Schon Mädchen glauben, dass sexuelle Belästigung ganz normal ist

Wie denken Kinder und Jugendliche über sexuelle Belästigung? Die Ergebnisse verschiedener Studien dazu sind erschreckend. Was das für Lehrer und Eltern bedeutet.

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Studien zeigen, dass Jugendliche sich bei sexueller Belästigung selten Hilfe holen. © photocase.com/SHipskyy

Ja, eine Änderung des aktuellen Sexualstrafrechts ist wichtig: Es muss ausreichen, dass eine Person nein gesagt hat, damit ein Gericht feststellen kann, es war Vergewaltigung. Aber das Sexualstrafrecht steht am Ende einer Kultur, die erst möglich macht, dass sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung 2016 nach wie vor massive Probleme bleiben, mit denen die meisten Mädchen und Frauen im Laufe ihres Lebens Erfahrungen machen – die meisten von ihnen immer wieder.

Im Sommer ist das in der Regel heftiger als zu anderen Jahreszeiten. Wer sich im Sommerkleid auf der Straße bewegt, wird irgendwann müde, auf die „Na Süße!“-, „Schlampe!“- oder „Ficken?“-Sprüche zu reagieren. Man stumpft ab. Der Alltag, in dem man als Frau ständig auf Äußerlichkeit und Fickbarkeit herabgesetzt wird, wird als Normalität erlebt. Dabei sollte das genaue Gegenteil der Alltag sein: einer, in dem es egal ist, wie jemand aussieht, ob ein Mädchen gerade ein anderes Mädchen küsst und in dem kein Mann oder Junge auf die Idee kommt, einer Frau mitzuteilen, ob er gern mit ihr schlafen würde. Dieser Alltag ist krank – und er ist schädlich.

Denn ja: Es macht etwas mit dem eigenen Selbstbewusstsein, wenn du immer und immer wieder über Jahre und von allen möglichen Personen – seien es Fremde oder Menschen, die dir näher stehen – auf deine Sexualität und deinen Körper reduziert wirst. Man vergisst, dass man ja so viel mehr ist als diese äußere Hülle. Unsere sexualisierte und herablassende Kultur gegenüber Frauen verursacht kollektive Schäden am Selbstwertgefühl von Frauen und Mädchen – und das hat Folgen für das, was sie für sich selbst und gesellschaftlich erreichen können. Denn wenn ich mich wieder einmal darüber ärgere, dass ich als Schlampe bezeichnet wurde, wenn ich jemanden in der S-Bahn wegschubsen muss, weil er zu nah kam, wenn ich beim Joggen im Park Angst habe, dann kann ich mich in diesem Moment nicht auf das einlassen, was mir wichtig ist: einen schönen Gedanken, eine kluge Idee, einen Traum. Sexuelle Belästigung raubt Lebenszeit.

Wir dürfen das nicht tolerieren

Wir sprechen von Terror, wenn Menschen sich nicht mehr an lieb gewonnene Orte trauen, weil sie vor Anschlägen Angst haben. Ich traue mich nicht mehr, in der Abenddämmerung zu joggen. Die Angst vor sexualisierter Gewalt schränkt mein Leben ein, ich ziehe aktiv Konsequenzen, um mich zu schützen. Ich bin nicht mehr frei. Wie sollen wir diesen Zustand nennen?

Wir können ansetzen, eine Gesellschaft zu ermöglichen, in der sexuelle Belästigung und Gewalt gegen Mädchen und Frauen nicht die Norm sind, indem wir schon Kindern beibringen, dass ihr Alltag so nicht sein darf. Dass sie sexuelle Belästigung nicht ausüben und nicht tolerieren dürfen. Dass sie sich trauen können, sich an Bezugspersonen zu wenden – und dass sie dann Hilfe und Unterstützung bekommen, und keinen Ärger, keine Maßregelung dahingehend, wie sie denn angezogen waren, keine Kommentare dazu, dass sie sich etwa falsch verhalten hätten. Nein. Wer sexuell belästigt wird oder Gewalt erfährt, trägt keine Schuld. Wir müssen diesen Mythos schon bei Kindern durchbrechen.

