Reisen nach Nordkorea: Ist es moralisch vertretbar, in einem totalitären Staat Urlaub zu machen?

Denkt man an Nordkorea, hat man sofort Bilder von Militärparaden oder dem „Obersten Führer“ Kim Jong-un im Kopf. Tatsächlich kann man in dem Land sogar Urlaub machen – aber ist das auch moralisch vertretbar?

Reiseziele wie Australien oder Madagaskar sind inzwischen so exotisch wie eine Banane. Hat man alles schon abertausende Male in Facebook-Urlaubsbilderalben gesehen. Aber es gibt Reiseziele in dieser Welt, von denen kaum jemand weiß, dass man dort überhaupt hinreisen kann. Zum Beispiel Nordkorea.

Wie schaut eine Reise nach Nordkorea aus?

Es gibt in Berlin exakt eine Reiseagentur, die Reisen nach Nordkorea vermittelt. „Wenn ich Leuten erzähle, dass ich eine Agentur für Nordkoreareisen betreibe, kommt fast immer als erste Reaktion: Was, da kann man einfach so hinfahren?“, erzählt André Wittig von Pyongyang Travel. Ja, kann man.

Der Reiseablauf

„Die Anreise erfolgt meistens via Flugzeug oder Zug von Peking aus. Am Flughafen oder Hauptbahnhof wird man dann von den zwei staatlichen Reiseleitern in Empfang genommen“, erzählt Wittig. Dies ist vielleicht die größte Besonderheit von Nordkorea als Reiseland – man kann nicht auf eigene Faust das Land erkunden. Es ist zwar möglich, Individual- statt Gruppenreisen zu buchen, aber auch dann ist man stets in Begleitung der Reiseleiter: von morgens beim Frühstück bis abends beim Essen im Restaurant oder dem Ausklingen des Tages an der Hotelbar.

„Die klassische Nordkoreareise ist eine Rundreise. Man beginnt in der Regel mit einem mehrtägigen Aufenthalt in der Hauptstadt Pyongyang. Im Anschluss daran fährt man ins Gebirge, zum Wandern oder Skifahren. Viele Touristen interessieren sich außerdem für die demilitarisierte Zone, die Grenze zu Südkorea. Und für Badeurlauber gibt es im Osten einen wunderschönen Sandstrand.“ André Wittigs Reiseagentur organisiert darüber hinaus auch besondere Reisen, zum Beispiel zum Pyongyang Marathon, zu Staatsfeierlichkeiten und großen Militärparaden oder auch Groundhopping Touren für Fußballfans, die die Fußballstadien dieser Welt bereisen. Im Durchschnitt kostet eine Reise mit Flug um die 2.000 Euro.

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„Nordkoreareisen sind vergleichbar mit Gruppenreisen nach Italien. Man sitzt gemeinsam im Bus und klappert Sehenswürdigkeiten ab.“ Mit dem Unterschied, dass man weder theoretisch noch praktisch die Möglichkeit hat, abseits dieser Gruppe Dinge zu unternehmen. Und dass wenn man es dennoch tut, dies schwerwiegendere Konsequenzen haben kann, als bei einer Italienreise.

Alles nur Show?

Die Frage, die bei Aufenthalten in Nordkorea immer wieder auftaucht, ist die nach der Authentizität dessen, was man sieht. Ist alles Schein und Trug oder entspricht es der Lebensrealität vieler Nordkoreaner*innen? „Die Frage ist schwer zu beantworten – auch für mich, der schon öfter in dem Land war“, sagt Wittig. „Prinzipiell denke ich, dass man sich als westlicher Tourist nicht wichtiger nehmen sollte, als man ist. Es wird nicht alles um die etwa 8.000 Besucher, die jedes Jahr das Land bereisen, organisiert. Aber natürlich ist es dem Land wichtig, ein gutes Bild nach außen abzugeben. Land und Leute sollen gut repräsentiert werden.“

Sicherheit

Wittig zufolge ist Nordkorea eines der sichersten Länder, in die man als Tourist*in reisen kann – vorausgesetzt, man hält sich an die örtlichen Gepflogenheiten und Gesetze. „Das gilt aber ebenso für alle anderen Länder, in die man reist. Ich bin der Meinung, man sollte als Tourist ein Land immer so akzeptieren, wie es ist.“

Problematisch ist es beispielsweise, Fotos von militärischen Einrichtungen zu schießen – was schnell mal passieren kann, da das Militär viel omnipräsenter im Straßenbild vertreten ist, als in anderen Ländern. Das Auswärtige Amt schreibt auf seiner Homepage: „Von der nordkoreanischen Propaganda werden ausländische Einflüsse als schädlich und den Sozialismus zersetzend bezeichnet. Vor Ausländern müsse man sich daher in Acht nehmen. Als Folge dieser ständigen Aufrufe wachsam zu sein, ist es mehrfach zu Übergriffen auf fotografierende Ausländer gekommen (…).“ In der Regel sollen diese Ausländer von den Sicherheitskräften festgesetzt, aber nach kurzer Zeit wieder freigelassen worden sein.

Ist es okay, in einem Land wie Nordkorea Urlaub zu machen?

