Safer Use: So kriegst du raus, ob deine Drogen okay sind

Seit einigen Jahren entwickeln wir immer mehr Bewusstsein im Konsum. Sobald es jedoch um Drogen und Substanzkonsum geht, sind Konditionen und Qualität der Ware plötzlich egal.

Der Infostand von checkit! © checkit! – Suchthilfe Wien gGmbH

Wir kaufen Möhren beim Bio-Kreisler, pflegen unsere Haut mit veganen Produkten, sprühen Deo ohne Aluminium unter unsere Achseln, lassen uns von Lifestylebloggern erklären, warum wir kein Shampoo verwenden sollten und brühen Fairtrade-Kaffee mit Sojamilch. Bei Drogen ist uns das egal. Sollte es aber nicht.

Der Rausch gehört zum Leben

Natürlich wäre es am besten, einfach ganz auf Drogen zu verzichten. Studien zeigen aber, dass einige junge Menschen Substanzen gelegentlich konsumieren oder zumindest ausprobieren wollen. Laut dem Europäischen Drogenreport 2016 haben 16,6 Millionen junge Europäer*innen (13,3 Prozent) zwischen 15 und 34 Jahren in den letzten zwölf Monaten Cannabis, 2,1 Millionen MDMA und 2,4 Millionen Kokain konsumiert — um nur ein paar Zahlen zu nennen.

Kokain ist nach wie vor das am häufigsten konsumierte Stimulans in Europa. Die Ausbeutung bei der Herstellung, ein Import mit einem CO2-Fußabdruck wie nach einer Weltreise, sowie haufenweise unerforschte und gesundheitsschädliche Streckmittel, bleiben selbst bei konsumbewussten Menschen auf der Strecke oder werden ignoriert. Diese Doppelmoral wird gerade bei Diskussionen wie „ist Koks nun vegan oder nicht“ besonders offensichtlich. Darum ist es an der Zeit, sich mit den Substanzen, die wir nehmen oder nehmen wollen, einmal auseinanderzusetzen.

Karl Kociper ist 37 Jahre alt und Leiter der Einrichtung checkit!. Die Einrichtung betreibt seit bald 20 Jahren Drug Checking und Beratung in Clubs. Wir haben Karl Kociper um einige Tipps gebeten. Worauf solltet ihr achten und was besser lassen?

Informiert euch

Der wichtigste Tipp des Experten liegt eigentlich auf der Hand: Setzt euch mit der Substanz auseinander, die ihr nehmen wollt. Fragt euch: Wie funktioniert die Substanz? Was macht sie im Körper? Wie beeinflusst sie das Gehirn? Bei bereits verbreiteten Substanzen gibt es auch wissenschaftliche Forschungen: „Wir stellen Studien und Ergebnisse auf unsere Seite und informieren sowohl über die erwünschten, als auch die negativen Folgen des Konsums“, so Kociper.

Nutzt das Drug Checking, wenn möglich

In Wien bietet checkit! mindestens einmal im Monat Drug Checking in Clubs an. Wer eine Substanz testen will, kann dort etwas von seinem Pulver (oder Abgeschabtes von seiner Pille) in einem kleinen Röhrchen abgeben. Die Abgabe erfolgt in einem Zelt im Club und ist anonym. Anschließend läuft die Probe durch einen Hochleistungsflüssigkeitschromatographen. Im Hintergrund werden die Ergebnisse mit einer Datenbank abgeglichen. Am Ende spuckt das Gerät eine Kurve aus, anhand der die Chemiker bestimmen können, welche Substanzen in welcher Dosierung in der Probe enthalten sind. Das Ergebnis wird nach maximal 45 Minuten auf eine Wand im Club gepinnt. Die Tests sollen möglichst schnell gehen, da die meisten Besucher ihre Substanz noch konsumieren wollen und sie ihr Risiko nur einschätzen können, wenn sie über den Inhalt Bescheid wissen. Dieser wird ihnen von Beratern vor Ort erklärt.

Der Hochleistungsflüssigkeitschromatograph

Eine ähnliche Initiative wie checkit! gibt es auch in der Schweiz. In Deutschland hingegen existiere laut des Experten derzeit leider kein offizielles Drug Checking: „Anfang der 1990er-Jahre gab es eine Initiative in Berlin, die wurde aber abgedreht.“ Derzeit fehle scheinbar der politische Wille eine derartige Initiative umzusetzen. Das sei schade, so Kociper.

Die Ergebniswand

Selbsttest nach Ausschlussverfahren

Wenn ihr keine Möglichkeit zum Drug Checking habt, gibt es noch die Möglichkeit des Farb-Reaktionstests. „Wenn man eine bestimmte Flüssigkeit zum Beispiel auf MDMA tropft, sollte sich die Farbe in lila bis schwarz verändern. Wenn es das tut, heißt das aber nicht automatisch, dass es auch MDMA ist, sondern es kann sich genauso um eine chemisch verwandte Substanz handeln.“ Diese Flüssigkeit würde meist mit dem Argument verkauft, man könne herausfinden, was genau in der Droge enthalten sei. Dem ist aber nicht so, darum solle man sich nicht in falscher Sicherheit wiegen, betont der Experte.

