Ronja von Rönne: „Ich wollte nie die Galionsfigur des Anti-Feminismus werden“

In diesem Monat erscheint mit „Wir kommen“ das literarische Debüt von Ronja von Rönne. Edition F hat mit der Autorin über ihr Buch und das letzte Jahr gesprochen.

© Carolin Saage

"Wir kommen" ist das literarische Debüt von Autorin Ronja von Rönne. © Carolin Saage

„Maja ist nicht tot. Wenn Maja gestorben wäre, hätte sie mir davor Bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen.“ So beginnt das literarische Debüt von Ronja von Rönne, das im März 2016 erscheint. Neben Maja geht es aber vor allem um Nora, die nachts von ihren Panikattacken geweckt wird und sich in einer komplizierten Viererbeziehung befindet. Eine Reise ans Meer soll alle endlich zur Ruhe kommen lassen, aber genau da beginnt die schöne Idee von der gemeinsamen Liebe langsam zu verblassen und in Nora wird etwas aufgebrochen, das lange verborgen war.

Wir haben mit Ronja von Rönne über ihr Buch gesprochen, darüber was sie antreibt und wie sie auf das vergangene Jahr zurückblickt. Dazu gehört natürlich auch ihr Text zum Feminismus, der im vergangen Jahr für jede Menge Diskussion gesorgt hat.

Kannst du kurz umreißen, worum es in deinem Debüt geht?
Ronja von Rönne: Es ist eine Nicht-Liebesgeschichte.

Warum eigentlich der Titel „Wir kommen“? Ich hatte beim Lesen das Gefühl, in diesem Buch geht eigentlich niemand irgendwohin, sondern alle drehen sich vielmehr um sich selbst. 
Ehrlich gesagt hatte ich den Titel schon festgelegt, bevor ich das Buch geschrieben habe. Ich fand ihn einfach so klangvoll und dachte, ich schreibe ein Buch darüber. Was ich dann doch nicht gemacht habe. Aber das ‚wir’ kann man auf jeden Fall noch verteidigen. Und es sieht gut aus auf dem Cover. Außerdem wurde ‚Wir drehen uns irgendwie um uns selbst und sind etwas verloren’ leider abgelehnt. ‚Nicht griffig genug’ hieß es. Pah.

Gegen Ende werden die Personen aus der Viererbeziehung kurz umrissen mit „apathisch“, „neurotisch“, „hoffnungslos“. Und Leonie ist vielleicht die Naivität. Ist das nicht die „Viererbeziehung“ die sowieso jeder mit sich selbst führt?
Ein bißchen vielleicht. Meine Protagonisten sind mir unsympathisch, eigentlich mag ich nur Maja (lacht). Alle anderen sind Stadtneurotiker, Abziehbilder. Aber problematisch wird es ja dann, wenn man sich in unsympathischen Figuren wiederfindet, das kann unangenehm sein beim Lesen. Aber letztlich biete ich ja auch immer nur Möglichkeiten an. In dem Buch findet sich keine ‚Moral von der Geschicht’. Ich finde, der Versuch Liebe zu organisieren und daran zu scheitern ist zutiefst romantisch. Hier zeigt sich, dass man Liebe nicht planen kann, obwohl das alle vier wollen. Ich glaube, es ist ein zutiefst romantisches Buch, auch wenn wenig daran liebevoll ist.

Geht es in dem Buch vielleicht auch darum, dass man eigentlich immer alleine ist – egal in welcher Gesellschaft man sich befindet?
Man ist zumindest wahnsinnig alleine in seinem Kopf. Ich glaube, das ist das Schlimme. Egal wie viele Menschen dich umgeben, in deinem Kopf bist du immer allein – und wenn du Pech hast, sogar einsam. Davor kann man sich einfach nicht schützen. Und es ist schmerzlich zu erfahren, dass die Umstände gar keine so große Rolle für das Glück spielen.

Was hat es eigentlich mit Maja auf sich? 
Das Buch ist folgendermaßen entstanden: Ich wusste, dass es unmöglich ist, einen Roman zu schreiben. Also habe ich angefangen, ein fiktives Tagebuch zu schreiben. Und irgendwann habe ich angefangen, diese Maja-Szenen zu schreiben, die aber überhaupt nicht reinpassten. Ich habe sie vor allem geschrieben, um nicht noch ein Berlin-Buch zu schreiben oder eines über frustrierte Beziehungen. Mit Maja musste ich nie ironisch umgehen. In diesen Szenen ist alles ganz klar, die Sätze nicht von Pointen überladen. Maja ist extrem straight und die einzige, die die Geschichte nach vorne zieht, obwohl sie nie auftaucht. Kinderszenen erlauben Pathos. Im letzten Monat vor Abgabe, habe ich diese beiden Bücher dann zusammengeklatscht.

Wie groß war deine Panik vor diesem Plan, dass dein Buch überhaupt nichts wird?
Es war die Hölle! Ich war mir ganz sicher, dass das gar nichts wird. Ich habe schon gegoogelt, wie man sich aus einem Buchvertrag rausboxen kann (lacht).

