Roller Derby: Rollschuh-Fahren für den Feminismus

Auf den ersten Blick geht’s beim Roller Derby um Mädels, die mit vollem Körpereinsatz ineinander rasseln. Doch hinter der Sportart steckt mehr: eine politische Haltung.

© Hagen Hopkins/Getty Images

Roller-Derby in Neuseeland. © Hagen Hopkins/Getty Images

Die Sportart „Roller Derby“ wurde 2009 schlagartig durch einen Kinofilm berühmt. In Roller Girl mimt Ellen Page das rebellische Teenage-Girl, das dem konservativen Alltag des texanischen Nirgendwo entkommen will. Mit Netzstrumpfhose und schrillem Make-up stürzt sie sich in den martialisch anmuteten Sport, verheimlicht ihre Leidenschaft vor ihren Eltern und findet dabei sich selbst. Klassisches Popcorn-Kino aus Hollywood.

Früher eine Art Wrestling von Frauen auf Rollschuhen

Auch Sophie, Solveig, Jess, Pia und eine zweite Sophie aus Leipzig kennen den Film. Zusammen sind sie die „Riot Rocketz“, eins von rund 25 Roller-Derby-Teams, die es in Deutschland gibt. Nicht nur für sie, sondern auch für viele andere Sportlerinnen war der Hollywood-Streifen der Einstieg in die Roller-Derby-Welt, sind sich die fünf sicher. In den letzten Jahren hat der Sport deutlich an Popularität gewonnen – in Australien, Neuseeland, in Süd- und Mittelamerika, aber eben auch in Deutschland. Mittlerweile gibt es eine Bundesliga, einen Weltverband und ein (kompliziertes) offizielles Regelwerk.

Doch was ist Roller Derby eigentlich? Der Ursprung geht aus dem amerikanischen 6-Tage-Rollschuh-Rennen in den 1940ern hervor. Mehr zufällig entstanden dabei einzelne, spektakuläre Crashes zwischen den Fahrer*innen. Besonders der teils harte Körperkontakt der Frauen untereinander sorgte für Aufsehen. Es gefiel dem Publikum so gut, dass daraus eine Art Wrestling von Frauen auf Rollschuhen wurde. Ein Showkampf, mit schrillen Kostümen und Kampfnamen für jede einzelne Fahrerin.

Während der Ölkrise gingen die beiden amerikanischen Roller Derby-Verbände pleite und der Sport verschwand in der Versenkung. Mit der Riot-Girl-Bewegung der 90er Jahre wurde er wieder entdeckt und entwickelte sich weg vom Frauen-Wrestling hin zu einem emanzipierteren, ja sogar feministischen Sport.

Foto: Fabian Held
In Aktion. Foto: Fabian Held

Mittlerweile, sagen die Mädchen, sei Roller Derby ein „Vollkontaktsport auf Rollschuhen“. Von den Show-Einlagen ist kaum noch etwas geblieben. Nur noch wenige Fahrerinnen schminken sich oder ziehen schrille Kostüme an. Es geht mehr um den Sport: die Taktik und die körperliche Herausforderung. Zwei Teams à fünf Teilnehmer*innen treten gegeneinander an und fahren im Kreis. Je eine Person ist der Jammer. Seine Aufgabe besteht darin, durch das Überrunden gegnerischer Spieler Punkte zu erzielen. Die restlichen vier Spieler des Teams haben als Blocker die Aufgabe, sowohl den eigenen Jammer bei seiner Aufgabe zu unterstützen als auch den gegnerischen Jammer am Vorankommen zu hindern.

Roller Derby ist frauendominiert. Männer sind aber keinesfalls ausgeschlossen. Sie trainieren mit und sind während der Partien Schiedsrichter. Zwar gibt es mittlerweile auch Männer-Teams – Die sind aber eindeutig in der Unterzahl.

Die schrillen Outfits sind der „ironische Umgang mit der weiblichen Identität“, findet Jass. Sie sind jedoch, zusammen mit der auffallenden Schminke, mittlerweile größtenteils verschwunden. „Das ist total unpraktisch und du siehst nach fünf Minuten aus wie ein Waschbär“, lacht Jess. Einzig die Kampfnamen, die sich viele Fahrerinnen noch selbst verpassen, sind als Erinnerung an den Ursprung des Sports geblieben.

Pluralismus und links-alternativer Lebensstil

Auch die feministische Haltung bleibt den Leipzigerinnen wichtig. Die 35 aktiven Mitglieder diskutieren Standpunkte, Fällen Entscheidungen basisdemokratisch und reflektieren ihr Auftreten. Das alles gehört den Leipzigerinnen zum Roller Derby dazu. Die Fahrerinnen sind offen gegenüber transgender und queeren Einstellungen. Sie bezeichnen sich selbst als pluralistische und links-alternative Truppe.

Neulinge sind jederzeit willkommen, allerdings werden keine Formen „von Rassismus, Xenophobie, Homophobie und Transphobie, Sexismus, Antisemitismus oder sonst eine Ideologie der Ungleichwertigkeit“ akzeptiert, heißt es auf der Homepage der Riot Rocketz.

Auf die Plätze, fertig, los! Foto: Fabian Held
Auf die Plätze, fertig, los! Foto: Fabian Held

Um mitfahren zu können, gilt es zudem, eine Art Fahrschule bestehen, den „Minimum Skill Test“. Neulinge müssen das richtige Fallen und die Basics auf den Rollschuhen beherrschen, da sonst die Gefahr von Verletzungen zu hoch ist.

Vom Steißbeinbruch bis zum mehrfachen Riss in den Sprungbändern haben die Riot Rockets schon eine beachtliche Liste an Verletzungen gesammelt. Dass der Sport dennoch immer mehr Frauen und Männer fasziniert, liegt an „der Rock’n’Roll-Attitüde“ und der Möglichkeit zur „eigenen Individualisierung“, sagt Sophie.

Geschicklichkeit, Kraft, Herausforderung – all das spielt natürlich auch eine große Rolle. Der Feminismus ist auch ein wichtiges Thema, aber am Ende ist Roller Derby eben auch ein Sport. „Wir sind nicht der feministische Arbeitskreis, der zufällig Rollschuh fährt“, sagt Jess. Dann lacht sie.