Streckmittel erkennen

So gut wie alle Drogen sind heute gestreckt. Kokain wird beispielsweise bereits in den Herstellungsländern in Südamerika gestreckt und oftmals durch den Dealer noch ein weiteres Mal. „Schmerzmittel und andere Medikamente werden dabei zum Kokain gemischt. Problematisch ist beim Strecken vor allem, dass niemand weiß, wie die Substanzen in Kombination zueinander wirken.“ Auch das Entwurmungsmittel Levamisol, Lokalanästhetika und Koffeinpulver seien zum Strecken beliebt.

Nicht nur Pillen oder Pulver, sondern auch Cannabis werde gestreckt oder mit Mitteln behandelt. „Oft wird Gras mit Haarspray eingesprüht, damit es harziger wirkt und teurer verkauft werden kann.“ Wie sich gerauchtes Haarspray auf den Körper auswirkt, ist fraglich. Der Hanfverband hat sich darum auf seiner Seite mit Streckmitteln und dessen genauen Charakteristika auseinandergesetzt.

Dosiert so gering, wie möglich

„Weniger ist bei Drogen auf jeden Fall mehr“, erklärt mir Kociper und muss selbst über die zweideutige Aussage etwas schmunzeln. Ganz generell empfiehlt er aber beim Erstkontakt mit einer Substanz immer eine möglichst geringe Dosierung. „Zuerst sollte man einmal spüren, wie der eigene Körper auf die Substanz reagiert. Bei jedem Menschen können Substanzen anders wirken.“

Zudem beobachtet checkit! seit geraumer Zeit eine ungewöhnlich hohe Dosierung bei Ecstasy Pillen. „Wir sehen das beinahe jedes Wochenende bei unseren Tests. Derzeit sind sehr hochdosierte Pillen im Umlauf, was natürlich ein Zusatzrisiko ist.“ Auch bei fehlender Wirkung nachzuwerfen sei riskant, da manche Substanzen erst verspätet wirken und besonders toxisch für den Körper sind, wie zum Beispiel Paramethoxyamphetamin (PMA).

Der Drogenmarkt ist dynamisch

„Die Nachfrage wird immer bedient“ ist eine Regel, die den Drogenmarkt bestimmt. Ist eine Zutat für die Hersteller gerade schwer verfügbar, wird sie einfach durch eine andere ersetzt. Auch die Qualität der einzelnen Substanzen ist dynamisch: „Wie schon erwähnt, sind derzeit viele Ecstasy Pillen mit hohem MDMA-Gehalt erhältlich, das kann sich aber morgen oder im nächsten Monat schon wieder ändern.“

Preis ist kein Indikator für Qualität

Kociper’s Lieblingsbeispiel dafür, dass der Preis einer Droge nur wenig über die Qualität aussagt, ist Kokain: „Wenn sich jemand Kokain auf der Straße kauft, kostet es einen Bruchteil dessen, was es in einem Club kostet. Die Zusammensetzung ist aber meist dieselbe.“

Abhängigkeit fällt nicht vom Himmel

Der Konsum von Substanzen kann abhängig machen, muss er aber nicht. „Ich glaube, es ist sinnlos, den Menschen Angst zu machen und sie mit erhobenem Zeigefinger zu ermahnen. Eine Abhängigkeit fällt nicht einfach so vom Himmel“, so der Experte. Ein Ziel von checkit! ist es, problematischen Konsum zu verhindern.

Problematischer Konsum beginne dann, wenn eine Substanz eine wichtige Rolle oder Funktion im Leben eines Menschen einnimmt. „Wenn man merkt, dass Weggehen ohne Substanzkonsum—das kann übrigens auch Alkohol sein—keinen Spaß mehr macht, kann es dazu führen, dass man immer wieder konsumiert, nur um Spaß zu haben oder die Nacht durchtanzen zu können. Das wiederum kann eine Vorstufe zu einer Abhängigkeit sein. Wenn jemand abhängig ist, hat er oder sie aktuell keine Wahl mehr.“

Vergesst niemals: in euren Pillen kann alles sein

Im Grunde kann in einer Substanz alles enthalten sein, das dürfen wir niemals vergessen. „Kollegen einer Organisation haben einmal eine Probe analysiert, die als Ecstasy Pille abgegeben wurde. Bei der Analyse stellte sich dann heraus, dass sie keinen Funken Ecstasy enthielt, sondern einfach eine blaue Kugel aus so einem Geschirrspüler-Tab war“, erzählt Kociper.