Redeangst: Wie ihr eure Nervosität vor Uni-Vorträgen in den Griff bekommt

Manche Studierende spüren ein bisschen Lampenfieber, wenn sie zum Vortrag vor ihre Kommiliton*innen treten müssen – andere haben panische Angst davor. Zwei ehemalige Studierende berichten von ihrer Redeangst.

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Redeangst kann Studierende daran hindern, sich zu Wortbeiträgen zu melden oder Vorträge zu halten. Pexels/CC0

Während seines Wirtschaftsstudiums hatte der 37-jährige Daniel kaum soziale Kontakte. In die Mensa ging er nicht, vor Vorträgen drückte er sich, so gut es ging. „Wenn man die Wahl hatte, habe ich mich immer für Klausuren entschieden“, erzählt er.

Es waren die Reaktionen seiner Gegenüber, vor denen Daniel sich fürchtete. „Ich hatte Angst, dass sie mich möglicherweise für geistig minderbemittelt halten könnten“, sagt er. „Und auch davor, dass die Stimme versagen könnte, was real aber nie geschah.“ Also sprach er so gut wie gar nicht.

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Ein einziges Mal kam Daniel nicht um eine mündliche Prüfung herum. „Das war etwa so, als stünde ich vor einem Erschießungskommando“, erinnert er sich. Er trat gar nicht erst an, schließlich brach er sein Studium ab. Seine Redeangst war zu groß.

Konfrontation ist die Lösung

Daniels Redeangst ist die Manifestation einer starken Sozialphobie; er hat Versagensängste, eine zeitlang konnte er nicht einmal das Haus verlassen. Nicht immer muss die Redeangst von so tiefen Problemen herrühren – aber auch in leichtem Maße kann die Logophobie Studierenden ihre Ausbildung erschweren.

„Es ist die Angst vor der Bewertung von anderen, mit der auch eine Ablehnung verbunden sein könnte“, sagt Reinhard Franke von der Psychologischen Beratung der Freie Universität Berlin. Schlechte Noten können die Folge sein oder der Studienabbruch.

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Wie viele Studierende Redeangst haben, lässt sich schwer einschätzen. Logophobie fällt häufig nicht auf, weil sich in manchen Seminaren alternativ zum Referat eine Klausur oder ein Protokoll wählen lässt. In manchen Fächern fällt es leichter, sich durchzumogeln.

Sich aus Angst vor Vorträgen zu drücken, empfindet der Psychotherapeut jedoch als wenig sinnvoll. Er weist darauf hin: „Auch im Beruf wird man mal eine Rede oder einen Vortrag halten müssen.“ Deshalb bietet er für Studierende mit Logophobie regelmäßig den Workshop „Redeangst bewältigen“ an.

Erst Smalltalk, dann Vortrag

„Stell dir dein Publikum nackt vor“ lautet ein gängiger Tipp gegen Redeangst. Das könne zwar ab und an bereits helfen, sagt Franke – sein Workshop zielt jedoch auf eine nachhaltige Bewältigung der Angst ab.

„Wir gehen davon aus, dass schlechte Redeerfahrungen gemacht wurden, in der Schule zum Beispiel. Daraus entwickelt sich Angst, man vermeidet solche Situationen.“ Auf diese Weise bleiben aber auch die positiven Erfahrungen aus, die dabei helfen können, die Angst zu überwinden. Deshalb setzt Franke auf dosierte Konfrontation: „Das Prinzip unseres Workshops ist es, Angst zu verlernen und zu erkennen, dass die Befürchtungen nicht eintreten, so dass man zukünftig bereitwilliger Vorträge hält.“

An Frankes Workshops an der FU Berlin nehmen zwischen acht und 14 Personen teil. Zu Beginn der Sitzungen sind von den Studierenden einfache Redeaufgaben zu bewältigen: lockerer Smalltalk ist eine davon. Später müssen sie im Stehen zu Fachthemen Vorträge vor der Gruppe halten. Die Reden werden im Video aufgezeichnet und gemeinsam besprochen.

Eine gute Vorbereitung ist alles

Eva hat während ihres Studiums keinen solchen Workshop belegt, die Konfrontationsstrategie hat die 29-Jährige allerdings auch für sich entdeckt. Vor drei Jahren hat sie ihren Magister absolviert, inzwischen promoviert sie. Einmal im Jahr zwingt sie sich dazu, einen Vortrag zu halten. Einen Großteil liest sie dabei ab. „Ich formuliere meinen Text so, wie ich ihn auch sagen würde und nicht so, wie ich ihn schreiben würde“, erzählt Eva. Sie markiert sich Übergänge und Umbrüche, um Pausen einzubauen. Mit der Uhr stoppt sie ihre Zeit, um zu verhindern, dass sie zu schnell wird.

Vor einem Vortrag inspiziert Eva zudem den Raum. Sie prüft, ob alle Geräte angeschlossen sind und unterhält sich kurz mit dem Prof oder Moderator, damit er sie korrekt vorstellt. „Erfahrungsgemäß bringt mich sonst eine unpassende Anmoderation – wie zum Beispiel falsche Lebenslaufdaten – aus dem Konzept.“ Trotz allem bleibt Eva nervös. Wenn sie vor ihrem Publikum steht, bekommt sie Schweißausbrüche, ihr Herz rast, ihre Hände zittern.

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Dennoch macht sie laut Reinhard Franke alles richtig: Gute Vorbereitung ist das A und O, wenn man Redeangst hat. „Wer sich vor Referaten fürchtet, hat auch keine Lust, sich darauf vorzubereiten. Das führt zu noch mehr Angst im Vorfeld“, sagt er. „Wenn ich etwas nicht gut kann oder sogar Angst davor habe, dann sollte ich mir noch mehr Zeit nehmen, es gut vorzubereiten. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es gelingt. Und jedes Gelingen hilft dabei, die Angst zu minimieren.“

Die Vorbereitung und regelmäßige Übung scheinen Eva zu helfen. Dass sie ihre Nervosität und ihr Zittern durch die Routine eines Tages ganz verlieren wird, glaubt sie allerdings nicht.