Rassismus im Auslandsjahr: Australien macht nur Spaß, wenn man weiß ist

Viel gefährlicher als giftige Tiere sind giftige Menschen in Australien. Das Land hat ein Rassismusproblem, sagt unser Autor nach einem Jahr Down Under. Ein Erfahrungsbericht

Wunderschöne Strände, atemberaubende Natur – aber auch Rassismus gehört zu Australien. Bild: Sharon Christina Rørvik | Unsplash


„Ich kann sie nicht einstellen. Sie ist zu …“, meine Chefin malt mit ausgestrecktem Zeigefinger vor ihrem Gesicht einen Kreis in die Luft, „… schwarz.“

Nach diesem Satz habe ich meinen ersten Working-Holiday-Job in einem Fish&Chips-Imbiss in Melbourne gekündigt. Obwohl der Imbiss zu der Zeit dringend nach neuen Mitarbeiter*innen suchte, weigerte sich meine Chefin, eine junge Britin und Tochter nigerianischer Einwanderer einzustellen. Nicht aufgrund mangelnder Qualifikation oder geringer Erfahrung, sondern wegen ihrer Hautfarbe.

Meine Chefin konnte meine Aufregung und meine Kündigung nicht verstehen. Sie sei keineswegs rassistisch, versicherte sie mir. Die Kund*innen seien das Problem. Wenn sie eine Schwarze einstelle, würde die nur in blöde Situationen kommen. Dass sie mit ihrer Entscheidung, eine Frau wegen ihrer Hautfarbe nicht einzustellen, genauso rassistisch ist wie ihre Kundschaft, schien sie nicht zu begreifen oder es war ihr egal. Sie wies mich außerdem darauf hin, dass ich kein Recht hätte, sie zu verurteilen. Immerhin habe sie mich, einen schwulen Mann, eingestellt.

[Außerdem bei ze.tt: Wie du Menschen helfen kannst, wenn sie verbal angegriffen werden]

Ich bin nach meinem Studium für ein Jahr nach Australien gegangen, weil mein Freund über den Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) eine Stelle als Deutschlehrer an der University of Melbourne bekommen hatte. Für mich war das eine willkommene Gelegenheit, nicht sofort mit dem Ernst des Lebens zu beginnen.

Rassismus vom ersten Tag an

Während er an der Uni unterrichtete, verdiente ich mein Geld mit Kellnerjobs und Deutsch-Nachhilfe. Bekannte, die schon in Australien waren, berichteten mir vor unserem Abflug von traumhaften Stränden, entspannten Leuten und kuscheligen Beuteltieren. All das habe ich während meiner Zeit Down Under auch erlebt. Ich war allerdings nicht darauf vorbereitet, dass Rassismus einen so großen Teil meiner Erfahrungen dort ausmachen würde.

Bereits an meinem ersten Tag in Melbourne kreuzte das Thema meinen Weg. Vor einem der belebtesten Verkehrsknotenpunkte der Stadt, dem Bahnhof Flinders Station, stand ein Mann, der ein Schild mit der Aufschrift „Stop Racism Now“ in die Höhe hielt. Um seinen Hals hing ein weiteres Schild mit den Worten: „We experience racism every day.

Jafri Katagar heißt der Mann und ist 2005 als Geflüchteter aus Uganda nach Australien gekommen. In einem Bericht in der Zeitung The Age sagte er, dass er angefangen habe, sich auf die Kreuzung zu stellen, weil jeder junge schwarze Mann in Australien schon einmal Opfer von Rassismus geworden sei. Deshalb platziere er sich ins Zentrum Melbournes, um die Öffentlichkeit mit dem Thema zu konfrontieren. Katagar bezeichnet sich als den am meisten umarmten und am häufigsten beleidigten Menschen Australiens.

Rassismus ist in Australien – wie auch überall sonst auf der Welt – ein Problem. Doch es schockierte mich, wie erschreckend unsensibel viele mit dem Thema umgingen. Ob Australien objektiv mehr oder weniger rassistisch ist als andere Länder, kann ich nicht sagen. Ich bin allerdings noch nie zuvor so häufig, so regelmäßig und so selbstverständlich unverhülltem Rassismus begegnet wie dort.

Ich habe erlebt, dass sich weiße Australier*innen nicht scheuten, mir gegenüber rassistische Kommentare zu äußern. Eine Vermieterin freute sich, dass mein Freund und ich weiße Europäer und nicht „Afrikaner, Asiaten oder so was“ seien und einer meiner Chefs bat mich, alle Bewerbungen von Asiat*innen in sein Fach zu legen. Als Antwort auf die Frage, wo sein Fach sei, zeigte er auf den Mülleimer.


