Schon lange hat mich nichts mehr so wütend gemacht wie „Tekken 7“

Das aktuelle Kampfspiel konfrontierte mich mit einer Emotion, die schon lange kein Medium in mir hervorrufen konnte: Jähzorn. Das hatte auch etwas befreiendes.

Der Gegner ist so gnädig und gibt mir das Gefühl, ich könne gar nichts. © Bandai Namco Games

Unser Autor ist seit mehr als 15 Jahren leidenschaftlicher Gamer. In unserer neuen Kolumne „Gefühlsgelaber über Games“, die unserem gleichnamigen Podcast entspringt, beschäftigt er sich regelmäßig damit, wie Spiele uns mitreißen können – und wie diese virtuellen Welten uns auch in der Realität beeinflussen können. Der folgende Text ist spoilerfrei.

Es gibt nicht viele Momente im Alltag, die mich in völliger Verzweiflung ausrasten lassen. Im Straßenverkehr kam das schon das ein oder andere Mal vor. Wem geht nicht der mentale Mittelfinger hoch, wenn er*sie auf der Autobahn penetrant genötigt wird, die Spur zu wechseln?

Ansonsten kann ich ganz schlecht mit Diskriminierung umgehen oder damit, wenn Menschen ihre persönlichen Befindlichkeiten über alles stellen und sich komplett rücksichtslos verhalten. Vielleicht lässt sich das so ganz gut zusammenfassen: Wenn es unverhältnismäßig oder unfair wird, sehe ich rot. Aber meistens fresse ich meine Wut über solche Dinge in mich hinein. Ich platze nicht, ich implodiere.

Bei Videospielen sah das zumindest in der Vergangenheit schon mal anders aus. Da bin ich als junger Hüpfer schon ein paar Mal richtig beherzt ausgeflippt. Das volle Programm, so richtig mit Toben und Rumschreien. Kürzlich passierte mir das mal wieder, als Erwachsener. Und so absurd das klingt: Ich schäme mich nicht dafür.

„Das ist so unfair. So unfair. Oh Gott, das ist so unfair.“

Ich saß also, wie so oft, auf meinem Gamingsessel und kämpfte seit geschlagenen vierzig Minuten gegen den leibhaftigen Teufel, der gleichzeitig mein Sohn war – fragt nicht. Dieser Scheißkerl war einfach nicht zu besiegen. Um das gleich richtig zu stellen: Es ging um alles. Um das Wohl der Welt. Um die Familienehre. Um meine Ehre. Aber mein Gegner war zu schnell, zu stark, packte ständig Spezialangriffe aus. Erst erstaunte mich das noch.

Die Tekken-Reihe, von der kürzlich ein siebter Teil erschien, lässt mich als Spieler in die Haut eines Kämpfenden schlüpfen dann gegen verschiedene Gegner*innen antreten. In der Szene nennt man dieses Genre Beat’em up oder auch ganz simpel Prügler. So realistisch wie klassischer Kampfsport ist das nicht, Figuren können schon mal Energiestrahlen aus der Hand schießen. Seinen Ursprung hatte das Konzept in asiatischen Spielhallen, bevor es auch auf den Heimkonsolen beliebt wurde. Die meisten Menschen dürften zumindest schon mal von Street Fighter oder Mortal Kombat gehört haben. Über den Kämpfenden ist ein Lebensbalken zu sehen, der sich bei jedem erfolgreichen Schlag weiter leert. Gewonnen hat, wer am Ende noch Lebensenergie übrig hat.

Tekken 7 hat neben dem sogenannten Arcade-Modus, wo man sich einfach nur mit dem Computer kloppt, auch einen etwa vierstündigen Storymodus mit einer herrlich bizarren Handlung. Beim oben erwähnten Endgegnerkampf sind Spieler*innen mit einem Handicap konfrontiert: In der allerletzten Runde wird einerseits der Gegner unfassbar stark und andererseits haben sie nur ein Drittel ihrer Lebensenergie für den Kampf. „What the fuck“, schwoll es aus mir heraus, während ich dasaß und verzweifelte.

