwappte der Enthaarungstrend auch nach Europa über und wurde zur Grundlage einer gewaltigen Industrie.

In den 1970ern entwickelte sich langsam eine Gegenbewegung zum Enthaarungstrend: In Zeiten von Schlaghosen, Flowerpower und freier Liebe herrschte bis in die 1980er auch die Freiheit unter den Achseln. Die Frauenbewegung politisierte das Achsel- und Schamhaar, indem sie es als Symbol der unabhängigen Weiblichkeit sprießen ließen und sogar öffentlich inszenierten. Bis heute ist die Behaarung großes Thema unter Feminist*innen.

Doch die Gegenbewegung setzte sich nicht durch: Heute ist die rasierte Haut – nicht nur unter den Achseln – Standard, insbesondere bei Frauen. Unrasierte Frauen gelten als unhygienisch. Damit bin ich aufgewachsen, diesem Trend bin ich gefolgt. Ob dafür nun die patriarchal geprägte Gesellschaft, ein zunehmendes Hygienebewusstsein oder die Industrie verantwortlich ist, lässt sich nur vermuten.

ze.tt-Leser*innen finden Achselhaare „ekelhaft“

Auch eine Umfrage von ze.tt auf Facebook bestätigt diese Einschätzung. Unter einem Foto von einem Mädchen mit unrasierten Achseln kommentierten Nutzer*innen: „Grauenvoll!“, „Nur Tiere tragen Fell“ oder „Ekelhaft! Egal ob bei Frau oder Mann! Wir leben nicht mehr in der Steinzeit!“.

[Außerdem bei ze.tt: Wie es ankommt, wenn eine Frau ein Jahr lang alle Haare sprießen lässt]

Einer Userin schrieb: „No go sowohl bei Männern, als auch bei Frauen!“ Eine andere fügte hinzu: „Ich habe letztens erfahren, dass tatsächlich mittlerweile viele männliche Jugendliche zwischen 16 und 18 ihre Achseln rasieren. Da gibt es schon einen gewissen ‚Druck‘.“ Auch bei Männern scheint der Enthaarungstrend mittlerweile angekommen zu sein.

Doch was wäre ein Trend ohne Gegenbewegung? Starke Frauen, die mit den ästhetischen Ansprüchen, die die Gesellschaft an sie richtet, brechen wollten, erhoben im Sommer 2015 ihre Stimme. Unter dem Hashtag #freeyourpits rief die Aktivistin und Haarstylistin Roxie Hunt dazu auf, dem Haarwuchs wieder freien Lauf und Farbe zu geben.

Особо впечатлительные, просто пролистните этот пост, так как разговор пойдёт о новом "бьюти"-тренде 😂 Итак, сеть начинают заполнять фотографии девушек с окрашенными в яркие цвета подмышками 🙈 Youtube уже полон видео-уроков по окрашиванию этих самых волос. Если думаете, что случаи единичные, то прогуляйтесь по хештегам #dyedpits #freeyourpits, оцените творчество авторов 😂 надеемся, что последователей этого тренда в нашем городе нет и напоминаем, что первая процедура лазерной эпиляции на подмышки бесплатна до конца года! Записывайтесь 😉 #лазернаяэпиляциявладивосток #лазернаяэпиляция #wowepil #vl #dyedpits

A photo posted by WOWepil (@wowepil) on

Achselhaar-Trend mit Farbe

Wie es dazu kam? Nachdem Hunt einer Freundin die Achselhaare blau gefärbt hatte, stellten sie Fotos davon ins Netz. Die Reaktionen waren enorm: User*innen teilten die Fotos über 30.000 Mal, zwei US-Sendungen machten die Achselbehaarung daraufhin zum Thema ihrer Show. In einem taz-Interview sagte Hunt: „Wir sahen das als eine gute Gelegenheit an, um weltweit eine Diskussion über Körperbehaarung und das weibliche Verständnis von Schönheit und dem eigenen Körper ins Rollen zu bringen.“

2014 rief Madonna mit einem Instagram-Foto mit den Hashtags #revolutionoflove und #rebelheart zur Rückkehr zu Achselhaaren auf. Es folgten jüngere Berühmtheiten wie Miley Cyrus und Lena Dunham, die sich seit 2015 unrasiert in der Öffentlichkeit zeigen.

Das Männer-Magazin GQ berichtete von New Yorker Schaufensterpuppen mit Achselhaaren und schrieb: „Ein Anblick, der viele mindestens verstört, in den meisten Fällen sogar schockiert. Doch warum eigentlich? (…)“ Wie jeder Trend müsse sich auch der Enthaarungstrend eigentlich wieder umkehren lassen.

Long hair…… Don't Care!!!!!! #artforfreedom #rebelheart #revolutionoflove

A photo posted by Madonna (@madonna) on

Was das Achselhaar betrifft: Man kann sich darüber streiten. Wer danach fragt, wird wahrscheinlich immer diverse Antworten bekommen. Es kommt eben ganz auf das soziale Umfeld, die Generation und die Erziehung des Individuums an. Der aktuelle Trend geht jedoch eher in Richtung Enthaarung, jedenfalls in meinem Umfeld. Die Wenigsten haben ihre wöchentliche Rasurpraxis ernsthaft in Frage gestellt oder sind, so würde ich es formulieren, selbstbewusst genug, ihr Achselhaar unabhängig von Normvorstellungen so zu tragen.

[Außerdem auf ze.tt: Buschig, Stoppelig, Glatt – Die Geschichte der weiblichen Intimfrisur]

„Es ist einfach bitter nötig, dass alle Frauen verstehen, dass die Entscheidung über ihre Person und ihren Körper allein bei ihnen liegt“, sagt Hunt. Diese Aussage ist für mich letztlich die wichtigste Erkenntnis – wobei ich auch Männer miteinbeziehen würde. Ob wir uns am Ende für oder gegen die Rasur entscheiden, ist dabei unerheblich.