Eine Geschichte der Diskriminierung

Ein Feiertag zeigte mir, wie unkritisch sich die meisten mit der eigenen, teils blutigen Geschichte auseinandersetzten: Das Ankommen der sogenannten First Fleet, der Flotte von Schiffen, die 1787 England verließ, um Australien zu besiedeln, wird heute als Nationalfeiertag begangen. Das Problem: Mit der Kolonialisierung des Kontinents gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Aborigines, die ursprünglichen Bewohner*innen Australiens, teils systematisch dezimiert.

Als ich meinen australischen Freund*innen gegenüber äußerte, dass die Ankunft der Brit*innen und die damit beginnende Ausrottung der Aborigines und ihrer Kultur ein nicht feierwürdiges Ereignis sei, stieß ich auf Verwunderung. Viele hatten das nie infrage gestellt.

[Außerdem bei ze.tt: Zum ersten Mal tritt eine Aborigine im Wettkampf um den Titel von Miss Australia an]

Auch die Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik Australiens ist fragwürdig. Bis 1973 galt dort ein Einwanderungsverbot für People of Color. Die aktuelle australische Flüchtlingspolitik läuft unter Slogans wie „Stop the boats“. Geflüchtete, von denen die meisten mit Booten aus Malaysia oder Sri Lanka kommen, fängt die Küstenwache ab und verfrachtet sie auf pazifische Inseln wie Nauru oder Manus, wo diese dann unter katastrophalen Umständen leben. Seit 1992 werden Personen, die ohne Visum per Boot nach Australien einreisen, oder einzureisen versuchen, so lange in den Insel-Lagern interniert, bis über ihren Asylantrag entschieden wird. Nach australischem Recht können Geflüchtete sogar für unbegrenzte Zeit auf den Inseln festgehalten werden.

Zwar hat die australische Regierung Geflüchteten vor Kurzem eine Entschädigung von 70 Millionen Dollar gezahlt, nachdem mehr als 2.000 Bewohner*innen des Lagers auf Manus geklagt hatten. Der Einwanderungsminister des Landes, Peter Dutton, stellte jedoch klar, dass sich Australien damit kein Fehlverhalten in Sachen Flüchtlingspolitik eingestehe. Man wolle lediglich einen langen und teuren Prozess vermeiden.

Australien nimmt bisher jährlich knapp 14.000 Geflüchtete auf. Zusätzlich kamen in den vergangenen zwei Jahren 12.000 aus Syrien und dem Irak hinzu. Der Refugee Council of Australia und andere Menschenrechtsorganisationen kritisieren die bisherige Flüchtlingspolitik der australischen Regierung scharf. Doch die hält weiter an den Auffanglagern im Pazifik fest. Ein großer Teil der australischen Bevölkerung stärkt ihrer Regierung den Rücken: In einer Umfrage der Zeitung The Guardian sprachen sich 67 Prozent der 1.783 Befragten für eine Deportation von Geflüchteten aus. 53 Prozent widersprachen der Aussage, die Flüchtlingspolitik der australischen Regierung sei zu hart.

 

Organisationen kämpfen gegen Rassismus

Organisationen wie All Together Now kämpfen mit zahlreichen Projekten gegen Rassismus und für den Abbau von Vorurteilen. All Together Now hat zum Beispiel eine App entwickelt, die Kinder spielerisch für Rassismus im Alltag sensibilisiert.

Den australischen Nationalfeiertag begehen außerdem einige Australier*innen als sogenannten Invasion Day, also Tag der Invasion. Sie wollen damit an den Beginn der Kolonialisierung des Kontinents durch die Brit*innen Ende des 18. Jahrhunderts erinnern. Außerdem fordern sie, das Datum des Nationalfeiertags aus Respekt vor den Aborigines zu ändern.

Wer den Rassismus ignorieren kann, kann eine gute Zeit haben

Natürlich war meine Zeit dort auch bereichernd: Auf Trips durch das Land habe ich die Natur von ihrer beeindruckendsten Seite gesehen. Ich habe Nemo am Great Barrier Reef gefunden, die Berge Tasmaniens erklommen und bin auf den roten Sandstraßen des Outbacks gefahren. Am Gesamteindruck, den ich von Australien gewonnen habe, konnte das jedoch nichts ändern.

Sicherlich repräsentieren meine negativen Erfahrungen in Australien nicht die Ansichten und das Verhalten der gesamten Bevölkerung des Landes. Und auch in anderen Ländern der Welt machen machen Menschen ähnliche Erfahrungen, denn Rassismus kennt keine Landesgrenzen. Aber die wiederholten Konfrontationen mit offenem Rassismus, Berichte über den Umgang mit Geflüchteten und die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Aborigines haben mein Jahr in Australien häufig getrübt.

Wer diese Probleme ignorieren kann und einfach nur Geld verdienen und das Land bereisen will, kann in Australien während eines Working Holiday eine gute Zeit haben. Mir bereitet diese Art zu leben allerdings wenig Freude. Der Abschied von Australien ist mir deshalb nicht sonderlich schwer gefallen.

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