Skater auf Reisen: Mit drei Euro am Tag und ohne Schlafplatz in Barcelona

Wie sieht eine Reise aus, wenn man fast kein Geld hat und auf der Straße schlafen muss? Eine Skatecrew aus Saarbrücken hat es getestet.

© Dshild

Nils Zoican (links) und Kai Stephany auf ihrem Schlafplatz am Museu d'Art Contemporani de Barcelona. © Dshild

Barcelona gilt unter Skatern als eines der beliebtesten Reiseziele überhaupt. Jahr für Jahr kommen tausende von ihnen dorthin, weil die Bedingungen nahezu perfekt sind: das ganze Jahr über warme Temperaturen, unzählige Spots und ein gutes Nahverkehrssytem. Allerdings dürfte kaum jemand so planen wie die Dshild-Skatecrew aus Saarbrücken. Für ein Hostel war kein Geld da, also schliefen die Jungs einfach auf der Straße. Wir haben mit Nils und Marvin über ihren Trip nach Barcelona gesprochen.

Die Crew

Nils Zoican (21), Marvin Rausch (20) und Modo Matinda (20) haben Dshild vor etwa fünf Jahren in Saarbrücken gegründet. Dass Skater im gleichen Alter sich zusammenschließen, ist nichts Ungewöhnliches. Fast jede größere Stadt hat eine Skatecrew mit eigenem Namen, der oft frei erfunden ist (wie Dshild auch). Man skatet gemeinsam, fährt zusammen in den Urlaub und filmt für Skatevideos. Auch Dshild plant ein neues Video und hat sich dafür auf den Weg nach Barcelona gemacht.

Dshild in Barcelona. © Dshild

Das Budget

„Ich hatte 250 Euro für den gesamten Trip“, erzählt Marvin Rausch, der als Fachkraft für Lagerlogistik rund 550 Euro im Monat verdient. Von den 250 Euro gingen 180 Euro für den Flug drauf. Ihm blieben also 70 Euro für die zwölf Tage, die sie dort hatten. Nils Zoican, der Filmer der Crew, musste mit noch weniger auskommen. „Ich hatte 50 Euro für die gesamte Zeit“, sagt er. Es war also von Anfang klar, dass sie im Freien schlafen würden. „Es ist nicht das erste Mal, dass wir sowas machen“, sagt Zoican.

Er war auch schon in Stuttgart zum Skaten und übernachtete mit einem Freund am Bahnhof, weil er vor Ort noch keine Skater kannte, bei denen er schlafen konnte. In Barcelona war es das zweite Mal, dass Zoican mit Freunden auf der Straße schlief. „Klar würde ich auch lieber im Hotel übernachten“, sagt er, aber nicht zu verreisen, weil er wenig Geld hat, kommt für ihn nicht in Frage. „Als Filmer habe ich immer Angst, was zu verpassen. Ich will immer dabei sein.“

Sebastian Boudier gönnt sich ’ne Pause. © Dshild

Der Schlafplatz

Das Museum D’Art Contemporani de Barcelona, kurz Macba, ist für Skater so etwas wie Mekka für Muslime. Fast jeder Skater will dort einmal gewesen sein. Der Boden ist perfekt zum Skaten, die Granitkanten in der richtigen Höhe. Dementsprechend trifft man dort den ganzen Tag über Skater aus der ganzen Welt. Auch für Dshild war das Macba der erste Anlaufpunkt. „Es war der einzige Ort, an dem wir uns etwas auskannten“, sagt Zoican. Ungefährlich ist es dort nicht. Unter Skatern kursieren Geschichten über gestohlene Rucksäcke, Videokameras und Skateboards. „Damit uns das Zeug nachts nicht geklaut wird, haben wir uns einfach drauf gelegt“, erzählt Rausch.

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Auf der Suche nach Pappe als Unterlage für die Nacht fand Zoican in einem Park in der Nähe des Macba eine alte Matratze. „Die haben wir dann quer gelegt, damit mehr Leute drauf passen“, sagt Zoican. Als sie eines Morgens aufwachten, lagen Obdachlose direkt neben ihnen. „Die haben sich in der Nacht zu uns gelegt, wahrscheinlich wegen der Matratze.“ Erst war er genervt, aber später freundeten sie sich mit ihnen an und künftig stand morgens eine Tüte Bocadillos und Kaffee da – bereitgestellt von den Obdachlosen.

Viel Schlaf bekamen die Skater aus Saarbrücken ohnehin nicht. „Wir waren jede Nacht bis zwei oder drei wach und morgens um sechs kommt die Straßenreinigung und weckt dich“, sagt Rausch, der nicht mal einen Schlafsack dabei hatte. „Den hab ich zu Hause vercheckt.“ Um nachts nicht zu frieren, zog er sich drei Pullis und drei Hosen an.

Gute Nacht. © Dshild

Die Hygiene

Klar, wer auf der Straße schläft, hat weder Dusche noch Toilette. Es gibt in Barcelona am Strand aber eine öffentliche Dusche. Rausch sagt, dass er jeden dritten Tag geduscht hat. Einer seiner Freunde habe während der gesamten Zeit nur ein Mal geduscht hat. „So richtig fresh haben wir uns nicht gefühlt, aber es ging klar“, sagt er. Zum Zähneputzen oder um aufs Klo zu gehen, mussten sie warten, bis das Macba gegen 12 Uhr öffnete – dort befindet sich eine öffentliche Toilette.

No shower? No problem. © Dshild

Das Essen

Wer zwischen drei und fünf Euro am Tag hat, kann nicht groß einkaufen. „Wir sind immer in den Supermarkt und haben Brot und Sachen zum Belegen gekauft“, sagt Rausch. Wenig überraschend: „Ich hab während des Trips richtig abgenommen.“ Große Abwechslung bot der Speiseplan nicht. „Ich konnte das Toastbrot irgendwann nicht mehr sehen“, sagt Zoican. „Als ich heimgekommen bin, hab ich mir erstmal einen Döner gegönnt.“

Daily hustle. © Dshild

Das Fazit

„Wenn man es sich gönnen kann, würde ich schon auch ein Hotel nehmen“, sagt Zoican. Andererseits ist die Erfahrung auf der Straße zu schlafen auch intensiver. „Wenn man offen und cool ist, kommt man überall klar.“ Er hatte das Gefühl, integriert worden zu sein, sowohl von den Skatern als auch von den Obdachlosen am Macba. „Wenn ich nicht viel Geld hätte, würde ich es auf jeden Fall noch mal machen“, sagt er.

Auch Rausch ist sich sicher, dass er noch mal auf der Straße schlafen würde. Er sagt aber auch: „Klar pennt man in einem Bett besser. Man merkt morgens schon, dass man nicht so gut schläft.“ Ende Juli fährt er wieder nach Barcelona. Wo er dann übernachtet, ist noch nicht ganz klar. Er sagt: „Ich überlege, ob ich mir dieses Mal nicht ein Hostel nehme.“


Dieser Text ist inspiriert von einem Artikel, der im Solo Skate Mag erschienen ist: Dshild Crew Interview – Dirty Ghetto Kids am Macba