Schluss mit Ü30-Diskriminierung!

Mir reicht’s. Für Work and Travel darf man nicht älter sein als maximal 35. Auf bestimmten Konferenzen darf man keine Workshops geben, wenn man über 30 ist. Und wehe, man wagt es, sich mit fast 40 die Haare rosa zu färben. 

Alte Damen

Alte Mädchen, ready to rock. © time/ Photocase

Wieso sperren wir Menschen über 30 zum Feiern in einen eigenen Club, der von anderen weiträumig gemieden wird? Damit sie ungeniert ihre Hängebrüste und cellulitefleischbehangenen Winkearme zu „I Will Survive“ schlackern lassen, ihre in Spandex gepressten Dadbodys unrhythmisch schütteln und sich gegenseitig die Altersflecken ablecken können, ohne dabei makellosen Jungspunden den Abend durch unästhetische Peinlichkeit, pseudowitzigen Jugendslang und narkotisierende Vorträge über Riesterrente und Jägerzäune zu verderben?

Jugendwahnsinniger Bockmist

Wir tun so, als müsste Menschen mit ihrem 30., spätestens 35., Geburtstag automatisch eine Funktionsjacke wachsen. Als kreisten ihre Gedanken fortan überwiegend um Bausparvertrag, Freizeitausgleich und Rückenschule. Als umwehe sie ein dezenter Hauch von Eau de Verfall. Als wären sie weder geistig, erst recht jedoch optisch nicht mehr zumutbar. Well… nope.

[Außerdem auf ze.tt: Die Verwandlung einer 80-jährigen Omi zur Sex-Bombe]

Das innere Alter zählt

Mal ehrlich: Ich habe schon Zwanzigjährige mit Krähenfüßen, Winkearmen und der Mentalität von Sparkassenpensionären getroffen. Und davon mal abgesehen, dass diese Gesellschaft zweifelsohne ein zutiefst gestörtes Verhältnis zu Äußerlichkeiten und Attraktivität hat und jede*r mit soviel Fleisch an den Armen winken darf, wie er*sie mag, halte ich das innere Alter für entscheidend. Agilität, Neugier und Offenheit sind ebenso wenig ans Geburtsjahr gebunden, wie die Fähigkeit, fesselnde Workshops zu geben oder ein Tablett mit Sambucca zu vernichten und anschließend unfallfrei auf der Theke Salma Hayek in „After Dark“ zu channeln. (Nur der anschließende Kater ist garstiger, aber das ist eine andere Sache.)

[Außerdem auf ze.tt: Wie würdest du dein Alter beschreiben, ohne eine Zahl zu nennen?]

Diese gesellschaftlich gefühlte Altersdiskriminierung wird übrigens mit jedem Jahrzehnt schlimmer: Je älter wir werden, desto weniger dürfen wir. Ü40, Ü50, Ü60 … Wir sollen uns gefälligst zunehmend altersgerecht benehmen – gesetzt, vernünftig und angemessen eingerostet. Steril und seriös. Fernsehgartentauglich! Schnabeltassig! Und uns um Himmels willen auch bitte schön so kleiden. Bis irgendwann nur noch Faltenrock und Rentnerblouson als akzeptabel gelten.

Vergesst es.

Es geht auch anders

In Brasilien zum Beispiel feiern Jung und Alt zusammen. Niemand, wirklich niemand, lüpft pikiert die nachgestrichelte, berlineske Monobraue, wenn Menschen mit Lebensalter und Kleidergröße 42+ in Shorts und bauchfreien Spitzenshirts mit Freund*innen, Kindern und Enkel*innen twerken. Oder sich tätowieren lassen. Oder ein Geschäft eröffnen. Ja, man käme dort nicht einmal auf die Idee, daran irgendetwas auch nur im Geringsten merkwürdig zu finden.

Genau so sollte es sein.

Und falls jetzt irgendwelche inneren Fensterrentner ihren Pöbelreflex nicht unterdrücken können und nölen: „Dann wander doch aus, du neurotische, naive Schreckschraube!“ kann ich nur sagen: Aber ja! Aber gerne doch! Ich werde nächstes Jahr 40 und wer weiß? Vielleicht schreibe ich euch dann sogar einen altersungerechten, gepfefferten Antwortkommentar auf eine Postkarte, wie früher.

Und jetzt entschuldigt mich bitte. Mein Winkearm hat sich beim Schreiben wundgewabbelt.