Raus aus dem Tindergarten! Warum ich lieber wieder Kaffee trinken gehe

Nach drei Wochen Tinder bestätigte sich meine Befürchtung: Tinder verspricht, was es nicht halten kann.

© Tasnim Rödder

Ab in den Müll damit. © Tasnim Rödder

Swipe, next. Swipe, next. Swipe, next. Ich sitze mit meiner Mitbewohnerin in der Küche. Sie verwaltet meinen Tinder-Account. Ich schaue entnervt zu. „Guck mal, der ist es, der ist bestimmt ein Match! Und… Ja! Ich hab’s doch gesagt! Das ist er.“ – Sie hat einen Freund. Ich nicht. Ihr macht Tinder Spaß. Mir nicht.

„Ich-und-Tinder?-niemals!“ – Davon war ich lange überzeugt. Ich gehöre zu der nostalgischen Sorte. Zu dieser, die ihren Lieblingsmenschen beim Zeitungslesen im Café kennenlernen will. Bis meine Mitbewohnerin mit Tinder anfing. Und ich in ambivalenter Gefühlslage mitzog.

Der Sozialisationsforscher Klaus Hurrelmann beschrieb die Sozialisation als einen „Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt“. Ziel sei es, den Menschen zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt zu bilden. Das war 1980. Dann kam Tinder.

Vom Subjekt zum Objekt

Heute, vier Jahre nach dem Start, hat die Dating-App weit mehr als 30 Millionen Nutzer*innen. Die Deutschen bieten dem Unternehmen den siebtgrößten Markt. Noch, sagt Tinder-Mitbegründer Sean Red im Interview. Denn die Nachfrage wächst.

Möchten wir, dass unsere Handlungs- beziehungsweise Beziehungsfähigkeit zukünftig von einer App bestimmt wird? Das würde uns nicht zu „gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekten“, sondern zu abhängigen Objekten erziehen.

[Außerdem auf ze.tt: Tinder bewertet heimlich, wie begehrt du bist]

Wenn wir immer mehr soziale Fähigkeiten (flirten, anquatschen, trösten) durch digitale Kommunikation (liken, anstupsen, Emojis senden) ersetzen, verlernen wir diese wohlmöglich. Wir gehen nicht mehr aktiv auf Menschen zu, sondern fuchteln mit unseren Fingerkuppen auf Bildschirmen herum und warten. Warten, bis Tinder uns ein Match vorschlägt.

Unsere Partner*innenwahl ist abhängig von einem Algorithmus, den wir nicht nachvollziehen können. Firmengeheimnis. Es nennt sich „Elo-Zahl“ – der intransperenten Hotness-Faktor, den Tinder für seine Nutzer*innen ausrechnet. Nicht nur Wohnort und Alter bestimmen, welche Fotos uns angezeigt werden, sondern auch Tinder selbst. Während meine Mitbewohnerin und ich uns also mit meinem Account durch die Umgebung swipen, berechnet das Unternehmen, wie begehrt ich eigentlich bin.

Wer tindert eigentlich?

Man sollte meinen, dass Menschen mit einer Dating-App nach eine*r Partner*in beziehungsweise nach einer netten Bettgeschichte suchen. Aber – Überraschung! – ein Großteil der Nutzer*innen bewegt ganz andere Gründe zum Tindern, berichtet The Guardian. Das Datenanalyse-Portal GlobalWebIndex (GWI) befragte letztes Jahr 47.000 Tinder-Nutzer*innnen. Es stellte sich heraus, dass 30 Prozent der Nutzer*innen verheiratet und 12 Prozent in einer Beziehung waren. Nur 54 Prozent definierten sich als Single.

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Das lässt vermuten, dass nicht alle Menschen auf Tinder nach dem passenden Deckel oder einer Romanze suchen. Sie verbringen wohlmöglich ihre Zeit damit, sich über die Selbstinszenierung verzweifelter Singles zu belustigen. Oder melden sich gelegentlich an, um ihren Marktwert zu checken. Kann ja nicht schaden. Jedenfalls ihnen selber nicht.

Tinder ist also doch mehr Instrument zur Bestätigung des eigenen Selbstwerts als das der Partnersuche. Die Menschen inszenieren sich, sowie sie es auf Facebook, Instagram und Co. auch tun.

Mehr Inszenierung als Partnersuche

Wir schöpfen uns Bestätigung aus Likes, Matches und Herzen, holen uns die Anerkennung im Internet ab, die uns woanders fehlt. Und das betrifft auch die Menschen, die schon Partner*innen haben.

Und obwohl ich das ganze kritisch betrachte, muss ich gestehen: Sich dem Wettkampf um das tollste Tinder-Foto zu entziehen, ist ein schweres Unterfangen. Wenn man einmal drin ist, muss man auch mitmachen. Kein Match, kein Erfolgserlebnis. Kein Chat, keine Aufmerksamkeit. Das kostet Nerven.

Tinder ist verdammt anstrengend und viel aufwendiger, als ich erwartet hatte. Jeder einzelne Schritt dieser App nervt: das Installieren der App, das Laden der Fotos, das Swipen, das Finden nach potentiellen Partner*innen, das Stalken. Und das Schreiben und sich darüber Gedanken machen, wer nach einem Date fragt, kostet nochmal Zeit und Nerven – von dem tatsächlichen Date ganz zu schweigen.

Kapitalisierung unseres Beziehungslebens

Wir leben in einer möglichst effizienten und kostensparenden Welt. Mit Tinder erschien eine App, die auch unser Privatleben ökonomisieren und leistungsfähiger machen sollte. Meiner Meinung nach sollten wir uns Gedanken darüber machen, ob wir diese Kapitalisierung unseres Beziehungslebens hinnehmen wollen.

Ich gebe zu: Tinder beschert Kribbeln und Aufregung. Wie Flirts und Dates das eben tun. Wiege ich das jedoch gegen den Nervenverlust auf, kann ich eindeutig auf das Kribbeln verzichten. Tinder macht nichts einfacher – es macht alles komplizierter. Das führte zunächst dazu, dass sich meine Mitbewohnerin sich um meine Tinder-Chats kümmerte. Und dann dazu, dass ich die App nach drei Wochen löschte und lieber wieder Kaffeetrinken ging.