„Science not silence“ – Auch in New York demonstrieren Tausende für die Wissenschaft

Die Demonstrierenden des March of Science in New York waren zahlreich, aber eher leise. Unsere Autorin Marie-Luise Goldmann war dabei – und ist sogar einem Trump-Wähler begegnet.

In einer Woche werden es 100 Tage gewesen sein. 100 Tage Trump. Auch wenn der March for Science, für den am Samstag weltweit Tausende auf die Straße gingen, nicht direkt als Anti-Trump-Demo geplant war, steckt der Name des US-amerikanischen Präsidenten implizit in jedem hochgehaltenen Schild und schwingt in jeder gerufenen Parole mit.

Denn Trump ist derjenige, der droht, Forschungsgelder zu kürzen und den Kampf gegen den Klimawandel von seiner Prioritätenliste zu streichen. Er ist derjenige, dessen Einreisebeschränkungen ausländische Wissenschaftler*innen beeinträchtigen und der eine Pressesprecherin hat, die den Begriff  „alternative Fakten“ ins Leben rief.

Deshalb ist es auch kein Wunder, dass sich die Demonstrierenden für den March for Science in New York am gestrigen Samstag um 10 Uhr ausgerechnet vor dem Trump-Hotel am Central Park versammeln. Dennoch gibt der Protest auf den ersten Blick Rätsel auf. Das fängt schon mit der Frage an, wofür eigentlich protestiert wird. Oder mit der Star Wars-Musik, die aus den Lautsprecherboxen tönt.

„The Oceans are Rising! And so are we!“

Die einen schreien „Innovation for the Nation“, tragen weiße Kittel und Nerdbrillen. Andere tragen Sonnenblumen im Haar und sehen aus, als wären sie den 1960ern entlaufen. Sie halten mit Buntstiften bemalte Schilder hoch, auf denen Erdkugeln kleben, um die herum süße Tiere tanzen. „The Oceans are Rising! And so are we!“, schreien sie.

Es wird für Fortschritt und neue Erfindungen protestiert, aber auch für die Bewahrung des Alten, der Natur und der Artenvielfalt. Manche wiederum stellen die objektiven Forschungsmethoden in den Vordergrund ihres Protests: „What do we want? Evidence-based Science! When do we want it? After Peer-Review!“ Sie fordern beweisbasierte Forschung, die strengen wissenschaftlichen Verfahren folgt.

Im Vorfeld der Demonstrationen hatte es durchaus auch Kritik am March for Science gegeben. Sie richtete sich hauptsächlich gegen dessen politische Botschaft. Einige Wissenschaftler*innen sehen ihre Unabhängigkeit durch die Proteste in Gefahr. Statt neue Erkenntnisse für die Öffentlichkeit zugänglich und relevant zu machen, bedrohe eine Massenversammlung die Forschung, die so auf unglückliche Weise popularisiert, verweichlicht und verwässert werde.

Doreen Densky, Dozentin für Germanistik an der NYU, sieht das anders. Für sie ist die entscheidende Frage nicht, wie politisch Wissenschaft sein darf, sondern im Gegenteil, wie politisch sie sein muss. Die freie Wissenschaft sei von Forschungsgeldern abhängig, die momentan „die Forschungsausrichtung und -resultate vom Gemeinwohl weg in ökonomische Interessen umbiegen.“ Dass Wissenschaft zudem schon immer politisch war, zeige sich am Beispiel von Galileo Galilei. In dessen Prozessen ging es nicht nur um den Konflikt zwischen Gelehrtentum und Religion, sondern auch um den zwischen einer kleinen Elite, die Zugang zu Wissen hatte, und der breiten Masse, die davon ausgeschlossen war.

„Kiss me, I’m a scientist“

Dass sie irgendwann einmal für die Freiheit der Wissenschaft auf die Straße gehen würden, hätte ein Großteil der Demonstrierenden am heutigen Tag in New York wohl nicht gedacht. Ihr Protest unter dem Motto „Science not Silence“ verläuft friedlich und leise. Beinahe niedlich und anrührend muten die Versuche mancher Demonstrierenden an, Wissenschaft sexy zu machen. „Kiss me, I’m a scientist“, trägt jemand vor sich her, überall sind Herzchen und „I love science“ zu sehen. Ein älterer Mann hält einen blauen Fisch aus Pappe in die Luft.

Ein paar Minuten unterhalte ich mich mit einem jungen Mann, der mit dem Hinweis „I am a Trump-Voter. Ask me anything“ aus der Masse heraussticht. Er sei für das, wofür hier alle sind, für die Wissenschaft, für den Umweltschutz und gegen das Postfaktische. Nur, dass er all das unter Trump nicht bedroht sehe. Warum er bei so hehren Zielen denn kein Wissenschaftsschild hochhalte? „Das Trump-Schild finde ich interessanter,“ antwortet er achselzuckend.

Defne Gencler, eine junge Frau, die jeden Abend auf den Bühnen New Yorker Comedy-Clubs feministische Witze erzählt, gibt zu, von den bisherigen Anti-Trump-Protesten eher erschöpft zu sein. Zu anstrengend sei ihr das ganze „Wir gegen die“, die kriegerische Identitätspolitik der Marschierenden, etwa beim Women’s March. Die Wissenschaftsdemo finde sie hingegen erfrischend. Dass Fakten gut sind, darin seien sich ja alle einig, und man müsse sich nicht aus purer Widerrede die Seele aus dem Leib schreien.

Am Ende des Protests stehen wir am Times Square. Der Regen beginnt die Pappschilder der Demonstrierenden aufzuweichen, die neben den riesigen, blinkenden H&M-Models und McDonald’s-Burger an den Wänden der Wolkenkratzer ohnehin verloren aussehen. Besonders laut ist der March for Science in New York bis zum Schluss nicht geworden. Wichtig war er trotzdem.

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