Serie „Ohne meine Eltern“: Wenn Eltern ihre Kinder emotional manipulieren

Manche Kinder müssen sich die Liebe ihrer Eltern verdienen. Wenn die emotionale Erpressung zu groß wird, brechen einige sogar den Kontakt ab. Wie kann es so weit kommen?

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Die Beziehung zwischen Kind und Eltern ist die engste unseres Lebens. Warum bricht sie manchmal und wie gehen Betroffene damit um? In einer sechsteiligen Serie gehen wir dieser Frage nach. Wir konzentrieren uns in der Serie auf die Sicht der Kinder.

Wie Eltern damit umgehen, lest ihr in diesem Artikel aus dem ze.tt-Archiv.

Victoria*, 35:

Je älter ich wurde, desto mehr hatte ich das Gefühl, nicht in diese Familie zu gehören. Dass man mal Probleme mit den Eltern hat, ist normal, aber dass ich mich so gar nicht mit meinen Eltern verbunden fühle, hat mich schon irritiert. Wir sind in der DDR aufgewachsen. Ich war als Kind erst den ganzen Tag in der Krippe und dann im Kindergarten. Ich war die Erste, die gebracht wurde und die Letzte, die geholt wurde. 

Meine Eltern sind geschieden. Ich habe zuerst den Kontakt zu meinem Vater abgebrochen. Mein Vater war nie da, höchstens körperlich. Dafür war er immer schon gut darin, einem zu sagen, was für ein schlechter Mensch man ist und dass er selbst der Schönste und der Tollste ist. Wir haben oft stritten. Irgendwann habe ich ihm gesagt, dass er sich nicht mehr melden braucht. Ich hatte genug von der Manipulation. Er hat sich danach nicht wirklich Mühe gegeben, Kontakt aufzunehmen.

Ich dachte mir immer: Wenn dem Elternteil etwas am eigenen Kind liegt, setzt es doch Himmel und Hölle in Bewegung, um herauszufinden, was da passiert ist und was man machen kann.“

Einige Jahre später habe ich auch den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen. Als ich klein war, hatte sie einen Knoten in der Brust. War zwar gutartig, aber Brustkrebs liegt bei uns in der Familie. Sie sagte zu mir: „Wenn es bösartig ist, würde ich keine Chemo machen“ – es würde sich eh keiner um mich kümmern. Das hat mich wütend gemacht.

Ich hatte mir schon als Kind angewöhnt, sie einfach reden zu lassen. Wenn sie fertig war, bin ich in mein Zimmer gegangen und habe die Tür zu gemacht. Ich habe so oft die Klappe gehalten, bin nicht auf Diskussionen eingegangen. In der Hoffnung, wir könnten irgendwann wie normale Erwachsene miteinander reden. Irgendwann habe ich auch ihr gesagt: „Jetzt reicht’s.“ Ihre Antwort: „Du bist nicht konfliktfähig.“ Mir war es ab da egal.

Wenn sie danach angerufen hat, habe ich das Telefon ignoriert. Sie hat mir Briefe geschrieben, ich habe sie gar nicht erst aufgemacht. Sie ist der Typ, der allem und jedem die Schuld daran gibt, dass es ihr nicht gut geht.

Wir Kinder waren schuld, dass ihr Leben nicht so verlaufen ist, wie sie es wollte.“

Ich weiß, meine Eltern hatten auch nicht die schönsten Kindheiten, sie wurden beide von ihren Eltern geschlagen. Aber zu hören: Wenn du nicht wärst, …, tut schon weh. Ich sollte immer ihr Prestigeobjekt sein. Nun hab ich aber nicht studiert, sondern nur eine Ausbildung gemacht. Ich war wohl nicht das Vorzeigekind für meine Eltern.

