Russlands engagierte Jugend: Der Kampf für mehr Barrierefreiheit in St. Petersburg

Wer in St. Petersburg von A nach B will, ist in den meisten Fällen auf die Metro angewiesen. Für Menschen mit Behinderung ist das ein Problem, denn viele Stationen sind nicht barrierefrei.

Freiwillige Helfer*innen setzen sich für mehr Barrierefreiheit in St. Petersburg ein. Foto: privat

Die Zivilgesellschaft in Russland ist seit einigen Jahren stark unter Druck. Mitarbeiter*innen von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) werden als ausländische Agent*innen diffamiert, ihre Räumlichkeiten unangekündigt durchsucht und Geld- oder sogar Haftstrafen angedroht. Für diese Serie traf unser Autor fünf junge Leute, die trotz widriger Umstände in Russland Gutes tun. Dies ist der vierte Teil, Teil eins findet ihr hier, Teil zwei hier, Teil drei hier.

Jeden Morgen fuhr Kostja mit der Metro durch St. Petersburg zur Uni. Ohne Probleme. Ein Plakat der NGO “Perspektivy Spb” machte ihn darauf aufmerksam, dass die Metrofahrt für andere Menschen aber durchaus ein Problem darstellt: Kinder und Jugendliche mit Behinderung sind mit mangelnder Barrierefreiheit konfrontiert. Einige St. Petersburger Metro-Stationen mit jeder Menge Prunk und Protz gleichen nahezu unterirdischen Palästen, barrierefreies Reisen ist leider kaum ein Thema.

Doch wer in St. Petersburg unterwegs ist, kommt vor allem mit der U-Bahn und anderen öffentlichen Verkehrsmitteln schnell, günstig und unkompliziert von A nach B. Hinzu kommen größere Probleme: Mangelnde Inklusion und Selbstbestimmung in der russischen Gesellschaft erschweren vielen Jugendlichen mit Behinderung den Alltag. „Ich habe nicht lange gezögert und beschlossen, Gutes zu tun”, sagt der 19-jährige Kostja.

[Außerdem auf ze.tt: Der Kampf für die unterdrückte LGBTQ-Szene in Russland]

Mit einem freiwilligen sozialen Jahr bei der St. Petersburger Organisation „Perspektivy Spb“ fing alles an. Die gemeinnützige Initiative, eine Partnerorganisation des Perspektiven e.V. in Deutschland, gibt es seit 1999. Das Hauptziel beider Organisationen ist es, Menschen mit Behinderung so gut es geht in ihrem Alltag zu unterstützen. Auch wenn sie manchmal anstrengend sei, mache die Arbeit wirklich Spaß, weil es „gelebte Nächstenliebe“ sei, sagt Kostja. Deswegen hat er sich entschieden, nach dem sozialen Jahr zu verlängern und bei der NGO zu arbeiten.

Die Helfer*innen bei “Perspektivy Spb” organisieren unterschiedliche Aktionen, Malworkshops etwa, aber auch Sprach- und Musikunterricht, es gibt auch Theatergruppen. Insgesamt gibt es drei verschiedene Programme. Freiwillige helfen Menschen mit einer körperlichen und/oder geistigen Behinderung im Rahmen des „Pavlovsk Programms“ und Erwachsenen im Rahmen des „Peterhof Programms“. Schließlich wird Familien, die Kinder mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung haben im „Familien-Unterstützungs-Programm“ geholfen, zum Beispiel wird der Dialog zwischen betroffenen Familien gefördert.

Nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Die Hilfe von NGOs ist wichtig, aber insgesamt betrachtet nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Natalya aus St. Petersburg fühlt sich hilflos: “Meine Probleme werden von der Regierung ignoriert”, sagt sie. Die Metro oder Busse kann die Rollstuhlfahrerin nicht benutzen, immer sei sie auf die Hilfe anderer angewiesen. Damit ist Natalya nicht allein: Laut offiziellen Zahlen von Russlands Staatlicher Behörde für Statistik (Rosstat) gibt es mehr als 15.000 Menschen mit körperlicher und/oder geistiger Behinderung in St. Petersburg und der umliegenden Region. Russlandweit sind es etwa sechs Millionen Menschen, also circa vier Prozent der Gesamtbevölkerung.

Andere offizielle Quellen bilden dagegen eine andere Wirklichkeit ab: Es dürften demnach etwa doppelt so viele Menschen mit Behinderung in St. Petersburg und ganz Russland leben, denn bei den Zahlen von Rosstat handelt es sich “nur” um offiziell registrierte Menschen. Das Problem ist bekannt – doch die russische Regierung tut bisher ziemlich wenig für diese Menschen und die betroffenen Familien.

Eine Arbeit zu finden, sei für Natalya nicht gerade einfach und es gäbe noch viel mehr Hürden, die den Alltag für sie erschweren. “Die Liste ist lang”, sagt Kostja. “Und die Probleme zeigen deutlich, dass man in Russland noch am Anfang eines langen Weges steht, hin zu einer inklusiven Gesellschaft, die Millionen Menschen mit Behinderungen ihre gesellschaftlichen Räume, Dienste und Einrichtungen öffnet”, fügt er hinzu.

Engagement von Freiwilligen immer wichtiger

Man wolle endlich bessere Lebensbedingungen für diese Gruppe von Bewohner*innen St. Petersburgs schaffen, so Kostja. Deswegen engagieren sich insgesamt etwa 40 Freiwillige, nicht genug, aber es sei ein guter Anfang. Die meisten Helfer*innen sind aus Russland, einige von ihnen kommen aus anderen Ländern, um sich in den unterschiedlichen Programmen bei “Perspektivy Spb” zu engagieren. Kostja spielt Gitarre für die Kinder und Jugendlichen mit Behinderung.

Mithilfe einer Musiktherapie sollen Patienten unter anderem körperlich aktiviert oder entspannt werden, sie kann auch bei der Bewältigung von psychischen Krankheiten helfen oder sozial-kommunikative Fähigkeiten fördern. Zudem unternehmen sie viel gemeinsam, gehen etwa zusammen in den nahegelegen Stadtpark. “Es gibt aber sicher noch genug zu tun, nicht nur in St. Petersburg, sondern russlandweit”, sagt der junge Petersburger.


Die Versuche der russischen Regierung, NGOs unter staatliche Kontrolle zu bringen, bedrohen die Existenz zahlreicher kritischer und unabhängiger Organisationen in Russland. 2015 ist in Russland sogar ein Gesetz in Kraft getreten, das erlaubt, ausländische NGOs zu verbieten. Human Rights Watch und Amnesty International kritisierten die Maßnahme und teilten mit, „das drakonische Vorgehen ist ein weiterer Schritt normales Leben aus der Zivilgesellschaft zu drängen“.