Rechtsextreme Frauen in der DDR – „Angeblich friedliebend“

Die Historikerin und Kuratorin einer Berliner Ausstellung erklärt im Interview, wie Geschlechterrollen die Aufklärung rechter Verbrechen bis heute verhindern.

Ausschnitt aus dem Plakat der Ausstellung "Rechtsextreme Frauen in der DDR der 1980er Jahre im Blick von MfS und Polizei" © Bundesstiftung Aufarbeitung

Eine Ausstellung zu rechtsextremen Frauen in der DDR – das klingt erstmal ungewöhnlich. Rechtsextremismus in der DDR wird selten thematisiert und rechtsextreme Frauen wurden von der Forschung lange Zeit wenig beachtet. Die Fachstelle Gender und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung will diesen Teil der deutschen Geschichte nun beleuchten. In der Ausstellung „Rechtsextreme Frauen in der DDR der 1980er Jahre im Blick von MfS und Polizei“ zeigt sie seit Dezember Recherchen aus der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU). Vier Fallbeispiele behandeln die Biografien rechtsextremer Frauen und den Umgang der Behörden mit ihnen. Wir haben die Kuratorin und Historikerin Henrike Voigtländer interviewt.

Henrike Voigtländer

ze.tt: Im Selbstbild der DDR war der Faschismus ausgemerzt. Wie können wir uns die Existenz von Rechtsextremismus in der DDR also vorstellen?

Henrike Voigtländer: In der offiziellen Vorstellung der DDR sollte es Rechtsextremismus nicht geben. Trotzdem gab es über das ganze Bestehen der DDR hinweg rechtsextreme Einstellungen und Gewalttaten. Zum Beispiel äußerte sich das in Schmierereien von Hakenkreuzen und in der Schändung von jüdischen Friedhöfen schon seit Ende des Zweiten Weltkriegs. In den 1970er Jahren kam es dann zu einem starken Anstieg von Gewalt vor allem gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund. Es formierten sich organisierte Gruppen, zum Beispiel entstand in Berlin Lichtenberg aus der Gruppe „Lichtenberger Front“ Anfang der 1990er Jahre die erste rechtsextreme Partei der DDR, die „Nationale Alternative“. Insgesamt gab es während der Bestehenszeit der DDR aufgrund rechtsextremer Gewalttaten zwölf Tote.

Aus welchen Gesellschaftsgruppen kamen die rechtsextremen Personen?

Aus ganz unterschiedlichen Milieus. Auffällig waren aber zum Beispiel die rechtsextremen Skinheads, welche Vertragsarbeiter*innen aus Mosambik oder Vietnam verprügelten. Es gab aber auch ältere Menschen mit antisemitischen Einstellungen: Ein Fall der Ausstellung ist die 50-jährige Hilde K., die Hakenkreuze im Stadtpark ihres Wohnortes malte und russenfeindliche Sprüche verteilte. Eben nicht nur der Neonazi mit Springerstiefeln vertrat rechtsextreme Vorstellungen. Skinheads waren aber eher auf dem Radar der Polizei, weil sie an ihrer Mode erkennbar waren.

Wie ging man in der DDR mit Rechtsextremismus um?

Rechtsextremismus wurde nicht in seiner Gefahr wahrgenommen, sondern unterschätzt und als Jugendphänomen verharmlost. Die Täter wurden als Einzelpersonen am Rande der Gesellschaft missverstanden, psychopathologisiert oder generell als „Nicht-Angepasste“ eingeschätzt. Ende der 1980er kann man dann von einer Zäsur sprechen. Denn da kam es zu einem Überfall auf ein Rockkonzert in Ostberlin von rechtsextremen Skinheads auf Punks und alternative Menschen, wo das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und die Polizei nicht eingriffen. Es wurde aber von Westmedien darüber berichtet, sodass die DDR das Bestehen von Rechtsextremismus nicht mehr leugnen konnte. Rechtsextreme wurden ab diesem Moment stark beobachtet und verfolgt, es kam zu einer Verhaftungswelle.

Das ist das klassische Stereotyp, Frauen seien angeblich friedliebend oder unpolitisch und deswegen nicht gefährlich.

Wie kam es zur Idee, eine Ausstellung zu dem speziellen Thema rechtsextremer Frauen in der DDR zu machen?

Wir in der Fachstelle Gender und Rechtsextremismus in der Amadeu Antonio Stiftung beschäftigen uns generell damit, dass rechte Frauen in der Öffentlichkeit nicht in ihrer Gefahr wahrgenommen werden. Da gibt es zahlreiche Beispiele in der Gegenwart, wie den Fall Beate Zschäpe. In mehrfacher Hinsicht wurde ihre Gefährlichkeit nicht anerkannt und das führte zu Verzögerungen in der Aufklärung des Falles. Zum Beispiel leitete die Polizei 2006 in Baden-Württemberg eine Rasterfahndung ein, bei der aufgrund der Vielzahl von gelisteten Namen nicht nur alle unter 18 und über 30-jährigen Personen herausgestrichen wurden, sondern auch alle Frauen von der Liste gelöscht wurden. So wurde auch Mandy S., eine Unterstützerin des Trios, von der Fahndungsliste gestrichen, was einen großen Fehler darstellte. Mit dem Wissen über diese Fehleinschätzung wollen wir uns diesem Problem in der Geschichte Deutschlands widmen. Da es zu diesem Thema in der BRD schon etwas Forschung gibt, nehmen wir uns der DDR an.