Den Kontakt zu meinen Eltern abzubrechen war schon eine Befreiung. Wenn meine Mutter in Therapie gehen würde, würde ich wieder mit ihr reden. Wenn sie sich Hilfe holt, bin ich die Letzte, die sie nicht unterstützt. Sie ist immer noch meine Mutter. Aber wenn sie sich selbst nicht helfen lässt, geht das für mich nicht. Es gibt Situationen, da kommt es hoch, da bin ich traurig. Da würde ich schon gerne Eltern haben, die ich kontaktieren kann. Aber ich hab’s akzeptiert.

Sara*, 23: 

Ich hatte immer das Gefühl, dass ich eine gute Kindheit hatte. Ich habe nie erlebt, wie meine Eltern sich gestritten haben. Ich habe meinen Vater zwar nicht oft gesehen, weil er viel Nachtschicht hatte und tagsüber schlief, aber ich hatte trotzdem ein gutes Verhältnis zu ihm. Auch meine Mutter hat viel gearbeitet. Als ich neun war, haben sie sich scheiden lassen. Mir ging es damit furchtbar, aber ich habe nie eine Antwort bekommen, wieso sie sich getrennt haben. Nach der Scheidung bin ich zu meiner Mutter und meine Schwester zu meinem Vater gezogen. Ich war oft alleine.

Sie hatte einige Affären und hat dann den Mann kennengelernt, den sie auch geheiratet hat. Als ich zwölf war, ist der bei uns eingezogen, ohne dass ich ihn kennenlernen konnte. Wir haben uns nicht gut verstanden. Meine Mutter hat mit 40 noch einmal ein Kind bekommen und unser Verhältnis wurde immer schlechter. Ich bin psychisch krank geworden. Ich habe mich selbst verletzt. Ich habe mich heimlich am Oberschenkel geritzt. Ich wollte nicht, dass es jemand entdeckt. Irgendwann habe ich mich selbst geschlagen, damit ich keine Wunden habe. 

Meine Mutter hatte selbst immer Phasen, in denen es ihr schlecht ging. Sie hatte oft Migräne und extreme Stimmungsschwankungen. Als Kind habe ich das alles nicht verstanden, heute weiß ich, dass sie depressiv war. Sie war immer unzufrieden mit ihrem Leben. Ich habe mich oft nicht getraut, sie anzusprechen. Ich glaube schon, dass sie gemerkt hat, dass es mir schlecht ging. Aber sie wollte es nicht wahrhaben. Sie war oft überfordert. Ich wollte gar nicht, dass sie weiß, wie es mir geht. Oder dass sie sich um mich kümmert.

Wenn ich früher mal krank war – und wenn es nur eine Erkältung war – hat sie immer gesagt: ‚Stell dich nicht so an.'“

Zu dieser Zeit impfte meine Mutter mir immer wieder ein, dass mein Vater ein Alkoholiker sei, keinen Unterhalt zahle und sich einen Dreck um mich scheren würde. Also bin ich irgendwann nicht mehr zu ihm gegangen.

Mit 19 bin ich zum Studieren ausgezogen. Am Anfang war der Kontakt zu meiner Mutter rege da. Er war sogar besser im Vergleich zu der Zeit, als ich noch zu Hause gewohnt hab. Anfang 2016 geriet ich in schwere Geldnot. Ich wollte mit meiner Uni auf eine Exkursion, aber bekam nicht so viel Geld auf einmal zusammen. Ich hatte überlegt, meine Mutter anzurufen, doch die hatte auch keines. In einer Kurzschlussreaktion rief ich meinen Vater an, zu dem ich fast zehn Jahre keinen Kontakt mehr hatte. Ich habe ihm meine Situation geschildert. Er fragte mich: „Warum nimmst du nicht das Geld, das ich dir monatlich schicke?“ Und ich so: „Was für ein Geld?“ Dann sagte er mir, dass er seit der Scheidung, seit ich 16 bin, 125 Euro auf ein Konto für mich überweist. Zum Beweis hat er mir Kontoauszüge geschickt. Das Geld habe ich nie gesehen, meine Mutter hat es sich eingesteckt.

