Sind wir wirklich verliebt oder wollen wir nur unser Ego polieren?

Wer glaubt, verliebt zu sein, hinterfragt die eigenen Gefühle selten. Dabei stecken hinter einer vermeintlichen Verliebtheit oft ganz andere Motive.

Freuen wir uns über den Menschen an sich oder einfach nur darüber, dass überhaupt mal wieder jemand an unserer Seite ist? © yellowbird / photocase.de

Manchmal lohnt es sich, Dinge bewusst zu verkomplizieren. Ein einfaches Gefühl zu nehmen und es so lange hin und her zu drehen, bis man sich sicher ist, was man da vor sich hat.

Verliebt sein, zum Beispiel. Wer verliebt ist, meint ja oft zu wissen, dass es genau dieses Gefühl ist, das einen erwischt hat. Aber so einfach ist das nicht. Manchmal verliebt man sich eher in eine Idee als in einen Menschen und manchmal geht es auch nur um das eigene Ego.

Ego-Pushing

N. hatte sich verliebt und schwärmte zunächst nonstop von dieser Frau. Auch sie sei sehr angetan, klare Sache, meinte er. Und beide, so schien es, würden jetzt mal schauen, wohin diese Verliebtheit führen könnte. Doch das Ganze verlief im Sand. Die anfängliche Begeisterung war wie weggeblasen und N. tat schnell so, als hätte er ihren Namen kaum gekannt.

[Außerdem auf ze.tt: Können wir in zwei Menschen gleichzeitig verliebt sein?]

Ähnlich wie P. Sie hatte ebenfalls sehr von einem neuen Bekannten geschwärmt, alles rosarot und er überhaupt ein kapitaler Fang. Doch dann war plötzlich Schluss. „Das wurde mir alles zu viel, zu schnell, weißt du?“, versuchte sie es zu erklären. „Aber warum auf einmal, du warst doch so verknallt?“ P. wusste es auch nicht.

Was war da los?

Wenn N. und P. ganz, ganz ehrlich zu sich selber wären, wüssten sie, was da los war. Sie waren beide nie wirklich verliebt gewesen. Aber die Gefühle des*r anderen hatten so geschmeichelt, das eben ihr Ego ordentlich poliert wurde. Und so hatten sie sich einer Illusion der Verliebtheit hingegeben, nur um noch ein wenig länger von diesem Kompliment zehren zu können.

Das wurde mir alles zu viel, zu schnell, weißt du?“

Das sind meistens Situationen, in denen wir schon länger single sind und plötzlich taucht da jemand auf, der uns das Gefühl gibt, begehrenswert zu sein. Der uns durch seine*ihre Begeisterung und Zuneigung anstachelt, uns selber wieder lieber im Spiegel anzuschauen. Der*die ganz eindeutig, etwas von einem will. Aber eben auch jemand, den*die wir selbst ziemlich gut finden – nur halt nicht am besten.

Aber gut genug, um dem eigenen Selbstwert wieder etwas Schwung zu geben. Je attraktiver wir diese Person finden, desto besser funktioniert das mit dem Ego polieren. Und wir fühlen uns dabei so geschmeichelt, dass wir fast unweigerlich mit einem Verliebtheitsgefühl antworten. Das ist wie ein Skript.

Ein Date als Statussymbol

Vielleicht vergleichbar mit dem, was die Anthropologin Margaret Mead vor fast 70 Jahren in ihrem Buch Male and Female beschrieb: „Der Junge, der sich nach einem Date sehnt, sehnt sich nicht nach einem Mädchen. Er sehnt sich in einer Situation zu sein, einer öffentlichen Situation, wo andere sehen, dass er ein Mädchen hat, und zwar die richtige Sorte Mädchen, die sich gut kleidet und ihm zuhört.”

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Ja, man merkt dem Text sein Alter an, und Mead geht es auch vornehmlich darum, die US-amerikanischen Beziehungsrituale der damaligen Zeit zu analysieren, aber das Phänomen, das sie beschreibt ist dennoch zeitlos. Und gilt auch für Frauen. Dass Dating dazu führen kann, sich gegenseitig als Statussymbole zu betrachten. Und mithilfe dieses Statussymbols nicht nur das eigene Image, sondern auch das Ego aufzupolieren. Hierbei werden keine eigentlichen Gefühle verhandelt, sondern als Gefühle verkleidete Egotrips.

Das Problem ist, und das haben auch N. und P. gemerkt, dass es nicht ganz leicht ist, das zu merken. Zu merken, wann Schwärmerei und Schmeichelei austauschbar werden. Und wann man, so böse das klingt, eine Person dazu nutzt, das eigene Ego aufzuwerten.

Nicht einfach

Es ist auch deshalb nicht ganz leicht, weil wir uns antrainiert haben, Liebesangelegenheiten nicht zu hinterfragen. Wer glaubt, verliebt zu sein, hat recht und darf daher erst mal losfühlen und Beziehungen anbahnen und wenn es nicht funktioniert, dann funktioniert es eben nicht. Dabei könnte schon ein wenig Selbstreflektion dabei helfen, sich – und in einem solchen Fall vor allem der anderen Person – ein paar Verletzungen zu ersparen.

[Außerdem auf ze.tt: Wie Rituale uns helfen, besser mit Liebeskummer klarzukommen]

Sicher, der Wunsch nach Schwung fürs Ego ist nicht verwerflich. Der ist sogar unterstützenswert. Aber wir haben ja vermutlich alle einen unterbewussten Radar für die Grenzen des eigenen Ego-Pushing. Und den sollten wir aktivieren, wenn wir merken, andere zu Handlangern des eigenen Ego zu machen. Das ist zwar auf jeden Fall nicht einfach. Aber besser.