Schmuckstücke: Wie Häkeln und Integration zusammenkommen

Im Designerladen „Rita in Palma“ in Berlin-Neukölln gibt es nicht nur hübschen Schmuck. Das Geschäft ist gleichzeitig ein Integrationsprojekt.

Während im Hintergrund türkisches Radio läuft, sitzt Shabana, 38, in dem Designerladen „Rita in Palma“ und knüpft konzentriert an feinen Armbändchen. Die Pakistani lebt seit 20 Jahren in Deutschland, die ersten 15 Jahre hat sie allerdings nicht viel von ihrer Wahlheimat gesehen: Die meiste Zeit verbrachte sie in einer Wohnung in Frankfurt. Sie ging kaum raus, kümmerte sich jeden Tag um den Haushalt und sorgte sich um ihren Sohn, während ihr Mann arbeitete.

Nach 15 Jahren Isolation entschied Shabana sich dazu, diesem Leben und ihrer Familie den Rücken zuzukehren. Sie beantragte die Scheidung und zog alleine nach Berlin. Dort besuchte sie einen Deutschkurs und kam mit der deutschen Kultur in Kontakt, die ihr bis dahin fremd geblieben war.

Dass sich Shabana immer mehr integriert, ist auch einem kleinen Designerladen in Berlin-Neukölln zu verdanken. Seit Mai arbeitet Shabana bei „Rita in Palma“, absolviert eine Lehre und verdient das erste Mal in ihrem Leben eigenes Geld. „Die Arbeit macht mir Spaß, ich bin gerne hier. Zuhause ist es wirklich langweilig“, sagt sie.

Ihr Job ist es, zu häkeln. Fünf Stunden am Tag. Shabana ist eine von vielen Frauen mit Migrationshintergrund, der Ann-Kathrin Carstensen einen Job und Anerkennung gibt. Die junge Frau Mitte Dreißig trägt eine schlichte blaue Bluse und auffällige Ohrringe in Form einer Blume: groß und schwarz-glitzernd berühren sie fast ihre Schultern. Sie sind selbstgemacht, hier im Laden, von einer der Mitarbeiterinnen, die gerade bei Chai-Tee in der Runde sitzen und mit Faden und Nadel Krägen, Schals, Ketten und andere Schmuckstücke herstellen.

Vom Mode-Label zur Integrationsarbeit

Ann-Kathrin Carstensen ist die Geschäftsführerin von „Rita in Palma“. Wir setzen uns in die Werkstatt im Hinterzimmer des Ladens, das eher einer Wohngemeinschaft gleicht. In der Küche nebenan schenkt mir eine Mitarbeiterinnen Tee ein. Dann fängt Ann-Kathrin an zu erzählen. 2009 gründete sie mit ihrer damaligen Kommilitonin Ana-Nuria Schmidt, beide Diplom-Designerinnen, das Label „Rita in Palma„. Ihre Idee: außergewöhnlicher Schmuck mit Häckel-Elementen. Das Problem: Beide Mode-Studierenden beherrschten das Häkel-Handwerk nicht gut genug.

Zum Glück kamen die beiden damals auf die zündende Idee: Die Häkelei ist tief in der türkischen Tradition verankert. Wer sollte da besser für die Herstellung von Häkel-Schmuck sein, als türkisch-stämmige Frauen, die das Handwerk von klein auf erlernten?  „In meinem Studium entwarf ich schon mal eine Arbeit mit Häkel-Elementen, die ich von meiner griechischen Ziehmutter kannte. Daher wusste ich auch, dass die Häkelei in der Türkei zu den Mitgiften der Frauen gehört“, erzählt Ann-Kathrin, die seit 2012 den Laden als Einzelunternehmerin führt.

Doch die anfängliche Suche nach Mitarbeiterinnen gestaltete sich komplizierter als vermutet: Auf die Flugblätter, welche die Designerinnen in türkische Bäckereien auslegten, kamen keine Rückmeldungen. Erst in Zusammenarbeit mit Kiez-Vereinen knüpften die Designerinnen Kontakte mit türkischen Frauen, die sie für ihr Projekt gewannen. Diese Frauen haben in der Regel noch nie einen festen Arbeitsplatz, geschweige denn feste Einnahmen gehabt.