Ich bin zu ihr hingefahren und wollte mit ihr sprechen. Sie hat es so gedreht, dass sie mich ja alleine erziehen musste und ihr das Geld daher zustehe. Sie hat mir vorgeworfen, dass ich ein raffgieriges Stück sei. Das Gespräch ist dann total eskaliert. Sie ist auf meine Schwester losgegangen, die mich begleitetet hat. Im Versuch, meine Schwester zu schützen, habe ich meiner Mutter wehgetan. Sie schlug mich zurück. Sofort kam sie mit ihrer Standardtour: „Was habe ich nur für schlimme Kinder?“

Das war der Punkt, an dem ich nicht mehr konnte. An dem ich wusste, dass ich nichts mehr mit ihr zutun haben möchte. Es war einfach zu krass. Es geht mir gar nicht um das scheiß Geld, sondern darum, dass sie mich angelogen hat. Dass sie immer gesagt hat, dass mein Vater so ein schlechter Mensch sei.

Seit dieser Begegnung, im März 2016, habe ich kein Wort mehr von ihr gehört. Das letzte Jahr war furchtbar. Ich wusste einfach gar nichts mehr. Es ist ein Teil in mir gestorben seitdem.

Ich habe keine Grundlage mehr, auf die ich bauen kann. Wem kann ich wie trauen? Was kann ich noch glauben?“

Dieses Grundvertrauen in diese Person, die eigentlich für dich da sein sollte, war zerstört. Mir tat es auch so unendlich für meinen Vater leid, weil ich ihm nie eine Chance gegeben hab. Weil ich immer gedacht habe, er wäre so ein Arschloch. Ich habe immer meiner Mutter geglaubt. Die Zeit, in der ich ihn gehasst habe, weil ich dachte, er sei so ein Schwein, bekomme ich nie wieder zurück. Er hat diese Zeit verpasst. Das tut weh.

Seit dem Telefonat, als er mir von dem Geld erzählte, haben wir noch zweimal telefoniert. Wir haben viel über meine Mutter geredet. Es ist schön, dass auch er meine Mutter kennt. Es tat gut, das zu teilen, es konnte sonst niemand nachvollziehen. Zu Ostern hat er mir eine Karte geschrieben, ich habe mich bedankt. Meine Schwester und ich überlegen, ihn dieses Jahr mal zu besuchen. Wir möchten ihm die Chance geben, dass er mit uns Frieden schließt. Er fehlt mir schon und ich würde gern eine bessere Beziehung zu ihm aufbauen. Es ist nur leider schwierig, denn wir wissen einfach nicht, was wir uns sagen sollen. Wir wissen einfach nichts übereinander.

Zudem ist mein Vater sehr stur. Der würde nicht anrufen, wenn es nicht einen Grund gäbe, wie meinen Geburtstag. Da ruft er schon an. Aber wenn ich ihn anrufe, dann freut er sich schon. Das merke ich. 

Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, wieder meiner Mutter gegenüber zu treten. Was passieren müsste, wäre, dass sie einsieht, dass sie richtig große Scheiße gebaut hat und das nicht mehr gut machen kann. Ich wünsche mir, dass sie sich entschuldigt, aber eine Beziehung wünsche ich mir eigentlich nicht mehr. Nur meinen kleinen Bruder würde ich gern wiedersehen.


In Teil 1 bis 3 unserer Serie „Ohne meine Eltern“ kommen Betroffene zu Wort: Kinder, die Opfer von Gewalt geworden sind (Teil 1), die von ihren Eltern im Stich gelassen wurden (Teil 2) oder emotional erpresst werden (Teil 3). In Teil 4 werden sich sich Expert*innen zum Thema Kontaktabbruch äußern. Teil 5 wird sich dem umgekehrten Fall widmen: Wie fühlt es sich an, wenn der eigene Vater den Kontakt zum Sohn abbricht? Die Serie endet mit mit einem Protokoll über eine 20-Jährige, die nach einer Zeit der Funkstille wieder Kontakt zu ihrem Vater hat. 

* alle Namen geändert