Warum es gut ist, mit deinen Profs zu flirten

Für mehr Erotik zwischen Professor*innen und Studierenden plädiert Marie-Luise Goldman in ihrer Serie „Arbeit und Philosophie“.

daaarta / photocase.de

"Erst, was erregt, motiviert zur leidenschaftlichen Beschäftigung." daaarta / photocase.de

„Die Liebe ist die beste Lehrmeisterin“, schrieb der römische Dichter Plinius und nahm damit eine Wahrheit vorweg, die heute wohl jede*r Erasmus-Student*in unterschreiben kann: „Eine Sprache lernt man am besten im Bett“. Bereits im Wort „Seminar“, das vom lateinischen „Semen“, also von dem Samen kommt (der sich zum Beispiel im Klassenzimmer säen und verteilen lässt), steckt die Verbindung von Sex und Pädagogik. Die Bezeichnungen „Doktor-Vater“ oder „Doktor-Mutter“ legen ebenfalls eine innige, familiäre und von Liebe geprägte Beziehung nahe.

Jane Gallop, US-amerikanische Professorin für Englische und Vergleichende Literaturwissenschaften erzählt in ihrem Buch „Feminist accused of sexual harassment“ (1997) offen, mit welchen Professoren sie als Studentin aus welchen Gründen Sex hatte und mit welchen Student*innen sie heute als Professorin schläft.

Ohne Spur von Reue entwirft Gallop ein radikales Plädoyer für erotische Pädagogik, für das sexualisierte Klassenzimmer und für Erkenntnis, die nicht von Liebe getrennt werden darf. Wenn man erotische Beziehungen zwischen Professor*innen und Student*innen verbietet, so Gallop, könne man das Lehren auch gleich mitverbieten.

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Gallop schreibt, ihre Professoren verführt zu haben, um sie menschlicher und verletzlicher zu machen, sie nackt zu sehen und ihnen den Anzug der Autorität abzustreifen. Aber das alles nicht mit der Intention, Bildung weniger ernst zu nehmen. Im Gegenteil: Mit ihren Professoren zu schlafen, half ihr, besser und selbstbewusster zu arbeiten: „Screwing these guys definitely did not keep me from taking myself seriously as a student. In fact, it seemed to make it somewhat easier for me to write. Seducing them made me feel kind of cocky and that allowed me to presume I had something to say worth saying.“

Umgekehrt gilt das Gleiche: Später, als Gallop selbst Professorin ist, gibt es Student*innen, die ihr in alle Seminare folgen und bei jedem ihrer Vorträge in der ersten Reihe sitzen, erregt von dem Gedanken, diese mächtige Frau vor ein paar Stunden noch im Bett gehabt zu haben. Welche Motivation, sich in den frühen Morgenstunden in einen überfüllten Vorlesungssaal zu bewegen, könnte stärker sein?

Grenzen überschreiten

Viele dieser Argumente lassen sich auch auf andere Arbeitsverhältnisse übertragen: Wer mit seinen Vorgesetzten schläft oder flirtet, spürt womöglich einen ähnlichen Reiz, Grenzen zu überschreiten und auf die „andere Seite“ des Machtgefüges zu gelangen. Motiviert zur Arbeit zu gehen und mit jedem Schritt das Gefühl zu haben, etwas Bedeutendes zu tun. Sich gegenseitig zu pushen und die Arbeit ernster zu nehmen, als je zuvor.

Gesellschaftlich sind solche erotischen Verhältnisse zwischen Vorgesetzten und Mitarbeiter*innen oder zwischen Lehrenden und Studierenden auch deshalb tabuisiert, weil zwischen den Beteiligten ein ungleiches Machtverhältnis herrscht. Das kann problematisch sein, wenn es um Sex geht. Andererseits lässt es sich aber auch nicht verhindern.

Wäre ein bestehendes Machtgefälle schon Grund genug, Sex zu verbieten, müsste man ihn konsequenterweise auch in jeder anderen Beziehung verurteilen. Laut Gallop sollte man Student*innen nicht auf ihre Opferrolle reduzieren, sondern ihnen die Fähigkeit zusprechen, sich aus freiem Willen für oder gegen Sex zu entscheiden – auch über Machtgrenzen hinweg. Nur dann könne eine klare Unterscheidung von Belästigung und Sex aufrechterhalten werden, die erstere strikt verurteilt. Eine Annäherung sollte immer von der*dem Studierenden ausgehen.

Angst vor der Lust

Vor allem an amerikanischen Universitäten fällt eine klare Unterscheidung immer schwerer. Missbrauchsvorwürfe, in denen Student*innen davon berichten, wie Professor*innen sie gegen ihren Willen angefasst und geküsst haben, häufen sich.

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Leider entsteht aus diesen Tendenzen, sexuelle Belästigungen einzudämmen, eine Atmosphäre, in der es schwer fällt, noch persönlich zu sein, ohne verdächtigt zu werden. In der Belästigung und freundschaftliches Verhalten immer mehr verschwimmen. Das ist problematisch, denn es relativiert die Belästigung und macht das freundschaftliche Verhalten unmöglich. Auch Jane Gallop wurde bereits von zwei Studentinnen wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt, und vom Gericht freigesprochen.

In solch einer Atmosphäre wie sie derzeit am US-Campus herrscht, spricht man statt vom Flirt lieber von „safe spaces“, „trigger warnings“ und der Sensibilisierung für „micro aggressions“. Hinter diesen Konzepten steckt die Idee, sich und andere vor unangenehmen Empfindungen schützen zu müssen.

Motivation durch Leidenschaft

Die strikte Trennung von Sexualität und Arbeit, wie sie heute im Beruf und an der Uni vollzogen wird, schützt uns aber nicht nur vor Schmerzen und Peinlichkeiten (wenn überhaupt!), sondern sie bewahrt uns auch vorm Lernen selbst.

Denn: Erst, was weh tut, brennt sich ins Gedächtnis. Erst, was erregt, motiviert zur leidenschaftlichen Beschäftigung. Und erst, was im tiefsten Kern trifft, stachelt uns zu Höchstleistungen an.

Marie-Luise Goldmann ist Philosophin und promoviert an der New York University. Die früheren Artikel ihrer Serie „Arbeit und Philosophie“ findet ihr hier.