Schüsse an Europas Grenzen: Das kann nicht unsere Zukunft sein

Es ist tatsächlich passiert. In der Slowakei und in der Türkei schossen Grenzbeamte auf Geflüchtete. Ich kann nicht fassen, dass es soweit gekommen ist.

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Wollen wir wirklich in einem Europa leben, in dem Waffengewalt gegen Hilfesuchende Normalität ist? © dpa

Im Januar begannen wir, über den „Schießbefehl“ zu sprechen. Die AfD-Chefin Frauke Petry forderte damals, dass Polizisten notfalls an der Grenze „auch von der Schusswaffe Gebrauch machen“, um Geflüchtete von der Einreise nach Deutschland abzuhalten.

Das war erstmal „nur“ eine Forderung. Eine Forderung, die bedeutet, dass wir geflohene Menschen, die bei uns Schutz suchen, mit Waffengewalt fernhalten würden.

Nun ist diese Forderung Realität geworden: An Europas Grenzen wird auf Geflüchtete geschossen.

Grenzbeamte feuerten am Montag an der slowakischen Grenze auf ein fahrendes Auto, die Kugel traf eine Frau und verletzte sie. Human Rights Watch berichtet, dass es in der Türkei an der Tagesordnung sei, Geflüchtete zu verprügeln und zu töten. Aber keiner regt sich auf. Nur eine weitere Nachricht in unserer Social-Media-Bubble, über die wir einfach so scrollen wie über die Fotos eines Grillabends.

Was stimmt denn nicht mit uns?

Die Debatte über die AfD und den Schusswaffengebrauch an der Grenze als Ultima Ratio eröffnete finstere Gedanken in uns. Haben die Rechtspopulisten der AfD das mit dem Schießen an den Grenzen eigentlich wirklich ernst gemeint? Und haben sie vielleicht sogar Recht mit ihrer Forderung? Wie weit wollen wir denn gehen, um Menschen aufzuhalten, die nur noch ein Ziel haben, nämlich irgendwie nach Deutschland zu kommen?

Noch während wir uns darüber Gedanken machten, welche Mittel wir einsetzen und welche humanitären Katastrophen an den Grenzübergängen wir für unsere Abschottung in Kauf nehmen wollen, ist es passiert. Grenzbeamte haben auf Geflüchtete geschossen. Zwar nicht an der deutschen Grenze und somit weit genug weg, dass wir es bequem verdrängen können. Aber eben doch innerhalb der EU.

Wollen wir wirklich in einem Europa leben, in dem Waffengewalt gegen Hilfesuchende Normalität ist? Wenn unsere Antwort „Nein“ ist, liegt es in unserer Verantwortung, etwas zu ändern. Wir dürfen nicht länger zuschauen und nicht länger schweigen. Nach humanitären Werten zu leben heißt auch, sich einzumischen, wenn jemand fordert, auf Menschen zu schießen.

Wir alle müssen mehr Menschlichkeit zeigen. Politiker in Europa sind in der Pflicht, sich zu derartigen Vorfällen zu äußern und sie zu verurteilen. Nur so können wir die finsteren Gedanken wieder loswerden, die durch die Politik der Abschottung entstanden sind.