Reiß dich zusammen, Österreich!

Zurzeit ist es nicht einfach, Österreicher zu sein. Ich bin einer und muss mich immer öfter dafür rechtfertigen. Das wird nur immer schwieriger.

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Look at all the Nazis we have. © Imgur | Collage von ze.tt

Normalerweise reagieren Leute, die mich nach meiner Heimat fragen, relativ erfreut. So war das zumindest bis Ende April, bis zu den Ergebnissen des ersten Wahlgangs der österreichischen Präsidentschaftswahl. Seitdem muss ich mich hier in Deutschland gegen böse Blicke und freche Aussagen wehren. Kein Wunder, bei all der Scheiße, die gerade in meinem Heimatland abgeht. Die Frage „Was ist denn nur los da unten?“ schießt mir selbst oft in den Kopf. Österreich ist ein Land, das viel zu unbedeutend sein sollte, um in aller Welt negative Schlagzeilen zu machen. Ein Land, das es trotzdem immer wieder schafft und es zugegebenerweise auch verdient.

Ich bin ein so genannter Auslands-Ösi. In Wien geboren, aufgewachsen und es hinter mir gelassen. Seit knapp einem Jahr lebe ich in Berlin und sehe von hier oben zu, wie Österreich langsam den Bach runter geht. Es ist kein schöner Anblick.

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Schon seit geraumer Zeit rückt das politische System Österreichs langsam nach rechts. Für mich hat es gefühlt seit Jörg Haider nie wieder aufgehört, nach rechts zu rücken. Doch allerspätestens seit der Rechtspopulist Norbert Hofer mit weitem Abstand den ersten Wahlgang der österreichischen Bundespräsidentenwahl gewann, wissen auch meine deutschen Freund*innen, dass da irgendwas gehörig schiefgeht.

Hofer, ein Mann, der Mitglied einer schlagenden Burschenschaft ist, die Österreich als Nation nicht anerkennt und „unabhängig von bestehenden Grenzen“ an das „deutsche Vaterland“ glaubt. Ein Mann aus den blauen Kreisen der „Freitheitlichen Partei Österreichs“ (FPÖ), die sowohl im In- als auch im Ausland ein Naheverhältnis zum Rechtsextremismus hat. Ein Mann, dessen Aufgabe es bald sein könnte, Österreich nach innen und außen zu vertreten.

Seitdem klar ist, dass Hofer kommenden Sonntag als Favorit zur Stichwahl gegen den ehemaligen Grünen Alexander van der Bellen antreten wird, ist mir schlecht. Mehr noch: Ich bin wütend, ich habe Angst, ich schäme mich. Und ich bin froh, dort weg zu sein. In Berlin werde ich beinahe täglich auf diese Situation angesprochen. „He, du bist doch aus Wien. Was geeeht?“ Ich soll erklären, warum Österreich so tut, wie es tut. Ich soll rechtfertigen, warum in Österreich 35 Prozent der Wahlberechtigten einen Rechtspopulisten zum Präsidenten haben wollen.

Und jedes Mal muss ich enttäuschen. Ich habe keine Erklärung. Ich verfolge mit gleicher Fassungs- und Hilflosigkeit die Berichterstattung wie der vernünftige Rest, und hoffe insgeheim immer noch auf irgendeinen fatalen Irrtum bei der Stimmenauszählung. Mit Gedanken wie „Der Fehler muss bloß noch aufgedeckt werden und dann ist alles wieder gut“ versuche ich mir erfolglos meine Realität zu verzerren. Wie soll ich meinen deutschen Freund*innen etwas erklären, das ich selbst nicht verstehe? Ich habe das Bedürfnis, mich für mein Land zu entschuldigen.

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Alexander van der Bellen (ist und steht links) mit Norbert Hofer (ist und steht rechts). | © Hans Punz/AFP/Getty Images

Rechts und Schnitzel

Dann der traditionsreiche 1.-Mai-Aufmarsch in Wien. Der Tag der Arbeit, der große Tag der roten Sozialdemokratie und der Arbeitnehmer*innen wird zum Pfeiffkonzert aus den eigenen Reihen. Die Rede des damaligen österreichischen Bundeskanzlers und SPÖ-Chefs Werner Faymann, ein Mann ohne Gesicht, ohne Rückgrat, aber mit umso mehr Opportunismus-Tendenzen, ist kaum mehr zu verstehen. Die Genoss*innen sind wütend. Sie zeigen ihm den Mittelfinger, rufen „Schäm dich“ und „Rücktritt“. Ein Journalist schreit ihm unaufhörlich „Arschloch“ entgegen.

Eine gute Woche später, am 9. Mai, legt Faymann sämtliche seiner Funktionen nieder. Er habe – oh, Überraschung – zu wenig Rückhalt in der eigenen Partei. Wieder kommen die Fragen auf mich zugeflogen. „Euer Kanzler ist zurückgetreten, was ist los mit euch?“ „Scheiße“ sag ich, was soll ich sonst sagen, das Land bricht auseinander. Ich bin verbittert, habe keine passende Reaktion parat. Außer Jammern, das kann ich.