Du schreibst gerne über die Wunden, die jeder mit sich herumträgt. Was interessiert dich daran? 
Die Empfindungen im Buch sind wahrscheinlich alle von mir, auch wenn es kein autobiographisches Buch ist. Es ist ja am Ende wahnsinnig unoriginell, eifersüchtig zu sein, es ist unoriginell, sich schlecht zu fühlen und es ist unoriginell, zu hadern oder zu zweifeln. Und trotzdem freue ich mich, wenn ich das auch von jemandem anderen lese – und mich aufgehoben fühle. Ich mag gerne, wenn Leute sich verstanden, getröstet oder meinetwegen auch nur unterhalten fühlen. Ich glaube auch Unterhaltung funktioniert am besten, wenn man sich erkennt.

Im Buch lässt du Nora sagen: „Alles müsste künstlicher sein.“ Was ja Quatsch ist, denn heute ist es doch vor allem schwer, das Authentisches zu entdecken.
Ja. Aber ich glaube es geht um die Sehnsucht, Dinge steuern zu können. Und das geht bei artifiziellen Situationen einfacher. Wie bei einer Achterbahnfahrt: man weiß, man fällt nicht runter und trotzdem wird Adrenalin ausgeschüttet.

Auf Facebook hast du in Ankündigung auf dein Buch geschrieben „So ein arges Jahr und jetzt habe ich dieses Buch in den Händen“. Wie blickst du auf 2015 zurück?
Ich bin stolz, dass ich es überwunden habe. Es war viel zu laut.

Ist es schlecht oder ist es gut, dass du quasi immer mit dem Feminismus-Text und dem Klagenfurt Eklat an die Brust geheftet rumlaufen musst? Schränkt dich das ein oder ist die Aufmerksamkeit vor allem hilfreich?
Ich finde es natürlich furchtbar! Ich wollte nie die Galionsfigur des Anti-Feminismus werden, dafür stecke ich viel zu wenig in dem Thema. Ich würde das Ganze gerne hinter mir lassen, aber natürlich werde ich in jedem Interview darauf angesprochen. Ich habe dazu aber gar nicht mehr zu sagen, außer, dass es nervt. Aber klar kann man auch sagen, dass ich deswegen hier sitze und sehr viele Interviews habe, obwohl es ‚nur’ ein Debüt ist. Aber privat war das letzte Jahr eines der anstrengendsten, die ich je hatte und ich bin froh, dass es vorbei ist. Ich denke nicht daran zurück und sage: ,Wow, ich bin so provokant.‘ So empfinde ich mich selbst gar nicht.

Aber ist es wirklich so, dass du mit Feminismus nichts anfangen kannst?
Ich habe mittlerweile eine Abwehrhaltung dem Thema gegenüber entwickelt. Vielleicht aus Selbstschutz. Es war zu früh für den Text. Ich schätze, wenn er in 20 Jahren erschienen wäre, wäre gar nicht so ein Aufruhr darum entstanden. Ich verstehe auch, wenn man sich über einzelne Sätze aufregt. Aber es gab wirklich so derbe Reaktionen, dass ich bei dem Thema nun sofort allergisch reagiere. Ich wollte nie berühmt werden. Ich wollte für das Zeug, was ich mache, geliebt werden – das hat leider nicht so gut hingehauen … (lacht)

Hat dich die Ablehnung, die dir beim Bachmann-Preis entgegengeschlagen ist, überrascht?
Ich bin nicht sonderlich empfindlich, wenn mich Menschen beschimpfen oder furchtbar finden, das ist alles in Ordnung, das kann ich wegschieben. Aber dass ich in die rechte Ecke gestellt wurde, war extrem hart. Ich komme definitiv nicht aus der Richtung und dazu findet sich nichts im Text. Das grenzt an Verleumdung. Das war das Allerschlimmste.

In deinem Klagenfurt-Aufsatz schreibst du: „Ich will nur ein bißchen Krieg, ich will nicht, dass alles so gemütlich ist.“ Ist das auch etwas, dass dich beim Schreiben generell antreibt? 
Schaut man mal auf diese ganzen Internet-Memes, dann hat man schnell das Gefühl, dass sich alle nach der Zombie-Apokalypse sehnen. Ich habe das ja nicht erfunden, dass man sich langweilt in der Sicherheit und im Gutgehen. Und dass die Depression am ehesten zuschlägt, wenn man Zeit hat, über sich nachzudenken– das ist ja kein Gedanke von mir. Trotzdem ist der Satz Blödsinn, man wünscht sich keinen Krieg, man wünscht niemandem Krieg.

Im Buch steht: „Erfolg gönnen dir eigentlich nur die eigenen Eltern wirklich.“ Denkst du das wirklich? Sind wir so armselig und verunsichert, dass wir anderen eigentlich keinen Erfolg gönnen?
Ich glaube schon, zumindest, wenn man etwas Ähnliches macht. Ich kenne Neid sehr gut, aber nicht in dem Sinne, dass ich dem anderen etwas nicht gönne, sondern dass ich das auch haben will. Zum Beispiel, wenn Menschen in meinem Alter es schaffen, jeden Morgen gesund zu frühstücken oder Ikea-Möbel alleine aufgebaut kriegen. Sich aufrichtig für Fremde freuen ist gar nicht so leicht. Ich schätze, man liebt wirklich, wenn man dem anderen Dinge von Herzen gönnt, die man selbst gern hätte.

Ronja von Rönne: „Wir kommen“, Aufbau Verlag, 208 Seiten, 18,95 Euro.

 

Von Silvia Follmann auf EDITION F.

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