Russlands engagierte Jugend: Der Kampf ums Klima

Irina demonstriert mit Greenpeace gegen den Klimawandel. Das finden viele ihrer Freund*innen gut, aber nur wenige trauen sich, selbst aktiv zu werden.

Irina engagiert sich in St. Petersburg bei Greenpeace. Foto: privat

Die Zivilgesellschaft in Russland ist seit einigen Jahren stark unter Druck. Mitarbeiter*innen von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) werden als ausländische Agent*innen diffamiert, ihre Räumlichkeiten unangekündigt durchsucht und Geld- oder sogar Haftstrafen angedroht. Für diese Serie traf unser Autor fünf junge Leute, die trotz widriger Umstände in Russland Gutes tun. Dies ist der zweite Teil, Teil eins findet ihr hier.

Wenn es um Putins Politik geht, stehen längst nicht alle jungen Russen hinter ihrem Präsidenten. Irina wäre es aber am liebsten, wenn sich die Jungen nicht nur über Putin streiten, sondern sich generell mehr für die Probleme im Land interessieren würden.

Seit über vier Jahren engagiert sich die junge Studentin bei der Umweltorganisation Greenpeace in St. Petersburg. Die 22-Jährige will vor allem ihren Teil dazu beitragen, dass ihre Mitmenschen sich mehr mit den Themen Umweltzerstörung und Klimawandel beschäftigen. Anfangs war Irina bei Protesten oft mit dabei, jetzt kümmert sie sich verstärkt um die PR bei Greenpeace. Sie verfasst Beiträge für die sozialen Netzwerke, verteilt Flyer auf Infoveranstaltungen und schreibt Artikel. “Viele meiner Freunde finden das zwar toll, dass ich zu Greenpeace gegangen bin”, sagt sie. “Sie können es sich selbst aber nicht vorstellen, bei einer NGO für den Schutz unserer Umwelt zu kämpfen.”

[Außerdem auf ze.tt: Der Kampf für die unterdrückte LGBTQ-Szene]

Vielleicht liegt das daran, dass es Umweltschützer*innen in Russland nicht gerade leicht haben. Präsident Wladimir Putin hat 2012 einem Gesetz zugestimmt, dass es der Regierung ermöglicht, vom Ausland unterstützte Nichtregierungsorganisationen als „Auslandsagenten“ einzustufen. International wurde das Gesetz scharf kritisiert. Problematisch sei, dass nun alle NGOs, die Gelder aus dem Ausland erhalten und in irgendeiner Form in Russland politisch aktiv sind, registriert werden müssen. Ferner sieht das Gesetz eine strenge Finanzkontrolle vor. Im Fall eines Verstoßes können NGOs zu hohen Geld- oder sogar Gefängnisstrafen verurteilt werden. ”Ich hatte Glück, weil ich bisher noch nicht von der Polizei festgehalten wurde oder eine Geldstrafe zahlen musste”, so Irina. Einige ihrer Kollegen*innen bei Greenpeace erging es anders. Sie wurden bei Protest-Aktionen von der Polizei verhaftet und festgehalten.

„Es ist kein Wunder, dass manche Leute Angst bekommen. Das ist einfach nur menschlich.“ – Irina

Aber nicht nur die russische Regierung macht die Arbeit von NGOs schwerer, sondern auch Teile der Zivilbevölkerung. Das zeigte sich vor Kurzem in der südrussischen Stadt Krasnodar, in der eine Gruppe von Greenpeace-Aktivisten*innen von Unbekannten überfallen und brutal verprügelt worden ist. Dabei wollten die Umweltschützer*innen dort nur bei der Löschung der schweren Waldbrände helfen.

Wenn dann manche Leute Angst bekommen und darüber nachdenken, ob sie sich weiter bei Greenpeace engagieren wollen, sei das kein Wunder, sagt Irina. “Das ist einfach nur menschlich.” Man müsse aber auch nicht unbedingt Umweltaktivist*in bei einer NGO sein, um Gutes zu tun. “Wenigstens im Alltag kann jeder auf ein paar grundlegende Dinge achten, das würde schon helfen”, meint sie.

Irina hat nicht vor, bei Greenpeace aufzuhören, dafür gibt ihr das Engagement zu viel. „Ich freue mich am meisten, wenn ich mit den anderen Freiwilligen Aktionen auf die Beine stellen kann, mit denen wir etwas bewirken“, so Irina.
Einmal die Woche treffen sie sich im Greenpeace-Büro in St. Petersburg und reden über aktuelle Themen, Kampagnen und planen Informationsveranstaltungen. „Wenn wir zum Beispiel eine kleine Recycling-Aktion starten wollen, planen wir gemeinsam alle notwendigen Schritte“, erklärt Irina. „Wie sollen die Flyer und Plakate aussehen? Was für eine Strategie verfolgen wir in den sozialen Medien? Wann und wo wollen wir protestieren?“ Bei kleineren Aktionen gibt es wenig zu befürchten. Doch größere Aktionen, etwa die in Krasnodar oder Proteste gegen Ölbohrungen russischer Konzerne wie Gazprom in der Arktis, können gefährlich für die Aktivistin*innen werden.

“Vielleicht denken manche, wir seien verbissen bei Greenpeace und reden nur darüber, wie wir die Welt verbessern können – aber so läuft das nicht bei uns. Wir haben zusammen immer viel Spaß und unternehmen auch als Freunde etwas gemeinsam.” Trotz aller Probleme würden sich die Aktivisten*innen russlandweit mit anderen Greenpeace Aktivisten*innen vernetzen, und es sei schön zu wissen, dass diese Zusammenarbeit problemlos klappt. Zusammen planen sie unterschiedliche Aktionen, die sie auf ihrem Instagram-Account zeigen. „Und oft ergeben sich daraus auch neue Freundschaften”, sagt Irina.


Die Versuche der russischen Regierung, NGOs unter staatliche Kontrolle zu bringen, bedrohen die Existenz zahlreicher kritischer und unabhängiger Organisationen in Russland. 2015 ist in Russland sogar ein Gesetz in Kraft getreten, das erlaubt, ausländische NGOs zu verbieten. Human Rights Watch und Amnesty International kritisierten die Maßnahme und teilten mit, „das drakonische Vorgehen ist ein weiterer Schritt normales Leben aus der Zivilgesellschaft zu drängen“.

Außerdem auf ze.tt