Serie „Ohne meine Eltern“: Warum Menschen den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen

Die Beziehung zwischen Kind und Eltern ist die engste unseres Lebens. Warum bricht sie manchmal im Erwachsenenalter und wie gehen Betroffene damit um? In Teil vier unserer Serie Ohne meine Eltern äußern sich Expert*innen. 

Von hier an ohne euch. Pexels I CC0-Lizenz

Unter dem Kontaktabbruch leiden beide Seiten. Wir konzentrieren uns in der Serie allerdings auf die Sicht der Kinder. Wie Eltern damit umgehen, wenn ihre Kinder den Kontakt zu ihnen abbrechen, lest ihr in diesem Artikel aus dem ze.tt-Archiv.

Wenn Menschen den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, ist das häufig ein leiser Abschied. Es gibt keine wütenden Telefonate, kein Geschirr, das durch die Wohnung fliegt oder knallende Haustüren. Stattdessen: Stille. Keine Reaktion mehr auf Anrufe, SMS, E-Mails oder Briefe. Das erzählt Jochen Rögelein, Familien- und systemischer Therapeut mit Praxis in München, der häufig mit Menschen arbeitet, die den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen haben.

Die Gründe für den Kontaktabbruch sind sehr unterschiedlich. In den Teilen eins bis drei dieser Serie (siehe ganz unten) sind einige der mehr als 30 Menschen zu Wort gekommen, die auf meinen Aufruf, sich zu melden, reagiert haben. Es sind Geschichten von Missbrauch, Gewalt, emotionalem Druck und fehlender Liebe.

Dennoch haben wir Rögelein und zwei weitere Expertinnen gebeten, uns übergeordnete Motive für den Kontaktabbruch zu nennen – soweit dies aus ihrer Sicht möglich ist.

Bindungsstörung

Jochen Rögelein:

© privat

„Das Grundthema hinter dem Kontaktabbruch ist eine fehlende sichere Bindung. Eine gute wertschätzende und sichere familiäre Bindung ermöglicht ein Leben lang Unterstützung, Geborgenheit und Rückhalt. Kinder, die ihre Beziehung zu den Eltern abbrechen, haben eine gestörte Bindung. Das zeigt sich etwa daran, dass nicht alle Kinder, die misshandelt oder geschlagen worden sind, den Kontakt abbrechen. Viele, die misshandelt worden sind, behalten eine enge, aber oft dysfunktionale Bindung und rechtfertigen sogar die Gewalt.

Nicht so bei Kindern mit einer gestörten Bindung. Den Grundstein für den späteren Kontaktabbruch legen die Eltern. Sie sind früh verantwortlich dafür, eine tragfähige Beziehung und sichere Bindung zu ihren Kindern aufzubauen – vor allem in den ersten Lebensjahren. Erst wenn diese erwachsen sind, sind sie für die Beziehungsgestaltung mitverantwortlich. Häufig sind schon die Eltern bindungsgestört.

Wenn eine Bindungsstörung zwischen Eltern und Kind schon vorhanden ist und dann noch zusätzlich etwas passiert, kommt es häufig zum Kontaktabbruch. Aber nicht immer gibt es einen konkreten Auslöser – das ist der Grund, warum viele Eltern nicht verstehen, warum die Kinder den Kontakt abgebrochen haben. Es gibt Beispiele, wo das Kind wegzieht und sich dann einfach nicht mehr meldet. Plötzlich hat es eine neue Nummer oder geht nicht mehr ans Telefon.

Oder der Sohn schreibt der Mutter: Ich komme nicht zu deinem 70. Geburtstag. Die Mutter reagiert nicht auf diese Absage und der Sohn denkt sich: „Sie interessiert es gar nicht, dann ist es ja okay.“ Und dabei bleibt es. Der Schritt passiert stillschweigend. Dann bleibt es bei diesem einen Satz und keiner redet darüber – jahrelang.

Zudem gibt es eine Reihe persönlicher Lebenserfahrungen, die ganz besondere Loyalität der Eltern erfordern. Die Kinder haben zum Beispiel einen fremdländischen Partner, sind homosexuell oder treffen eine Berufswahl, die den Eltern nicht passt. Wenn sie in solchen Situationen nicht unterstützt werden, kann es sein, dass sie den Kontakt abbrechen.“

Fehlende Wertschätzung

© Monique Wernbacher

Tina Soliman, Autorin der Bücher „Funkstille“ und „Der Sturm vor der Stille“ über die Motive für den Kontaktabbruch. Sie hat zwei Bücher über das Thema geschrieben und mit mehr als tausend Betroffenen gesprochen – Kindern und Eltern.

„Bei körperlichem und seelischem Missbrauch ist klar, warum ein Kind den Kontakt zu seinen Eltern abbricht. Es will und muss sich schützen. Aber auch, wer nicht auf diese Art von seinen Eltern gequält wird, will sich in erster Linie schützen, bricht mit ihnen, weil der Kontakt ihm nicht gut tut.

Das Kind fühlte sich vor der Funkstille nicht wahrgenommen, ungeliebt, nicht anerkannt so wie es ist. Das gilt sowohl bei zu viel Fürsorge als auch bei zu wenig Fürsorge, denn in beiden Fällen werden die Bedürfnisse des Kindes übergangen.