Was ist das für ein zugrundeliegendes Geschlechterdenken, wenn Frauen als Täterinnen außer Acht gelassen werden?

Das ist das klassische Stereotyp, Frauen seien angeblich friedliebend oder unpolitisch und deswegen nicht gefährlich.

In der DDR wurde eigentlich auf die Gleichstellung von Männern und Frauen abgezielt. Warum wurden dann Frauen weniger als Täterinnen in den Blick genommen?

Zumindest in einigen Bereichen wurde versucht, Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern herzustellen. Vor allem im Arbeitsleben ergriff man bestimmte Maßnahmen, die Frauen eine gewisse Gleichberechtigung im Alltag ermöglichten. Nichtsdestotrotz finden sich in den Fällen, die wir untersucht haben, klassische Stereotypen, mit denen die Polizei arbeitete: dass Frauen an sich erstmal unpolitisch und nur an privaten Beziehungen interessiert seien und dementsprechend nur die Frauen der Rechtsextremen darstellten. Oder aber dass sie ihre politische Aktivität nur unternehmen, weil sie psychisch krank seien – sie wurden also psychopathologisiert.

Die Ausstellung findet im Jugend[widerstands]museum in
Berlin, Galiläakirche, Rigaer Straße 9, statt.
Wie lief die Recherche nach rechtsextremen Frauen in der DDR ab und welche Schwierigkeiten gab es dabei?

Ich stellte einen Antrag bei der Stasi-Unterlagenbehörde, um an die Akten vom Ministerium für Staatssicherheit zu kommen. Das lief dann so ab, dass ich eine DDR-weite Suche nach rechtsextremen Frauen einleitete und dort, wo es Hinweise auf interessante Fälle gab, untersuchte ich die konkreten Akten – natürlich in anonymisierter Form. Wir haben uns entschieden, auf Interviews mit den Frauen zu verzichten, um keinen Raum für ideologische Äußerungen zu bieten. Deshalb war die Hauptschwierigkeit das Problem, dass wir über die Akten, die wir einsehen können, leider nur an das Bild kommen, das das MfS oder die Polizei von den Frauen hatte.

In der Ausstellung werden die Biografien von vier Frauen gezeigt. Welcher Fall hat Sie besonders interessiert?

Für mich ist der spannendste Fall Peggy T. (Name anonymisiert). Die Berlinerin ist Anfang 20, als sie ins Visier des MfS gerät. Sie ist Teil der Berlin-Lichtenberger rechtsextremen Szene, die sich über Monate hinweg in ihrer Wohnung trifft. Das MfS verdächtigt sie, „Zentralfigur“ der Szene zu sein. Peggy ist in dieser Zeit mit einem rechtsextremen Straftäter zusammen. Als sie sich von ihm trennt, verliert das MfS sofort das Interesse daran, ihre Rolle in der rechtsextremen Szene zu verfolgen. Stattdessen verurteilt man sie als sogenannte „Asoziale“, die ihren Lebensunterhalt mit Beziehungen zu Männern finanziere. Ihr Sexualleben wird die ganze Zeit überwacht und bewertet und dadurch von ihrem politischen Handeln und ihren rechtsextremen Einstellungen abgelenkt.

Was hat Sie bei Ihrer Arbeit am meisten beschäftigt und berührt?

Mich hat am meisten diese Zweischneidigkeit beschäftigt: dass rechtsextreme Frauen vom MfS zwar durchaus wahrgenommen wurden, aber man sie dann doch nur innerhalb von ganz engen Stereotypen-Mustern beurteilte: So stufte man Frauen eben als schwächeres und friedliebenderes Geschlecht ein und sprach ihnen keine wirkliche Handlungsfähigkeit zu.

Was können wir aus den Forschungsergebnissen der Ausstellung lernen?

Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft über solche Stereotype hinwegblicken. In einer Zeit, in der rechte Parteien und Rechtsextremismus immer mehr Aufschwung erfahren und eine reale Gefahr für die Gesellschaft darstellen, ist es wichtig, dass wir versuchen, die Intentionen und das Vorgehen von rechtsextremen Personen zu verstehen, ohne dass wir mit Vorurteilen an sie herantreten. Denn nur so können wir daraus lernen, wie wir mit dem Problem Rechtsextremismus letztlich umgehen. In der rechtsextremen Szene sind Geschlechterideologien stark verbreitet, wie die Rollenzuweisung der Frau als Mutter und des starken Mannes. Umso wichtiger ist es, dass wir der rechtsextremen Szene nicht mit den gleichen Vorstellungen entgegentreten.


Offenlegung: Das Projekt „Netz gegen Nazis“ der Amadeu Antonio Stiftung wurde ursprünglich vom Verlag DIE ZEIT gegründet, zu dem auch ze.tt gehört. DIE ZEIT und ZEIT ONLINE sind Kooperationspartner des Projekts. Außerdem gehört ZEIT-Redakteurin Andrea Böhm dem Stiftungsrat der Amadeu Antonio Stiftung an.

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