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In der Zwischenzeit geht der Wahlkampf weiter. Vergangenen Sonntag diskutierten der linke van der Bellen und rechte Hofer im Rahmen eines neuen Formatexperiments. Es gab keine Moderation, keine Vorgaben, keine Regeln. Eine Sendung, auf die ich mich im Vorfeld gefreut hatte, aber mir jetzt im Nachhinein wünschte, sie nie gesehen zu haben.

Die Diskussion artete in einen politischen Schwanzvergleich von zwei degenerierten Pubertierenden aus, die sich gegenseitig beleidigten, auslachten, für dumm und lächerlich erklärten. Es fielen Worte wie „Schmarrn“, „Schweinerei“, sie rezitierten Worte wie „Scheißfotzen“ und „Gehirnamputierte“. Alles gab es, nur keinen Erkenntnisgewinn. Es war Trash-TV vom Feinsten, Donald Trump hätte es nicht besser machen können. Nach der Sendung fühlte ich mich wie nach dem Kotzen: irgendwie beschämt, teilweise angewidert, und sehr erleichtert, dass es vorbei ist. Ich schrieb noch während der Sendung einer österreichischen Freundin. Sie traf die einzig richtige Entscheidung.

Screenshot: mein iPhone.
© Handy-Screenshot

Wenn mich jetzt wer fragt, woher ich komme, sage ich nicht mehr zufrieden „Wien!“. Ich zieh den Kopf ein und flüstere „Wien. Ja ok, ich weiß, spar’s dir.“ Gestern fragte ich meine beiden Mitbewohner*innen, welches Bild sie derzeit von Österreich haben. „Braun“ sagte die eine, „rechts und Schnitzel“ sagte der andere. Uff, das ist hart.

Wieder schäme ich mich, wieder habe ich keine Argumente dagegen. Meinen Freund*innen in Wien biete ich halb ernst, halb scherzhaft Asyl an, sollte Hofer tatsächlich Bundespräsident werden. Ein Freund in Berlin sagte letztens zu mir: „Österreich ist das einzige Land, das durch Erfahrung dümmer wird.“ Mein erster Gedanke war, diesen (falsch zitierten) Spruch mit einem wahnsinnig schlagfertigen Spruch zu kontern. Nur leider kam nichts aus meinem offenen Mund. Er hatte recht.

Und dann?

Was passiert als nächstes? Wird die EU Sanktionen gegen Österreich aussprechen? Im Jahr 2000, als erstmals eine schwarz-blaue Koalition das Land regierte, drohten die EU-Staaten, „keinerlei offizielle bilaterale Kontakte auf politischer Ebene mit einer österreichischen Regierung unter Einbindung der FPÖ [zu] betreiben oder [zu] akzeptieren“. Der Grund: Das Auftreten führender Vertreter der FPÖ würde an Rechtsextremismus erinnern, ihre Aussagen wären minderheitenfeindlich und rassistisch. Ja. Stimmt. Die Drohung wurde trotzdem nie zur Realität.

Jetzt soll so jemand Staatsoberhaupt der Alpenrepublik werden. Es wäre eine Schande. Für mich, für alle Österreicher*innen, für ganz Europa. Manchmal biegen meine Gedanken in seltsame Richtungen ab: Vielleicht müssen wir da einfach durch, um hinterher klüger aufzuwachen. Vielleicht sollte ein Blauer an die Macht, um dann alles gehörig zu versemmeln und so den Leuten die Augen zu öffnen. Vielleicht müssen wir Ösis erst am eigenen Leib erleben, dass das Angstmachen von Hofer, Strache und Co. keine Lösung für gar nichts ist. Vielleicht muss auch die FPÖ am eigenen Leib erleben, dass zum Politikmachen mehr gehört, als nur inhaltslose Wutreden zu schwingen.

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Irgendwie auch keine Lösung. Ich möchte von keinem blauen Schlumpf mit brauner Mütze vertreten werden, der jetzt schon damit droht, die Regierung zu entlassen. Ich sehe schon, wie der vernünftige Rest Europas zukünftig angewidert mit dem Finger auf Österreich zeigt und das Land als negatives Paradebeispiel in diversen Polit-Diskussionen nennt. „Seht mal, Kinder. So soll es zum Beispiel NICHT sein.“

Nicht falsch verstehen. Ich mag Österreich, ich habe den Großteil meines Lebens dort verbracht, habe Freunde und Familie da unten, die ich liebe. Ich habe und hatte trotzdem nie einen Nationalstolz, ich war nie ein Patriot. Und wäre ich einer, würde ich es nicht mehr zugeben wollen.