Häkelei meets Integrationskurse

Mit der Zeit entpuppte sich das starke Bedürfnis nach mehr Zusammenarbeit und Unterstützung. So entstand die Idee, den Frauen mehr als nur einen Job zu geben. Sie sollten durch die professionelle Häkelei und Integrationskurse im Laden einen Zugang in den Arbeitsmarkt, in die deutsche Kultur und in ein unabhängiges Leben bekommen. Ann-Kathrin Carstensen entschied sich dazu, ihre Mode mit Integrationsarbeit zu verbinden.

Anfangs waren es ein bis drei Frauen, die gemeinsam zuhause die Häkel-Entwürfe umsetzten. Mittlerweile beschäftigt Ann-Kathrin zwölf Frauen in ihrem Ladenlokal und „es kommen stetig welche dazu. Das Projekt spricht sich in der Community schnell rum. Vier der zwölf Frauen sind hier fest angestellt, der Rest wird vom Jobcenter als Minijob finanziert oder arbeitet selbstständig“, erklärt Ann-Kathrin.

2012 folgte dann der nächste große Schritt für Ann-Kathrin und ihr Label: die Gründung des gemeinnützigen Vereins „Von Meisterhand – Verein für Integration, Bildung und Kunsthandwerk„, welcher sich neben dem Unternehmen vollkommen der Integration und Unterstützung der Frauen widmet. „Mit dem Verein kann ich die zwischenmenschliche Arbeit umsetzen, die im Rahmen des Labels nicht möglich sind. Wir bieten Sprachkurse, Sportkurse und Design-Ausbildungen an, die hier im Laden stattfinden. Zudem helfen wir den Frauen bei bürokratischer Arbeit, Behördengängen und führen sie in die deutsche Kultur und Politik ein. Dabei stehen wir uns natürlich auch sehr nahe und sind freundschaftlich für uns da.“ Im Geschäft soll Integration auf Augenhöhe passieren. „Die Frauen helfen sich mittlerweile auch gegenseitig“, sagt Ann-Kathrin.

Mehr als nur ein Mode-Label

Bisher waren die Häklerinnen meist türkischstämmig, doch seit 2016 kommen auch zunehmend andere Nationen dazu, vorwiegend Frauen aus Syrien oder Pakistan. Die meisten stammen aus traditionell geprägten Familienstrukturen, leisteten bisher immer Fürsorgearbeit und waren das Arbeiten in einem Unternehmen nicht gewohnt. Hier, bei „Rita in Palma“, werden die in den Arbeitsalltag eingeführt und erfahren eine Menge Wertschätzung für ihr Handwerk – nicht nur finanziell.

Auch Fethiye, 45, aus der Türkei arbeitet bei Rita in Palma. Sie übernimmt gerne die Arbeit als Dolmetscherin, damit auch Shabana sich mit den Türkinnen unterhalten kann, die noch nicht gut Deutsch sprechen. Sie ist seit 43 Jahren in Deutschland und seit einem halben Jahr bei Ann-Kathrin im Laden. Ihr zuständiger Sachbearbeiter im Jobcenter vermittelte ihr den Arbeitsplatz beim Häkel-Label. Sie hat sich sehr gut eingelebt und vertritt Ann-Katrin, wenn sie mal nicht vor Ort sein kann.

Oft kommen auch junge Leute in den Laden. Wie zum Beispiel Cansu, 25. Sie absolvierte hier Anfang des Jahres ein dreimonatiges Praktikum im Rahmen ihrer Ausbildung als Produktdesign-Assistentin. Mittlerweile kommt sie stundenweise vorbei und hilft beim Häkeln. „Ich konnte bei Ann-Kathrin im Laden sehr viele Erfahrung sammeln. Zudem fühle mich darin bestätigt, mit einer richtigen Designerin zusammenzuarbeiten. Das Konzept von Mode und Integration ist einfach klasse!“

Schulterklopfen reicht nicht

Trotz allem Zuspruch und Lob von Außen – 2012 überreichte ihr sogar die Bundeskanzlerin den Sonderpreis des Startsocial Awards im Bundeskanzleramt – fehlt es Ann-Kathrin immer wieder an finanzieller Unterstützung, damit sie die Frauen und das Label gleichermaßen fördern kann. „Das Schulterklopfen reicht nicht“, sagt Ann-Kathrin. Aufgeben kommt für sie jedoch nicht in Frage.