Rechte Hetzer reagieren mit rechter Hetze auf Anti-Hetz-Broschüre

Die Amadeu Antonio Stiftung, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzt, veröffentlichte eine Broschüre über Hetze im Netz. Und Rechtsextreme lassen ihrem Hass dagegen jetzt freien Lauf.

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Die Amadeu Antonio Stiftung stellt sich gegen Hass im Netz. © Screenshot | Facebook

Schwere Zeiten für Menschen mit rechter Gesinnung: Als wäre das Wahlplakat einer Spaßpartei mit der Aufschrift „Hier könnte ein Nazi hängen“ nicht schon genug Auslöser für inneren Stress, treibt seit kurzer Zeit eine Broschüre über Verhaltensempfehlungen bei Hass im Netz ihren Blutdruck nach oben.

Die Broschüre „Hetze gegen Flüchtlinge in sozialen Medien“ der gemeinnützigen Amadeu Antonio Stiftung beschreibt zusammengefasst das, was im Netz derzeit abgeht: Manche sehen in Facebook nämlich eine Plattform, auf der sie ungestört diskriminierende, entmenschlichende, abwertende, verschwörungsgetriebene Parolen veröffentlichen können, die sie gerne als „ihre freie Meinung“ verkaufen.

Und weil diese Stiftung gegen den Hass anschreibt und konkrete Tipps gibt – beispielsweise hetzerische Kommentare zu melden – wird sie selbst mit Hass überschüttet:

Es gebe laut Tagesspiegel Gewaltaufrufe, Morddrohungen, Hunderte von Hass-Mails und -Kommentare gegen die Stiftung. Und der Hass beschränkt sich nicht aufs Digitale. Exkremente an der Eingangstür des Stiftungsbüros, vergangene Woche ein Besuch von Mitgliedern der „Identitären Bewegung“ in Stasi-Uniformen, die Mitarbeiter bedrängten. Alltag für die Institution, die sich seit 1998 aktiv gegen Rechtsextremismus einsetzt. Doch es werde immer schlimmer. Und inzwischen bleibt es längst nicht mehr bei den Angriffen gegen die Stiftung.

Hass: Wer hat noch nicht, wer will noch mal?

Denn auch Medien wie der Tagesspiegel, die über die Sache berichten, werden genauso zum Ziel von Hass und Hetze. Gestern veröffentlichte das Blatt den Text „Volle Kanne Hass“ – seither hagele es genau das: Hassbotschaften.

Rechte Meinungsmedien wie die „Junge Freiheit“ sind auf den Hasszug aufgesprungen. Die dort beschäftigten Autoren stören sich offenbar auch an kritischer Berichterstattung; Am Dienstagabend stürmten zwei von ihnen die Redaktion des Recherchebüros Correctiv und brüllten den Klassiker: „Lügenpresse!“ Und auch das Innenministerium wird angegangen. Es teilte die Broschüre und erntete umgehend Hass.

Hass, Hass, Hass! Es wirkt fast so, als befände sich die rechte Community in einem geistigen Hamsterrad, das mit Wut statt Denkleistung betrieben werde. Als nährten sie sich gegenseitig mit ihrem Hass und stifteten dann andere an, auch mal ordentlich abzuhassen.

Wenn jemand es dann wagt, ihre Motive in Frage zu stellen, oder Medien menschenfeindliche Kommentare löschen, greift ein übliches Muster unter Rechten: Sie inszenieren sich als Opfer, zum Beispiel von „Zensur“.

[Außerdem auf ze.tt: Tagesthemen-Kommentatorin sagt, was wir gegen Fremdenfeindlichkeit tun können]

Wenn virtueller Hass in reale Gewalt umschlägt

Im Vorwort der Broschüre schreibt die Stiftung, die sozialen Medien explodierten derzeit förmlich, Rechtsextreme rekrutierten dort Gefolgschaft und besetzten gezielt Themen: „Im Zuge der Flüchtlingsdebatte zeigt die Strategie nun Wirkung: Rechtsextreme Sprache und Bilder haben sich in kurzer Zeit über die Sozialen Medien im gesellschaftlichen Mainstream re-etabliert und sind normal im täglichen Gespräch über Flucht und Migration geworden. Gerade junge und weniger informierte Menschen können von der Hassrede gegen Flüchtlinge in den Sozialen Medien beeinflusst werden.“

Wie sich das dann – außer mit Exkrementen an der Tür – in der Realität auswirken kann, zeigt sich übrigens anhand erschreckender neuer Zahlen über rechte Gewalt in Deutschland:

In einer aktuellen Mitteilung bezieht die Stiftung Stellung gegen die Angriffe und macht noch einmal deutlich, was ihr Ziel beim Thema Hassrede in sozialen Netzwerken ist: Unternehmen wie Facebook müssten schneller und restriktiver vorgehen. Und Verantwortliche müssten hinter ihrer unsichtbaren Schutzmauer des Internets hervor- und zur Rechenschaft gezogen werden.

„Hassrede ist ein politischer Begriff. In Deutschland orientiert sich dieser Begriff im Wesentlichen am Tatbestand der Volksverhetzung, Beleidigung und übler Nachrede.“

Doch so lange Rechte quasi folgenlos menschenverachtende Kommentare in soziale Netzwerke kotzen können, wird sich der Hass nahezu ungehindert weiter ausbreiten. Auch ins echte Leben.

Update und Offenlegung, 4.8. um 15:49: Die ZEIT-Redakteurin Andrea Böhm ist Mitglied im Stiftungsrat der Amadeu Antonio Stiftung. Zudem gehört der stellvertretende Chefredakteur der ZEIT, Moritz Müller-Wirth, zum Beirat von „Netz gegen Nazis“, einem Projekt der Amadeu Antonio Stiftung, das ursprünglich vom Verlag DIE ZEIT gegründet wurde und bei dem DIE ZEIT und ZEIT ONLINE heute Kooperationspartner sind. ze.tt gehört ebenso wie DIE ZEIT und ZEIT ONLINE zum Zeitverlag.