Slacktivism – mit einer App den Hunger bekämpfen?

Mit ein paar Klicks von zu Hause aus 40 Cent und damit einem Kind im Libanon eine Mahlzeit spenden: Das nennt sich Slacktivism. Ein Beispiel dafür ist die App ShareTheMeal. Doch was passiert nach dem Klick?

Foto: ShareTheMeal

Schupps. Klick. Spende. Foto: ShareTheMeal

Slacktivism ist eine Kombination aus Aktivismus und Relaxtheit. Ein Slacktivist „hilft“ vom Sofa aus – bei Popcorn oder Milchkaffee. Ein*e Slacktivst*in liked „Refugee Welcome“-Seiten, würde aber nicht auf der Straße demonstrieren. Er*sie unterschreibt Online-Petitionen für eine fahrradfreundlichere Stadt. Der Wirkungsgrad reicht selten über die Grenzen der digitalen Welt hinaus.

Vor einem Jahr gründeten die Unternehmensberater Sebastian Stricker und Bernhard Kowatsch ShareTheMeal. Damals arbeiteten sie zusammen für UN World Food Programme (WFP), das die App heute finanziert. Das aktuelle Ziel der App: 1.500 geflüchtete Kinder unter zwölf Jahren im libanesischen Bar Elias zwölf Monate lang ernähren.

„Mit wenigen Berührungen auf dem Smartphone ermöglicht es uns die App, 40 Cent an das UNO Welternährungsprogramm zu spenden – die durchschnittlichen Kosten, um ein hungerndes Kind ein Tag lang zu ernähren“, erklärt Sebastian Stricker, Co-Initiator der Spenden-App ShareTheMeal. 40 Cent – davon kaufen wir uns ein Brötchen.

Der Handlungsbedarf ist offensichtlich: 795 Millionen Menschen auf der Erde haben nicht genug zu essen. Weltweit sterben jährlich 3,1 Millionen Kleinkinder an Unterernährung. Gleichzeitig landen etwa 1,3 Milliarden Tonnen an Lebensmitteln pro Jahr im Müll.

40 Cent für einen Tag lang satt sein

Am Anfang von Strickers und Kowatschs Idee zu der App standen nicht Mitleid oder persönliches Schicksal, sondern zwei Fragen mit ökonomischem Fokus: Wie viel kostet es, das Hunger-Problem zu lösen? Und: Ist es die Verantwortung der Gesellschaft, den Wohlstand und die vorhandenen Ressourcen zu teilen?

Stricker und Kowatsch betrachten das Problem der sozialen Asymmetrie, hungernder Kinder und drohender Nahrungsmittelkatastrophen aus einer rational-analytischen Perspektive. Ihr Prinzip: Minimaler Aufwand + wenig Transaktionskosten + sinnvoller Output = Hunger gestillt. Ein weltweite Herausforderung in einer Formel. Das scheint simpel. Aber funktioniert es?

ShareTheMeal macht es uns leicht

Foto: Screenshots/ Marieke Reimann
1. Der Nutzer entscheidet sich mir einem Klick für eine Spende. Foto: Screenshots/ Marieke Reimann

ShareTheMeal macht spenden einfach und bequem. Während Nutzer*innen der App auf der Couch, im Café oder in der Bahn sitzen, können sie sich spontan für eine Spende entscheiden – ohne realen Kontakt zu dem, was vor Ort passiert. Dabei besteht die Gefahr, dass die gute Tat nur das Gewissen beruhigt, obwohl im Großen und Ganzen nicht viel bewegt wird. Der*die Nutzer*in muss sich nicht tief gehend mit der Thematik auseinandersetzen.

Im Falle von ShareTheMeal heißt das: Zurücklehnen und mit dem Finger auf dem Bildschirm rumfahren. Klick. Spende. Wie komplex das Problem wirklich ist, wissen Nutzer*innen wahrscheinlich nicht. Und welchen Teil wir, der globale Norden, zur sozialen Ungerechtigkeit und dem Hunger im globalen Süden beitragen, möchten sie vielleicht auch gar nicht wissen.

Foto: Screenshots/ Marieke Reimann
4. Der Nutzer wählt die Summe, die er spenden möchte: 40 Cent für einen Tag, eine Woche für 2,80 Euro oder ein Jahr für 128 Euro. Der Spendenbetrag wird über Paypal an die UN weitergeleitet. Ab diesem Schritt ist die Aufgabe der App erledigt. Die UN leitet die entsprechenden Beträge an die lokalen Partnerorganisationen vor Ort. Foto: Screenshots/ Marieke Reimann

Millenials spenden mit Apps

Slacktivism gehört in die Generation der Millenials. In Deutschland kommen nur zwölf Prozent des deutschen Spendenvolumens von Menschen unter vierzig Jahren. Die über Sechzigjährigen bringen mehr als die Hälfte der Gesamtspenden auf. Das ist bei ShareTheMeal anders. Neunzig Prozent der Nutzer sind jünger als 45.

Es ging uns nie darum, andere Wohltätigkeitsorganisationen auszuschalten oder ihre Spender abzuwerben“, erklärt Stricker. „Wir haben versucht, mit der Zeit zu gehen, darin liegt der Unterschied. Damit erschließen wir eine neue Zielgruppe, die ohne die ShareTheMeal vielleicht nie einen Cent gespendet hätte, oder sich aktuell vergleichsweise wenig im Kampf gegen Hunger engagiert.“

Helfer*innen im libanesischen Bar Elias definieren die Menschen vor Ort als bedürftig (oder auch nicht) und verteilen Spenden-Gutscheine, mit denen sie dann in lokalen Läden Lebensmittel ihrer Wahl einkaufen können. Doch Bar Elias ist ein fruchtbares Land. Es würde mehr Sinn ergeben, die Arbeitsbedingungen der Lohnarbeiter zu verbessern und die lokale Wirtschaft zu unterstützen. „Hilfe zur Selbsthilfe“ nennt sich das Prinzip, das spätestens seit der Idee der nachhaltigen Entwicklung Anfang der 1990er auf der Agenda der Entwicklungspolitik steht.

Hilfe – zu kurz gedacht?

Auf der Webseite schreibt ShareTheMeal: „Wir geben ihnen ein Gefühl von Stabilität“. Aber allein das Gefühl kann keinen Hunger nachhaltig stillen und keine bessere Zukunft garantieren. „Es gibt viel zu viel zu tun“, sagt Stricker. ShareTheMeal heilt Symptome, doch die Ursachen bleiben. Nachhaltig ist das nicht. Eine Welt ohne ShareTheMeal würde jedoch ein wenig mehr hungern.