“An 8th-grade guy passed by me and said, really softly, ‘What’s up, sexy?’ and then kept on walking. It really creeped me out.”

Eine Studie der American Association of University Women (AAUW) hat aber gezeigt, dass schon Kinder beginnen die frauenfeindlichen Mythen unserer Kultur zu verinnerlichen. Sie geben sich selbst die Schuld oder den Mädchen, die belästigt werden.

In der Studie „Crossing the Line: Sexual Harassment at School“ (2011) wurden knapp 2.000 Schülerinnen und Schüler in den Jahrgangsstufen sieben bis 12 befragt und die Ergebnisse sind erschüttern:

– Beinahe die Hälfte (48 Prozent) der befragten Kinder und Teenager hatten bereits sexuelle Belästigung erlebt.

– 87 Prozent von ihnen sagten, es hatte einen negativen Effekt auf sie.

– Zu den Belästigungen zählten sexualisierte Witze, Kommentare und Gesten, physische Angriffe und auch Belästigung über Onlinemedien.

– Mädchen erfahren häufiger Belästigung (56 vs. 40 Prozent) und Mädchen berichten von heftigeren körperlichen Angriffen als Jungen.

– 18 Prozent der Kinder wurde als „lesbisch“ oder „schwul“ beschimpft

– 33 Prozent der Mädchen gaben an, schon einmal Zeugin von Belästigung gewesen zu sein, die Hälfte wiederum hat so etwas schon mehr als einmal beobachtet.

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Hinzu kommt, dass die Kinder und Teenager nur selten mit erwachsenen Vertrauenspersonen darüber reden. Nur 12 Prozent der Mädchen und 5 Prozent der Jungen wandten sich an Lehrerin oder Lehrer, 27 Prozent sprachen mit Familienmitgliedern (Eltern oder Geschwister) und 23 Prozent mit Freundinnen oder Freunden darüber. 50 Prozent der Befragten sagten jedoch, dass sie nach dem Vorfall überhaupt nichts unternommen haben.

So reagieren Kinder auf sexuelle Belästigung

Die Folgen sind gravierend – selbst bei Erlebnissen, die innerhalb von Jugendgruppen geschehen. 22 Prozent der Mädchen, die belästigt wurden, sagten, dass sie nach dem Vorfall Schlafprobleme hatten und 37 Prozent wollen danach nicht mehr zur Schule gehen. In einer anderen Studie konnte ein Forschungsteam nachweisen, dass diese Erlebnisse Einfluss auf die Leistungsfähigkeit hatten und sich in größeren Fehlzeiten niederschlugen.

Die Soziologin Heather R. Hlavka hat in einer weitergehenden Studie untersucht, inwiefern Mädchen sexuelle Belästigung und Gewalt als normal empfinden. Ihre Ergebnisse von „Normalizing Sexual Violence: Young Women Account for Harassment and Abuse“ legen dar, dass diese Erlebnisse von Mädchen als normal charakterisiert werden und sie verinnerlichen, „dass Jungs einfach so sind“ und sich nicht kontrollieren könnten. Die Erfahrung, dass ihnen nicht geglaubt wird, machen die Mädchen schon untereinander: Ihre Klassenkameradinnen oder Freundinnen glaubten ihnen nicht oder bestrafen sie durch Gerüchte und Verleumdung, erklärt Hlavka. So entwickeln Mädchen ihr Schweigen über Erlebnisse als Schutzmechanismus.

„So, while over three decades of feminist research and activism has challenged rape myths and gender stereotypes, seeking to empower girls and women to name the injustices done to them, my research shows that there is very little incentive for young women to name or to tell anyone about their experiences of abuse.“

Hlavka kritisiert, dass schon sehr junge Mädchen wahrnehmen, dass sie sich mit ihren Erfahrungen an niemanden wenden können, weil sie bereits negative Erfahrungen gemacht haben, wenn sie sich anvertrauen, oder genau das befürchten. Gina-Lisa Lohfink sagt rückblickend auf ihre Erfahrungen: „Ich würde mich jetzt auch nicht mehr trauen [zur Polizei zu gehen].“ Dass Mädchen annehmen, dass sie von Autoritätspersonen und Institutionen keine Unterstützung erhalten werden, solle insbesondere Gesetzgeber und Lehrpersonal sehr besorgt machen, so auch die Forscherin.