Auch in anderen Ländern kann man Probleme bekommen, wenn man Militäreinrichtungen fotografiert. Von vielen von diesen unterscheidet sich Nordkorea jedoch hinsichtlich der Brutalität, mit der die Regierung der UN und Amnesty International zufolge mit der eigenen Bevölkerung umgeht. Die UN-Untersuchungskommission zur Menschenrechtssituation in Nordkorea schrieb 2015 in ihrem Bericht: „Eine breite Palette von Verbrechen gegen die Menschlichkeit (…) wurden und werden weiterhin in der Demokratischen Volksrepublik Korea verübt.“ Es ist das erste Mal, dass die Vereinten Nationen offiziell festhielten, dass die nordkoreanische Führung „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ an der eigenen Bevölkerung begeht.

[Außerdem bei ze.tt: Wo in der Welt gibt es noch die Todesstrafe?]

Ist es also moralisch gesehen okay in ein Land zu reisen, dem diese schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden? Darüber haben wir mit Eric Ballbach geredet. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Koreastudien der Freien Universität Berlin und war schon mehrmals im Rahmen einer Delegation von deutschen Politiker*innen oder akademischen Austauschen im Land. Um das gleich vorweg zu nehmen: Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Es gibt eine Reihe von Pros und Kons, zwischen denen jede*r Besucher*in selbst abwägen muss.

Argumente, die gegen Reisen nach Nordkorea sprechen:

  • „Man sieht und erfährt als Tourist nicht das echte Nordkorea“, sagt Eric Ballbach. Man sehe nur das, was in die propagandistische Selbstdarstellung des Landes passe. Aus diesem Grund ist es weder möglich, individuell das Land zu bereisen, noch frei mit Nordkoreaner*innen zu sprechen.
  • „Man muss sich als Tourist bewusst sein, dass man teilweise in die nordkoreanische Propaganda miteinbezogen wird“, so Ballbach weiter. „Zum Beispiel werden fast immer Fotos davon gemacht, wenn sich Ausländer vor Monumenten oder Statuen von Kim Jong-un oder Kim Jong-il verbeugen. Am nächsten Tag werden diese dann in der Zeitung veröffentlicht. Das soll der Bevölkerung zeigen, dass auch Ausländer nach Nordkorea kommen, um der Führung Tribut zu zollen.“
  • Ein Kontra-Argument unterstützt Ballbach hingegen nicht: „Die Finanzierung des Nuklear- und Raketenprogramms ist nicht abhängig vom Tourismus. Die militärstrategischen Programme werden über den sogenannten zweiten Wirtschaftskreislauf finanziert – zum Beispiel über Waffenverkäufe oder Kooperationen mit Ländern wie dem Iran oder Pakistan. Die bislang sehr geringen Einnahmen aus dem Tourismusbereich erhalten also nicht den Militärapparat des Regimes am Leben.“

Argumente, die für Reisen nach Nordkorea sprechen:

  • „Zwar ist direkte Kommunikation mit der Bevölkerung nur sehr bedingt möglich“, so Ballbach, „dennoch dürften Begegnungen zwischen Nordkoreanern und Westlern dazu beitragen, das ein oder andere vom Regime verbreitete Vorurteil gegenüber Ausländern zumindest zu einem gewissen Grad abzubauen. Zum Beispiel bekommen Nordkoreaner immer wieder von ihrer internen Propaganda gesagt, dass Westler Opfer ihrer eigenen kapitalistischen Systeme seien. Ein Besuch in Nordkorea kann also dazu beitragen, dass solche Vorurteile von manchen hinterfragt werden. Nordkoreaner sind ja keine Roboter, sondern denkende Individuen, die, wenn auch nicht öffentlich, einige Stereotypen sicherlich hinterfragen.“
  • Für Eric Ballbach ist Tourismus kein Mittel zur Öffnung des Landes. Dafür unterliege der Tourismus zu vielen Regularien und würde zu abgetrennt von dem tatsächlichen Leben im Land stattfinden. „Tourismus kann aber eine kleine Rolle in der Evolution Nordkoreas bedeuten. Das Land hat selbst das Ziel ausgegeben, bis 2020 jährlich etwa eine Million Touristen im Land zu haben. Wenn dieses Ziel tatsächlich umgesetzt werden soll, müssen einige Regularien abgebaut oder zumindest abgeschwächt werden. Zum Beispiel was das Fotografieren angeht oder welche Orte man als Tourist besuchen darf.“

Das Fazit

Für Ballbach sind letztendlich die individuellen Motive der Reisenden zentral, um zu entscheiden, ob eine Reise nach Nordkorea zu unterstützen ist oder nicht. „Geht man nach Nordkorea, weil man eine Art Sensationstourismus betreiben will? Um beim nächsten Abendessen mit Freunden eine gute Story erzählen zu können? Diese Art des Tourismus ist meiner Meinung nach nicht unterstützenswert.“

Anders hingegen sei es mit Tourist*innen, die sich einen eigenen Eindruck von Land und Leuten verschaffen möchten, „über das die internationale Berichterstattung sehr zweifelhaft ist.“ Was für Korea-Experten Ballbach nicht heißen soll, dass die Zustände in Nordkorea nicht in irgendeiner Weise nicht dramatisch wären. „Um Nordkorea zu verstehen, muss man einen immanenten Ansatz wählen, also versuchen, das Land aus sich selbst heraus zu verstehen. Das heißt nicht, dass man in irgendeiner Form etwas legitimiert oder gutheißt, was dort passiert.“