Sieben Dinge, die ich auf einer Kuschelparty gelernt habe

Was für Menschen gehen auf Kuschelpartys? Swinger, Freaks, Verzweifelte? Unser Autor war dort – und hat dabei auch einiges über sich selbst gelernt.

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Eng umschlungen auf einer Kuschelparty wie hier in München? Philip Buchen hat es sich angesehen. © picture alliance

Vor einer Party war ich lange nicht mehr so aufgeregt. Ich hab drei Stunden auf einer Kuschel-Party in Köln verbracht. Und obwohl ich nur zugeschaut habe und nicht mitgemacht habe, war ich am Ende erleichtert, dass ich gehen konnte. Aber in dieser Zeit habe ich viel darüber gelernt, wie so eine Party wirklich abläuft – was für Menschen dort hingehen und warum ich dort fehl am Platz bin.

Auch gekaufte Intimität ist straff durchorganisiert

Als ich das erste Mal Kuschelparty hörte, dachte ich an ein buntes Durcheinander von Fremden, die alle versuchen, sich zu berühren. In Köln sind rund 40 Leute gekommen: Vom Hipster mit Hornbrille bis zur 60-Jährigen, die sagt: „Monogamie ist auch überschätzt.“

Entgegen meiner Erwartung ist alles straff organisiert: In einer Gesprächsecke gab es Getränke und Gebäck, bevor es auf die Kuschel-Matten ging. Im Sitzkreis stellten sich die Teilnehmer vor.  Mit dem Kuschelherz in der Hand sprachen sie über ihre Wünsche und welches Kuscheltier sie gerne wären. Beste Antwort des Abends: „Ich wäre ein Mops, und ich möchte ein Herdenkuscheln machen, wo sich viele Leute auf mich drauf werfen.“

Im Anschluss dann verschiedene unterschiedlich lange Kuschelspiele, zum Beispiel das Evolutionsspiel, bei dem die Partygänger sich verhalten sollen wie Plankton im Urmeer: Dabei liegen die Kuschler in einer Art Reissverschluss-Formation nebeneinander, und umstreichen die jeweils ausgestreckten Arme. Jede Kuschel-Phase ist von Organisator Shantidas E. Morawa (55) in einem exakten Zeitplan eingeplant. Das Evolutionsspiel nennt er auch den „Kuschelozean“.

Eine kuriose Mischung aus Meditationskreis und Tupperparty

Während den Kuschel-Übungen ertönt Entspannungsmusik, im Halbdunkeln schwingt Morawas Stimme wie ein Pendel durch den Raum. In der ersten Übung bittet er die Kuschel-Partygänger sich in den „Kuschelozean“ und seine „Inselwelt“ einzulassen. Gleichzeitig wird nebenan, wo Gebäck und Getränke stehen, über Websiten-Entwicklung und das Wetter getratscht.

Es gibt Regeln, und über die wird gekichert

Den ersten Kontakt soll man mit dem Satz „Darf ich dich berühren?“ aufbauen. Wer sich bedrängt fühlt, kann „Nein“ flüstern. Dann sollte der andere aufhören. Am Ende einer Kuschelei bedankt man sich leise und sucht sich den nächsten. Tabu auf der Party sind Alkohol und Drogen, Küssen, der Intimbereich – und „Dry Humping“ – wenn zwei (oder mehr) bekleidete Menschen Sex imitieren. Für die, die es sich nicht vorstellen können, macht Morawa es vor: Er rammelt seine Matratze, greift sich an den Po und dreht sich dazu lachend im Kreis.

Die Menschen sind sehr offen – und schnell verschreckt!

Ich war nie auf einer Party, wo die Gespräche so relaxed waren. Jeder erklärte mir bereitwillig, warum er heute abend hier ist. Innerhalb von Minuten erzählten mir die Partygänger von früheren Depressionen, einem Leere-Gefühl im Alltag oder zerbrochenen Liebesbeziehungen. Johannes* zeigt mir den Kuschelraum, und sagt: „Hier fühle ich mich geborgen, im Alltag hat man oft das Gefühl unsichtbar zu sein. Nach der Kuschelparty bin ich stärker und selbstbewusster.“

Als Kuschelparty-Gast will auch er nicht erkannt werden. Seinen besten Freunden hat Johannes zwar davon erzählt, dass er hier hinkommt – doch den meisten erzählt er nichts. „Viele gucken einen komischen an, da bin ich lieber vorsichtig.“

Ein Single-Fest auf der Kuschel-Party

Zwei oder drei Paare konnte ich auf der Party entdecken, der Großteil der Teilnehmer war Single – und hier auch auf der Suche. Der Kuschel-Party-Organisator Morawa sagt: „Hier haben sich schon sieben Ehepaare kennengelernt“, und lächelt dabei. Eine Single-Börse seien die Knuddel-Abende aber dennoch nicht, sagt er.