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Was können Eltern, Bezugspersonen und Lehrpersonal also nun tun, damit Kinder und Jugendliche nicht die Einschätzung entwickeln, sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt seien normal? Wie kann man sie unterstützen darin, dass sie sich trauen, darüber zu sprechen und sich Hilfe zu holen?

Was Lehrerinnen und Lehrer tun können

1. Es gibt viele Möglichkeiten, sexueller Belästigung zwischen Kindern und Teenagern vorzubeugen und sie zu beenden. Schülerinnen und Schüler geben an, wenn sie gefragt werden, dass die Diskussionen in der Klasse und Workshops gut finden würden.

2. Lehrer sollten erklären, was sexuelle Belästigung ist, was die Folgen sind und dass Schülerinnen und Schüler, die sie ausüben, mit Konsequenzen rechnen müssen. Sie sollten auch betonen, dass der Versuch lustig zu sein, keine Entschuldigung ist (diesen Grund geben Jugendliche oft an, warum sie andere belästigt haben).

3. Das Lehrpersonal sollte Kindern und Jugendlichen erklären, wie sie mit sexueller Belästigung umgehen können, wenn es ihnen selbst geschieht oder sie einen Vorgang beobachten. An wen sie sich wenden können. Den Schülern und Schülerinnen sollte gesagt werden, dass sie einander helfen und sich füreinander einsetzen sollten, denn in der AAUW-Befragung sagten 50 Prozent der Jugendlichen, dass sie nichts getan haben, nachdem sie sexuelle Belästigung beobachteten. Ziel muss sein, dass sich keine Kultur des Schweigens entwickelt, sondern eine der Unterstützung und Solidarität.

4. Vielleicht verlieren wir das als Erwachsene aus dem Blick: Aber Kinder und Jugendliche wissen nicht unbedingt, dass das, was sie tun, falsch ist und anderen schadet. Die wiederum anderen wissen nicht, dass sie sich mit ihren Erlebnissen an jemanden wenden können und dort auf Verständnis treffen werden. Über sexuelle Belästigung aufzuklären kann dabei helfen, sie auf der einen Seite zu stoppen und auf der anderen dazu ermutigen, sich Unterstützung zu holen.

Was Eltern tun können

1. Zuallererst: Gute Vorbilder sein. Kinder lernen von dem, was ihre Eltern tun. Daher sollte man als Bezugsperson für Kinder und Jugendliche reflektieren, wie man Geschlechterrollen lebt, ob man abfällig über andere redet und sexuelle Belästigung selbst normalisiert.

2. Eltern sind außerdem in der besten Position, ihren Kindern dabei zu helfen, mit Online-Belästigung umzugehen, die häufig außerhalb der Schule stattfindet. Eltern sollten mit ihren Kindern darüber reden, wie man sich im Internet respektvoll zueinander verhält und sie ermutigen, ihnen zu berichten, wenn ihnen etwas Angst macht. Auch hier ist ganz wichtig immer wieder zu vermitteln, dass nicht Fehlverhalten dazu führt, dass ein Kind belästigt wird und es daran keine Schuld trägt.

3. Es gehört auch dazu, dass Eltern die Technologie verstehen, die ihre Kinder nutzen, so dass sie bei Problemen helfen können und auch auf mögliche Risiken hinweisen können. Dazu gehört auch, über den Umgang mit sensiblen Daten, Dialogen oder Fotos zu sprechen und Kinder darauf aufmerksam zu machen, wie schmerzhaft es für andere sein kann, wenn sie dessen Privatsphäre bewusst verletzen. Es darf nicht in erster Linie darum gehen, Kindern vor der Nutzung des Internets Angst zu machen, weil überall Gefahren lauern, sondern ihnen auch zu erklären, dass sie andere Kinder respektvoll behandeln, nicht in Person oder über Onlinemedien mobben und Informationen öffentlich machen, die ihnen weh tun könnten.


Von Teresa Buecker auf EDITION F.

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