Schulverbot, weil Papa ein Mafiaboss ist? Eine italienische Mutter wehrt sich

Im süditalienischen Bari darf ein Zehnjähriger nicht zur Schule, weil sein Vater Mafioso ist. Seine Mutter akzeptiert das nicht – und geht zur Polizei.

© Mario Laporta//AFP/Getty Images

Italienische Polizei © Mario Laporta//AFP/Getty Images

Der Pate muss draußen bleiben: Das dachten sich die Direktoren von vier Mittelschulen im süditalienischen Bari. Sie verweigern einem zehnjährigen Jungen den Schulplatz, weil er den Nachnamen eines bekannten Mafia-Clans trägt und sein Vater – „il boss“ – seit Jahren im Gefängnis sitzt.

Das ist kein Einzelfall in Süditalien. Die Schulen dort sollen seit Jahren Kinder von Mafiosi ablehnen. Die „ehrenwerte Gesellschaft“ ist bei den meisten Italienern geächtet, das Schulsystem macht da keine Ausnahme. Die Mutter des Zehnjährigen wollte sich das aber nicht länger bieten lassen. Sie schaltete die Polizei ein.

Die Frau hatte zuvor die selbe Prozedur schon einmal durchmachen müssen; mit dem älteren Bruder des Zehnjährigen, den ebenfalls keine Schule aufnehmen wollte. Die Argumente in solchen Fällen sind immer die selben: Klassenräume „zu voll“, Anmeldung „zu spät“. Im Fall ihres jüngsten Sohnes kassierte die Mutter Absagen von den vier Mittelschulen Pascoli, Carducci, Imbriani und Quasimodo Melo. In einer weiteren Schule kam keine Klasse zustande. Der Zehnjährige musste zuhause bleiben.

Kinder der wirklich mächtigen Mafia-Clans werden oft von Privatlehrern zuhause unterrichtet; vielleicht mit ein Grund, warum die Mafia die Schulen in diesen Belangen nicht stärker unter Druck setzt. Sie verdient ihre Milliarden mit Drogen, Prostitution und Immobiliengeschäften. Streitereien mit dem italienischen Bildungssystem sind eher nicht ihre Sache.

„Wir sind sauber“

Die Mutter des Zehnjährigen aus Bari bestand hingegen darauf, dass ihr Sohn eine Schule besuchen darf. Sie schaltete die Carabinieri ein. Nichts. Sie wandte sich an die Gemeinde. Nichts. Sie wandte sich an das Schulamt. Wieder nichts. Überall hieß es, man suche nach einer „schnellstmöglichen Lösung“. Eine Formulierung, so deutsch, man hätte sie Süditalien kaum zugetraut.

Der italienische Staat macht es sich hier sehr einfach: Der Sohn eines Mafioso ist qua Geburt ebenfalls ein Mafioso. Der Gedanke, dass man mit Bildung und Erziehung besonders einen Zehnjährigen noch gut erreichen könnte, kommt den Zuständigen offenbar nicht. In Bari weiß jeder, was das bedeutet: Geht ein Kind nicht zur Schule, landet es auf der Straße. Und wird erst recht kriminell – Mafia oder nicht.

Schließlich erreichte der Fall der Mutter die Direktorin des regionalen Schulamts, die sich persönlich kümmerte. Sie hat nun angeblich einen Platz für den Zehnjährigen gefunden – und will von den vier anderen Schulen konkrete Belege, dass diese tatsächlich überfüllt seien.

Die Mutter des Zehnjährigen überlegt, Anzeige zu erstatten. „Ich will Gerechtigkeit für meinen Jungen“, wird sie zitiert. „Es kann nicht sein, dass die Fehler der Väter auf die Kinder zurückfallen“. Abgesehen vom inhaftierten Vater habe die restliche Familie mit der Mafia auch nichts zu tun. Sagen die Großeltern des Jungen. „Wir sind sauber“.