Die Betroffenen, mit denen ich gesprochen habe, erzählen mir oft, dass die Atmosphäre in ihrer Familie kalt und lieblos war. Das Gefühl nicht so zu sein, wie die Eltern sie gerne hätten, frustrierte sie. Immer wieder die gleichen Vorwürfe, immer wieder wird das Gesagte – und Ungesagte – von den Eltern überhört. Obwohl die Kinder oft das Gefühl haben, sich klar zu äußern, versichern mir die Eltern jedoch häufig, dass das Kind nicht klar kommuniziert habe. Fassungslos bleiben die Eltern nach einem vermeintlich plötzlichen Abbruch zurück. Die Funkstille ist also vor allem eine Kommunikationsstörung. Die Betroffenen schaffen es nicht, die Konflikte miteinander zu klären.

Für das Kind jedoch ist die Funkstille erst einmal ein Befreiungsschlag und Schutz vor weiteren Verletzungen. Sie ist eine Abwehrreaktion oder sogar Notwehr – ein Bewältigungsversuch. Kompliziert wird es, wenn man glaubt, die Funkstille würde etwas klären. Das ist Unsinn. Es kommt nichts zur Ruhe, eben weil nichts geklärt ist. Alles Unklare beschäftigt uns besonders stark. Die Fronten verhärten sich. Es sei denn, in dieser Zeit der Stille würden beide Seiten die Zeit nutzen, um sich zum Beispiel therapeutische Hilfe zu suchen.“

Fehlende Liebe

Sabine Stendenat, klinische Psychologin und Autorin mit Praxis in Wien:

„Wenn ein Kind den Kontakt zu den Eltern abbricht, liegen schwerste Verletzungen vor. Meist sind sie emotional von ihren Eltern so im Stich gelassen worden, dass sie sich irgendwann sagen: ‚Jetzt reicht’s.‘ Diese Verletzungen liegen oft weit zurück und manchmal reicht dann ein kleiner Anlass, um das Fass zum überlaufen zu bringen. Oft wissen die Abbrecher auch gar nicht genau, was der Grund für den Kontaktabbruch war, sie spüren nur, dass sie sich massiv im Stich gelassen fühlten.“

Auch die Stille schmerzt

Jürgen Rögelein:

Dieses Gefühl geht nicht vorbei, wenn sie erwachsen sind. Sie werden sich im Leben immer verloren fühlen und häufig Bindungsschwierigkeiten in ihren Partnerschaften oder auch eigenen Familien entwickeln, denn das Bedürfnis nach Zugehörigkeit bestimmt Menschen ein Leben lang, bleibt aber auch hier ungestillt.

Tina Soliman:

„Die Kinder leben in einer Ambivalenz: Sie wollen den Kontakt zu den Eltern, ertragen ihn aber nicht. Mir sagen die meisten: ‚Meine Mutter – oder mein Vater – ist der wichtigste Mensch auf der Welt. Aber ich komme mit ihr*ihm nicht klar. Immer wenn wir uns begegnen, geht es mir danach schlecht.‘

Nach meiner Erfahrung, wollen die meisten Eltern den Kontakt und versuchen ihn wiederherzustellen. Sie laden die Kinder zu Familienfesten ein, schreiben Briefe oder sagen: ‚Meine Tür steht dir immer offen.‘ Doch dieser Wille, auf das Kind zuzugehen, muss schon echt sein. Die Kinder spüren, wenn es den Eltern nur darum geht, nicht als schlechte Eltern dazustehen.

Die meisten Kinder reagieren erst einmal für längere Zeit nicht auf diese Kontaktversuche der Eltern, eben weil sie ihnen nicht trauen. Dennoch: Ich denke, dass Eltern immer wieder versuchen sollten, den Faden wieder aufzunehmen, allerdings auf gar keinen Fall in einer drängenden Weise. Denn häufig wurden sie schon vor der Funkstille als übergriffig wahrgenommen.“

Und die Eltern?

Tina Soliman:

Die meisten Eltern wissen im tiefsten Inneren sehr wohl, was das Problem ist. Aber in den ersten Gesprächen heißt es oft, ‚ich weiß überhaupt gar nicht, welche Laus ihm*ihr über die Leber gelaufen ist.‘

Dieses nicht sehen wollen, wo die Ursachen liegen, nicht wahrnehmen zu wollen, dass der Abbruch natürlich auch mit der Mutter oder dem Vater zu tun hat, hat sicherlich einen Grund: Die Eltern müssten sich vielleicht selbst eingestehen, dass sie sich auch nie geliebt gefühlt haben und daher nicht wissen, wie sie dieses Gefühl der bedingungslosen Annahme und Liebe ihren Kindern wiederum entgegen bringen können. Sie müssten also tief in ihre eigene Kindheit tauchen – nicht jeder will das.

Im Grunde ist therapeutische Hilfe das letzte Mittel der Wahl – für beide Seiten.


 An den kommenden zwei Wochenenden erscheint je ein weiterer Teil unserer Serie „Ohne meine Eltern“. In Teil 1 bis 3 kommen Betroffene zu Wort: Kinder, die Opfer von Gewalt geworden sind und solche, die von ihren Eltern im Stich gelassen wurden (Teil 2) oder emotional erpresst werden (Teil 3). 

Teil 5 widmet sich dem umgekehrten Fall: Wie fühlt es sich an, wenn der eigene Vater den Kontakt zum Sohn abbricht? Die Serie endet mit mit einem Protokoll über eine 20-Jährige, die nach einer Zeit der Funkstille wieder Kontakt zu ihrem Vater hat. 

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