In der Umkleide, wo die Kuschler in bequemere Knuddel-Klamotten schlüpfen, erzählt Jonas* mir: „Wenn ich in einer Beziehung wäre, würde ich hier sicher nicht hingehen.“ Frank (48) sitzt da schon am Sitzkreis, und wartet auf den Beginn des Kuschelns. Er ist seit acht Jahren Party-Stammgast. „Ganz ausschalten kann man das Sexuelle nicht“, verrät er.

Frank ist Single, auf den Kuschel-Partys hält er manchmal auch nach Frauen Ausschau, die ihm gefallen: „Ich hab auch diese Single-Partys versucht, aber da hat mich dieser Konkurrenzkampf viel zu sehr ans Dschungelcamp erinnert.“ Wird los gekuschelt, setzt Frank seine Augenbinde auf. “Damit mich das Optische nicht so ablenkt.”

Frank versucht sich immer möglichst früh für die Partys anzumelden, denn seit einiger Zeit achtet Kuschelparty-Chef Morawa darauf, dass gleich viele Frauen und Männer da sind. Frank erklärt: „Früher waren manchmal 10 bis 12 mehr Männer als Frauen da – dann haben nur die Frauen miteinander gekuschelt, und die Männer mit den Männern. Das fand ich nicht so gut.“

Wie auf jeder Party: Man wird abgecheckt!

Die Stimmung ist verspielt bis kokett: Obwohl „das Optische“ keine Rolle spielen soll, suchten wohl alle Kuschler doch vor allem nach den Partygängern, die ihnen gefallen. Ich bekam reichlich Kommentare zu meinem Alter („Mensch, bist du jung!“) und meinem Aussehen („Was macht denn so ein hübscher Mann hier?“), und einen ganzen Strauß von Einladungen direkt mitzukuscheln. Zeit auf Abstand zu gehen! Ich erwähnte meine Freundin, und prompt bekam ich von den Damen eine Einladung, die beim nächsten Mal doch einfach mitzubringen.

Wer verkrampft ankommt, wird hier nicht locker

Meine Angst, von all diesen Fremden berührt zu werden, soll sich legen – das hatte ich zu Beginn des Abends gehofft. Aber das ist nicht passiert. Auf einer „normalen Party“ hätte ich keine Sorge gehabt, dass ich von Fremden berührt oder angetanzt werde, aber hier war ich immer angespannt, immer bemüht, nicht aufzufallen. „Das ging mir auch beim ersten Mal so“, erzählt mir Jonas, der mit mir zusammen die Party verlässt. Jonas kennt die Kuschel-Party schon seit Jahren, an diesem Abend hat er keine Lust mehr: „Ist mir zu warm im Raum, ich komme nicht richtig in die Entspanntheit rein.“

Reinkommen, Sich-Fallen-Lassen, Versinken – diese Worte finden viele Partygänger an diesem Abend. Und ich merke: Wer nicht schon entspannt ist, der wird das hier auch nicht mehr! Alle erfahrenen Partygänger zeigten mir ein Gefühl der Wärme und Lockerheit, die ich – wie wahrscheinlich die meisten – nur guten Freunden entgegenbringe. Und dafür war ich überhaupt nicht bereit.

Es ist einfach zu sagen: Jetzt entspann dich doch mal! Aber sich in einem halbdunklen Raum auf eine Matraze zu legen, und mit fremden Menschen Händchen zu halten, während einige Teilnehmer vor Glück summen – dafür braucht man eine besondere Art der Entspanntheit, die mir fehlt. “Schmusen geht für mich viel tiefer als jeder One-Night-Stand“, erklärt Corinna* auf meinen Einwand, dass man ja auch einfach zu Hause kuscheln könnte.

Nach einem Abend auf der Kuschel-Party bin ich sicher, dass diese Menschen dort wahrscheinlich keine Freaks oder verkappten Swinger sind – wobei dort auch viel über den Unsinn der Monogamie und den Wert einer guten Tantra-Massage gesprochen wurde. Sondern einfach auf der Suche nach diesem Gefühl der eindrucksvoll-tiefen Berührung, die jeder sucht, und jeder auf anderen Wegen findet.

*Name geändert