Natürlich versagte ich. Und ich versagte wieder, um dem Sieg beim nächsten Versuch endlich etwas näher zu kommen – und dann wieder zu versagen. Zehnmal, zwanzigmal. Ich versagte einfach laufend. Neuer Versuch, besiegt. Wieder neuer Versuch, besiegt. Das Spiel hat mich kalt erwischt und massierte genüsslich meine Frustrationsresistenz aus mir heraus.

Währenddessen wurde natürlich auch der Controller in meinen schwitzigen Händen zum Feind. Also schmetterte ich das Arschloch irgendwann laut fluchend aus der Hand auf den Boden. Er war schließlich schuld an allem. Ein bisschen so wie beim Fußball, wo wahlweise der Ball oder die Rasenbeschaffenheit oder der*die Schiedsrichter*in schuld ist, wenn das favorisierte Team verliert. Sagt mir nicht, ihr könntet gleichzeitig wütend und rational sein. Sagt mir nicht, es würde nicht gut tun, ab und an einen Schrei rauszulassen.

Manchmal, da muss man irrational handeln

Es kann befreiend sein, sich endlich einmal so richtig schön affektiv zu verhalten. Und wenn es nur der Fernseher ist, den man da anpflaumt. Nach meinem Jähzornsanfall fühlte ich mich sofort besser. Auch weil der Controller heilgeblieben war, glücklicherweise.

Manchmal ist das Zocken wie eine Wutprobe. Eine Gefühlsachterbahn. Mich erinnert das an diese Momente im Leben, in denen einem die richtigen Worte fehlen. In denen man gefühlt nur das Falsche sagt und tut und partout nicht weiß, was es braucht, um das Problem zu lösen. Man hängt fest. Bis es eben zu viel wird. Bis die Wut hochkommt, man sich endlich von störenden Alltagsgedanken löst und sich dann mit aller Energie an dem Problem festbeißt, um es aus der Welt zu schaffen. Beim Sport gibt es das auch, das vollständige Fokussieren auf die Aufgabe.

Beim Zocken löst man, während man Rätsel ausknobelt oder in schwierigen Passagen steckt, quasi andauernd Probleme. Oft sind diese strunzdoof, banal und im Halbschlaf zu lösen. Manchmal sind sie aber auch verdammt fordernd. Es ist vielleicht nur ein Gefühl, aber früher, noch vor etwa zehn Jahren, da waren viele Spiele grundsätzlich schwerer zu meistern, als sie es heute sind. Da musste man sich Techniken aneignen, wie in Tekken Tastenkombinationen auswendig lernen, das System hinter dem Spiel verstehen. Denn natürlich war das Spiel nicht unfair: Ich war bisher einfach nur unfähig, mir das anzueignen, was es brauchte, um es zu meistern.

Deswegen schätze ich Kampfspiele, speziell die Tekken-Reihe auch so sehr: Wer erfolgreich sein will, muss lernen, wie das Spiel funktioniert. Welche Attacken abgewehrt, welche Spezialangriffe wann ausgeführt, welche Ausweichmanöver wann angebracht sind. In diese Spiele muss man sich noch richtig hineinfuchsen. Sie lassen einen leiden, aber belohnen einen, wenn man sich Mühe gibt. Wie das Leben eben.

Ich habe den Endgegner dann übrigens noch besiegen können und meine Frusttoleranz ist wieder ein Stück gewachsen. Aber dem nächsten rücksichtslosen Menschen, der mich wütend macht, dem werde ich einfach mal ganz irrational sagen, wie sehr er mir auf den Sack geht.


Ihr Gamingfans, welches Spiel hat euch zuletzt berührt, bewegt, mitgerissen oder stundenlang vor den Bildschirm gefesselt? Schreibt mir eure Erfahrungen gerne an gamesgelaber@ze.tt. Hier findet ihr weitere Texte der Kolumne.

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